Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG - © 2013 DTV, MÜN­CHEN

In je­nem Jahr re­de­ten die jün­ge­ren Do­zen­ten zu Be­ginn des Herbst­se­mes­ters von kaum et­was an­de­rem, und meh­re­re er­klär­ten ih­re Ab­sicht, sich ei­ner Ein­heit von Frei­wil­li­gen an­zu­schlie­ßen, um für die Loya­lis­ten zu kämp­fen oder ei­nen Sa­ni­täts­wa­gen zu fah­ren. Ge­gen En­de des ers­ten Se­mes­ters je­nes Stu­di­en­jah­res hat­ten ei­ni­ge den Schritt ge­macht und über­eilt ih­re Kün­di­gung ein­ge­reicht. Sto­ner dach­te an Da­ve Mas­ters und be­kam den al­ten Ver­lust mit er­neu­ter In­ten­si­tät zu spü­ren. Er muss­te aber auch an Archer Slo­a­ne den­ken und er­in­ner­te sich, wie vor nun­mehr gut zwan­zig Jah­ren die Sor­ge lang­sam al­le Iro­nie aus sei­nem Ge­sicht ver­drängt und die Ver­zweif­lung das har­te Selbst­bild all­mäh­lich zer­setzt hat­te – in ge­rin­ge­rem Ma­ße glaub­te er neu­er­dings ein we­nig von je­ner Ver­geu­dung zu se­hen, die Slo­a­ne vor­her­ge­ahnt hat­te. Bei dem Ge­dan­ken an die Jah­re aber, die sich vor ihm er­streck­ten, wuss­te er, dass das Schlimms­te noch be­vor­stand.

Wie Archer Slo­a­ne be­griff er, welch ei­ne Ver­geu­dung und Sinn­lo­sig­keit es be­deu­te­te, sich ganz je­nen ir­ra­tio­na­len und dunk­len Kräf­ten zu über­las­sen, von de­nen die Welt ih­rem un­be­kann­ten En­de ent­ge­gen­ge­trie­ben wur­de; und wie Archer Slo­a­ne es ge­tan hat­te, zog auch Sto­ner sich ein we­nig in Mit­leid und Lie­be zu­rück, wes­halb ihn die all­ge­mei­ne Rast­lo­sig­keit ver­schon­te, die er über­all be­ob­ach­ten konn­te. Und wie in an­de­ren Mo­men­ten der Kri­se und Ver­zweif­lung wand­te er sich er­neut je­nem ver­hal­te­nen Glau­ben zu, der in der In­sti­tu­ti­on Uni­ver­si­tät zum Aus­druck kam. Er sag­te sich, dies sei ge­wiss nicht viel, doch wuss­te er, dass es al­les war, was er hat­te.

Im Som­mer 1937 flamm­te die al­te Lei­den­schaft fürs Stu­die­ren und Ler­nen wie­der auf, wes­halb er mit der ur­ei­ge­nen, un­kör­per­li­chen Tat­kraft des Ge­lehr­ten, die we­der Ju­gend noch Al­ter kennt, zu dem ein­zi­gen Le­ben zu­rück­kehr­te, das ihn nie ent­täuscht hat­te. Und er stell­te fest, dass er sich von die­sem Le­ben trotz al­ler Ver­zweif­lung nicht all­zu weit ent­fernt hat­te.

Der Wo­chen­plan fiel für ihn in je­nem Herbst­se­mes­ter be­son­ders nach­tei­lig aus. Sei­ne vier Ein­füh­rungs­kur­se für Erst­se­mes­ter fan­den an sechs Ta­gen die Wo­che zu weit aus­ein­an­der­lie­gen­den St­un­den statt. Wäh­rend sei­ner ge­sam­ten Zeit als Fach­be­reichs­vor­sit­zen­der hat­te Lo­max ihm stets ei­nen Un­ter­richts­plan zu­ge­wie­sen, mit dem sich selbst neue Do­zen­ten nur mur­rend ab­ge­fun­den hät­ten.

Am ers­ten Un­ter­richts­tag des aka­de­mi­schen Jah­res saß Sto­ner früh in sei­nem Bü­ro und stu­dier­te er­neut den sau­ber ab­ge­tipp­ten Un­ter­richts­plan. Am Abend zu­vor war er lan­ge auf­ge­blie­ben, um ei­ne neue Ab­hand­lung über das Fort­wir­ken mit­tel­al­ter­li­cher Ein­flüs­se auf die Re­nais­sance zu le­sen, und die Be­geis­te­rung, die er beim Le­sen ge­spürt hat­te, klang auch jetzt noch in ihm nach. Er stu­dier­te den Plan, und dump­fer Är­ger be­gann sich in ihm zu re­gen. Ei­ni­ge Au­gen­bli­cke lang starr­te er die Wand an, dann warf er er­neut ei­nen Blick auf den Plan, nick­te, warf Plan und an­ge­häng­te Lek­tü­re­lis­te in den Pa­pier­korb und trat an den Ak­ten­schrank in ei­ner Ecke des Zim­mers. Er zog die obe­re Schub­la­de auf, mus­ter­te zer­streut die brau­nen Map­pen, fisch­te ei­ne her­aus, blät­ter­te sie durch und pfiff da­bei stumm vor sich hin. Dann schloss er die Schub­la­de, ver­ließ mit der Map­pe un­term Arm das Bü­ro und ging über den Cam­pus zu sei­nem ers­ten Se­mi­nar.

Er be­trat ein al­tes Ge­bäu­de mit Holz­fuß­bo­den, das nur noch in Notfällen für den Un­ter­richt ge­nutzt wur­de; der ihm zu­ge­wie­se­ne Raum war zu klein für die An­zahl der Stu­den­ten, die sich für den Kurs ein­ge­tra­gen hat­ten, wes­halb ei­ni­ge der jun­gen Leu­te ste­hen oder auf den Fens­ter­bän­ken sit­zen muss­ten. So­bald Sto­ner her­ein­kam, sa­hen sie ihn ner­vös oder un­si­cher an; er moch­te Freund oder Feind sein, und sie wuss­ten nicht, was schlim­mer wä­re.

Er ent­schul­dig­te sich bei den Stu­den­ten für die Rä­um­lich­kei­ten, mach­te ei­nen klei­nen Witz auf Kos­ten des Se­kre­ta­ri­ats und ver­si­cher­te je­nen, die stan­den, dass es mor­gen Stüh­le für sie ge­ben wer­de. Dann leg­te er die Map­pe auf das ram­po­nier­te Le­se­pult, das wack­lig auf sei­nem Tisch stand, und ließ den Blick über die ihm zu­ge­kehr­ten Ge­sich­ter wan­dern.

Er zö­ger­te ei­nen Mo­ment, ehe er sag­te: „Wer sich von Ih­nen die Tex­te für die­sen Kurs ge­kauft hat, kann sie in die Buch­hand­lung zu­rück­brin­gen und sich das Geld er­stat­ten las­sen. Wir wer­den uns auch nicht mit dem Text be­fas­sen, der auf der Lek­tü­re­lis­te steht, die Ih­nen ge­wiss aus­ge­teilt wur­de, als Sie sich für die­sen Kurs ein­ge­schrie­ben ha­ben. Eben­so we­nig wer­den wir die Bü­cher auf be­sag­ter Lek­tü­re­lis­te be­nö­ti­gen. Ich be­ab­sich­ti­ge, mich in die­sem Kurs dem The­ma auf an­de­rem We­ge zu nä­hern, wes­halb ich Sie bit­ten muss, sich zwei neue Tex­te zu kau­fen.“

Er wand­te sei­nen Stu­den­ten den Rü­cken zu, nahm ein Stück Krei­de aus der Scha­le un­ter der zer­schramm­ten Ta­fel und hielt ei­nen Mo­ment in­ne, um auf das ge­dämpf- te Seuf­zen und Ge­ra­schel der Stu­den­ten zu lau­schen, die es sich an ih­ren Ti­schen be­quem mach­ten und sich in­ner­lich auf die plötz­lich wie­der so ver­trau­te Rou­ti­ne ein­stell­ten.

„Die Tex­te, die wir brau­chen“, sag­te Sto­ner und be­ton­te die Wor­te ein­zeln, wäh­rend er sie an die Ta­fel schrieb, „sind Mit­tel­al­ter­li­che Ly­rik und Pro­sa, her­aus­ge­ge­ben von Loo­mis und Wil­lard, so­wie Eng­li­sche Li­te­ra­tur­kri­tik: Das Mit­tel­al­ter von J.W.H. At­kins.“Er wand­te sich zum Se­mi­nar um. „Sie wer­den fest­stel­len, dass die­se Tex­te noch nicht in den Buch­hand­lun­gen vor­rä­tig sind – es könn­te bis zu zwei Wo­chen dau­ern, ehe sie ein­tref­fen. In der Zwi­schen­zeit wer­de ich Ih­nen ei­ni­ge Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zu The­ma und Ziel die­ses Kur­ses so­wie ei­ni­ge Bi­b­lio­theks­hin­wei­se ge­ben, um Sie vor­läu­fig zu be­schäf­ti­gen.“

Er schwieg. Vie­le Stu­den­ten beug­ten sich über ih­re Ti­sche und schrie­ben sei­ne Wor­te eif­rig mit; ei­ni­ge mus­ter­ten ihn un­ver­wandt mit ei­nem ver­stoh­le­nen Lä­cheln, das klug und ver­ständ­nis­voll wir­ken soll­te, an­de­re da­ge­gen starr­ten ihn in of­fe­nem Er­stau­nen an.

„Die Grund­la­gen für die­sen Kurs“, er­klär­te Sto­ner, „fin­den Sie in der Antho­lo­gie von Loo­mis und Wil­lard; wir wer­den Bei­spie­le mit­tel­al­ter­li­cher Ly­rik und Pro­sa un­ter drei­er­lei Blick­win­keln ge­nau­er be­trach­ten, zum ei­nen als für sich be­deut­sa­me li­te­ra­ri­sche Wer­ke, zum an­de­ren als Ex­em­pel für die An­fän­ge von Stil und Me­tho­de in der eng­li­schen Li­te­ra­tur und zum drit­ten als rhe­to­ri­sche wie gram­ma­ti­sche Lö­sun­gen von Dis­kurs­pro­ble­men, die selbst heu­te noch von ei­ni­gem prak­ti­schen Wert und Nut­zen sein kön­nen.“(Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.