„Selbst­stän­di­ge in die ge­setz­li­che Ren­te ein­be­zie­hen“

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - WIRTSCHAFT -

Die Vor­sit­zen­de des Vor­stands der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung und Ge­werk­schaf­te­rin über das Wahl­kampf­the­ma Ren­te.

Frau Buntenbach, reicht die Ren­te ei­nes DGB-Bun­des­vor­stands­mit­glieds für ei­nen Ur­laub? BUNTENBACH Ja, al­le­mal. Da bin ich auf der Son­nen­sei­te. Vie­le an­de­re al­ler­dings nicht. „Ei­ne Ren­te, die für den Ur­laub reicht“ist Teil Ih­rer Kam­pa­gne, mit der der DGB die Ren­te zum zen­tra­len Wahl­kampf­the­ma ge­macht hat. Dem Kon­zept wel­cher Par­tei kön­nen Sie am meis­ten ab­ge­win­nen? BUNTENBACH Wir be­nö­ti­gen ei­nen Kurs­wech­sel: Das Ren­ten­ni­veau muss auf dem heu­ti­gen Ni­veau sta­bi­li­siert wer­den. Das ha­ben SPD und Grü­ne in ihr Wahl­pro­gram­men auf­ge­nom­men. Lang­fris­tig muss das Ni­veau aber wie­der stei­gen – wir mei­nen auf 50 Pro­zent, die Lin­ke spricht so­gar von 53 Pro­zent. Die CDU ist da­ge­gen auf ei­nem Ren­ten-Irr­weg: Sie wei­gert sich, ein Ren­ten­kon­zept auf den Tisch zu le­gen. Statt­des­sen spielt die Uni­on auf Zeit und will das Pro­blem ei­ner Ren­ten-Kom­mis­si­on über­las­sen. So zu tun, als könn­te man die Pro­ble­me bei der Ren­te aus­sit­zen, ist kurz­sich­tig. Wenn das Ni­veau wei­ter sinkt, re­den wir hier dem­nächst über mas­si­ve Al­ters­ar­mut und feh­len­de Ak­zep­tanz für das gan­ze Sys­tem. Ein Ren­ten­ni­veau von 50 Pro­zent klingt zwar gut, muss aber auch fi­nan­ziert wer­den – und zwar von im­mer we- ni­ger Ar­beit­neh­mern. Wie soll das ge­lin­gen? BUNTENBACH Die schlech­te Nach­richt: Die Kos­ten des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels kann man nicht weg­re­for­mie­ren. Das schaf­fen we­der die ge­setz­li­che Ren­te noch der Ka­pi­tal­markt. Wir ste­hen aber doch jetzt vor ei­ner Si­tua­ti­on, in der der Bei­trag zur ge­setz­li­chen Ren­te in je­dem Fall steigt. Wir kön­nen na­tür­lich sa­gen: Wir las­sen al­les, wie es ist. Das hie­ße dann aber, dass der Bei­trag steigt und das Ren­ten­ni­veau trotz­dem im­mer wei­ter sinkt. In

dem Fal­le wür­de ich als jun­ger Mensch auch ir­gend­wann sa­gen, da ma­che ich nicht mehr mit. Ge­nau des­halb sa­gen wir, das Sys­tem muss at­trak­tiv blei­ben, und das geht nur über Leis­tungs­an­he­bung. Aber auch die muss be­zahlt wer­den. BUNTENBACH Des­halb müs­sen wir wie­der da­hin kom­men, dass die Bei­trä­ge pa­ri­tä­tisch fi­nan­ziert wer­den. Heu­te muss der Ar­beit­neh­mer zu­sätz­lich zu sei­nem ge­setz­li­chen Ren­ten­bei­trag vier Pro­zent pri­vat vor­sor­gen. In­zwi­schen ist klar, dass man den Lü­cken pri­vat gar nicht hin­ter­her­spa­ren kann, die in der ge­setz­li­chen Ren­te ge­ris­sen wor­den sind – und über den Ka­pi­tal­markt ist das viel ris­kan­ter und teu­rer. War­um kön­nen die Ar­beit­ge­ber nicht ei­nen ähn­li­chen Bei­trag über­neh­men, und al­les geht in die Stär­kung der ge­setz­li­che Ren­te? Zu­dem kann und muss man auch den Bun­des­zu­schuss er­hö­hen. Und Din­ge wie die An­glei­chung der Ost- und We­st­ren­ten und die Müt­ter­ren­te dür­fen nicht mehr über Bei­trä­ge fi­nan­ziert wer­den, son­dern mit Steu­er­mit­teln. Was schwebt Ih­nen für die Zu­kunft der Ren­te vor? BUNTENBACH Wir müs­sen wie­der stär­ker dar­über nach­den­ken, wen wir in den Schutz der So­zi­al­ver­si­che­run­gen ein­be­zie

hen. Was ist mit den Selbst­stän­di­gen, die nicht an­der­wei­tig ab­ge­si­chert sind? Die soll­ten un­be­dingt rein. Wir müs­sen auch dar­über re­den, wie Auf­trag­ge­ber mit in die Ver­ant­wor­tung ge­nom­men wer­den, da­mit So­lo-Selbst­stän­di­ge nicht al­les al­lei­ne schul­tern müs­sen. Au­ßer­dem müs­sen wir die kom­men­den Jah­re da­zu nut­zen, mehr Frau­en in Er­werbs­tä­tig­keit zu brin­gen und mehr pre­kä­re in ver­nünf­tig ab­ge­si­cher­te Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se um­zu­wan­deln. Das bringt Steuer­und Bei­trags­ein­nah­men, die das Ren­ten­sys­tem sta­bi­li­sie­ren. Die FDP möch­te das star­re Ren­ten­ein­tritts­al­ter ab­schaf­fen. Gu­te Idee? BUNTENBACH Über­haupt nicht. Rei­che kön­nen sich frü­her zu­rück­leh­nen und die Ren­te ge­nie­ßen, wäh­rend Är­me­re län­ger ar­bei­ten müs­sen. Und auch die stän­di­ge Dro­hung, man müs­se ein hö­he­res Ren­ten­ein­tritts­al­ter ha­ben, ist Blöd­sinn. Was wir be­nö­ti­gen, ist ein rea­lis­ti­sches Al­ter. Ist 65 schon zu hoch? BUNTENBACH Nein, 65 war ein gu­tes Ren­ten­ein­tritts­al­ter – wenn be­rück­sich­tigt ist, dass, wer nicht mehr kann oder schon ewig ar­bei­tet, auch frü­her raus kann. Die An­he­bung auf 67 war aber nichts an­de­res als ei­ne ver­kapp­te Ren­ten­kür­zung, weil kaum je­mand so lan­ge im Job blei­ben kann. Dann er­klä­ren Sie doch mal den Um­stand, dass schon heu­te je­der ne­un­te 65- bis 74-Jäh­ri­ge er­werbs­tä­tig ist, dop­pelt so vie­le wie 2006. So aus­ge­brannt kön­nen die nicht sein. BUNTENBACH Wer län­ger im Job blei­ben kann und will, der soll das auch dür­fen. Aber al­lein die Zahl, die Sie nen­nen, zeigt ja: Das ist ei­ne sehr klei­ne Grup­pe. Und ich be­haup­te mal, vie­le von ih­nen müs­sen ar­bei­ten ge­hen, weil sie sonst mit ih­rer Ren­te nicht über die Run­den kä­men. Aber viel mehr Ar­beit­neh­mer schaf­fen es nicht bis zum Ren­ten­ein­tritts­al­ter und müs­sen ho­he Ab­schlä­ge in Kauf neh­men. Ist es nicht Auf­ga­be der Ge­werk­schaf­ten, Ar­beits­be­din­gun­gen durch­zu­set­zen, da­mit mehr Men­schen das Ren­ten­ein­tritts­al­ter er­rei­chen? BUNTENBACH Na­tür­lich, und wir tun da auch un­ser Mög­lichs­tes. Aber die Po­li­tik muss die rich­ti­gen Re­geln set­zen und die Ar­beit­ge­ber müs­sen auch mit­spie­len. Von den Ar­beit­ge­bern ver­neh­men wir ja ge­ra­de ge­gen­tei­li­ge Tö­ne: Da wird ver­sucht, un­ter dem Deck­män­tel­chen der Di­gi­ta­li­sie­rung die Ar­beits­be­din­gun­gen eher zu ver­schlech­tern – et­wa durch ei­ne Auf­wei­chung der Ru­he­zeit-Re­ge­lun­gen. Da wün­sche ich mir mehr Weit­sicht vom So­zi­al­part­ner. Was wä­re denn aus Ih­rer Sicht ein gu­tes Ren­ten­ein­tritts­al­ter? BUNTENBACH Wir müs­sen für die Men­schen fle­xi­ble­re Über­gän­ge von der Ar­beit in die Ren­te hin­be­kom­men, als sie heu­te mög­lich sind. Am bes­ten wä­re ein Kor­ri­dor zwi­schen 60 und 67, in dem man lang­sam aus dem Ar­beits­le­ben glei­tet – al­so nicht mehr voll ar­bei­tet. Die De­tails lie­ßen sich ta­rif­lich aus­ge­stal­ten. Statt­des­sen hän­gen wir an star­ren Al­ters- gren­zen. Die Ar­beit­ge­ber und die Po­li­tik müs­sen ein­fach von die­ser Ent­we­der-oder-Men­ta­li­tät weg­kom­men, dass man im­mer nur 100 Pro­zent oder gar nicht ar­bei­tet. MA­XI­MI­LI­AN PLÜCK FÜHR­TE DAS IN­TER­VIEW.

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