ANALYSE

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - STIMME DES WESTENS -

Deutsch­land ist für die Rad­sport­in­dus­trie der wich­tigs­te Markt. Zu ei­nem Rad­sport­land ist es den­noch nicht ge­wor­den. Die gro­ße Skep­sis ge­gen­über der Dis­zi­plin ver­hin­dert kind­li­che, vor­be­halt­lo­se Freu­de.

gut aus­ge­wo­ge­ne Kost hin­aus­ge­hen. Dass vor zwei Jah­ren der Welt­re­kord­ler Usain Bolt der ein­zi­ge un­ter den zehn bes­ten Sprin­tern auf dem Glo­bus ist, den noch kei­ne Do­ping­sper­re er­eilt hat, bringt je­den­falls kei­ne Boy­kott­be­we­gung in Gang.

Schwe­re Do­ping­fäl­le hat es bei der Tour län­ger nicht mehr ge­ge­ben. Des­we­gen zu be­haup­ten, „der Radsport ist zu 98 Pro­zent sau­ber“, wie es der deut­sche Pro­fi To­ny Mar­tin tut, ist trotz­dem sehr ge­wagt. Das fin­den wohl auch die meis­ten Sport­fans, und das ist ei­ne Er­klä­rung da­für, war­um die Be­geis­te­rung für die Tour 2017, die mor­gen en­det, kei­nen Ver­gleich zur Be­geis­te­rung für die Tour 1997 aus­hält. Renn­di­rek­tor Chris­ti­an Prud­hom­me hat ein sehr an­schau­li­ches Bild für die deut­sche Hal­tung. „Die Deut­schen“, sagt er, „ha­ben ei­ne er­wach­se­ne Be­zie­hung zur Tour de Fran­ce ent­wi­ckelt.“Kind­li­che, vor­be­halt­lo­se Freu­de hat da kei­nen Platz.

Der zwei­te Grund für die eher vor­neh­me Be­trach­tung der Tour: Die Deut­schen brau­chen Hel­den, um sich für ei­ne Sport­art zu er­wär­men. Sie­ger, die stell­ver­tre­tend für das Land ge­win­nen, Men­schen, die über den Sport hin­aus­wach­sen. Die deut­schen Fans nei­gen zur Ver­klä­rung, we­ni­ger zu fach­li­cher Be­geis­te­rung. Da­rin un­ter­schei­den sie sich von tra­di­tio­nel­len Rad­sport­län­dern wie Spa­ni­en, Frank­reich, Ita­li­en oder den Be­ne­lux­staa­ten. Dort wird der Hy­pe um Ull­rich eben­so er­staunt zur Kennt­nis ge­nom­men wie die deut­sche Ent­rüs­tung über Do­ping. Die tie­fe Ab­nei­gung der Jah­re 2006/07 fin­den Fran­zo­sen, Hol­län­der und Ita­lie­ner mo­ra­lin­sau­er – ty­pisch deutsch eben.

Es ist ein ku­rio­ser Zu­fall, dass Deutsch­land zwar im­mer noch kein Rad­sport­land ist, da­für aber der wich­tigs­te Markt für die Rad­sport­bran­che. Die Kauf­leu­te se­hen die Tour üb­ri­gens wie die Fans. „Der Radsport“, sag­te der Sport­rechts­ex­per­te Hans Mahr dem „Han­dels­blatt“, „ist wie­der in­ter­es­san­ter ge­wor­den. Aber es feh­len die gro­ßen Stars wie Jan Ull­rich. Über sol­che Per­sön­lich­kei­ten konn­te man den Sport ver­mark­ten.“Auch hier geht es al­so um Hel­den. Ty­pisch deutsch.

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