IN­TER­VIEW HEI­KE HENKEL „Wir wol­len kei­ne Ku­schel-Sport­art“

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - SPORT -

Die Hoch­sprung-Olym­pia­sie­ge­rin von 1992 wünscht sich von der Leichtathletik mehr Be­reit­schaft zur In­no­va­ti­on.

PULHEIM Hei­ke Henkel ent­schul­digt sich. Beim Spa­zie­ren­ge­hen mit dem Hund ha­be sie ein biss­chen die Zeit ver­ges­sen. Des­we­gen sei sie jetzt ein paar Mi­nu­ten zu spät. Um­so mehr Zeit nimmt sich die 53-Jäh­ri­ge dann für das Ge­spräch im Gar­ten ih­res Hau­ses in Pulheim bei Köln, das mit ei­nem Rück­blick be­gin­nen soll: auf ih­ren Olym­pia­sieg im Hoch­sprung am 8. Au­gust 1992, al­so vor fast ge­nau 25 Jah­ren. Was löst bei Ih­nen die Er­in­ne­rung an Bar­ce­lo­na ’92 aus? HENKEL Wenn ich nicht dar­auf hin­ge­wie­sen wer­de, den­ke ich nicht dar­an. Ich se­he die Gold­me­dail­le da­mals so­wie­so nicht los­ge­löst, son­dern als Er­geb­nis der bei­den Olym­pi­schen Spie­le zu­vor, 1984 und 1988, und der vie­len Er­fah­run­gen, die ich in den Jah­ren ge­macht ha­be. Er­fah­run­gen, die ja nicht nur im Olym­pia­sieg 1992 mün­de­ten, son­dern zu­vor schon im EM-Ti­tel 1990 in Split und WM-Gold 1991 in To­kio. HENKEL Ja. Ich konn­te da­mals mehr als zu­frie­den sein, weil ich in die­sen drei Jah­ren wirk­lich al­les ab­ge­räumt ha­be, was mög­lich war. Stört es Sie, dass Ihr Er­folg ein biss­chen im Schat­ten von Die­ter Bau­manns Sieg über 5000 Me­ter steht? HENKEL Ich weiß gar nicht, ob das so ist. Meist wer­den un­se­re Er­fol­ge in Kom­bi­na­ti­on ge­nannt, weil er ja lief, wäh­rend ich ge­sprun­gen bin. War 1992 die Welt der Olym­pi­schen Spie­le noch in Ord­nung? HENKEL Es war im Kern be­stimmt schon im­mer so, dass Sport­ler be­tro­gen ha­ben oder Men­schen an Olym­pia ver­dient ha­ben, die es nicht ver­dient hat­ten. Frü­her wur­den aber ein­fach Din­ge un­ter den Tisch ge­kehrt, wäh­rend heu­te ge­nau­er hin­ge­schaut wird. Do­ping war ja schon 1988 in Seo­ul ein gro­ßes The­ma. Und 1984 in Los An­ge­les war es schon los­ge­gan­gen mit der Kom­mer­zia­li­sie­rung. Wenn Sie heu­te auf die Leichtathletik bli­cken, was se­hen Sie dann? HENKEL Es ist ein biss­chen schwie­rig, ei­nen Blick zu wer­fen, weil die Leichtathletik me­di­al ja kaum statt­fin­det. Man muss schon ge­zielt nach ihr su­chen. Das fin­de ich scha­de. Und dar­un­ter lei­det auch die Wert­schät­zung der Ath­le­ten. Kann Lon­don als WM-Stand­ort im Au­gust da hel­fen? HENKEL Ich hof­fe es sehr. Und ich hof­fe, dass die Ath­le­ten be­grei­fen, wel­che Chan­ce sich ih­nen da bie­tet. Wür­den Sie heu­te ei­nem 16-jäh­ri­gen Ta­lent ra­ten, voll auf die Kar­te Leichtathletik zu set­zen? HENKEL Das hät­te ich so­wie­so nie. Es ist im­mer wich­tig, ne­ben dem Sport ei­ne Aus­bil­dung oder ein Stu­di­um zu ma­chen. Wenn man sich die Leis­tungs­sport­re­form in Deutsch­land an­guckt, dann sol­len am En­de mehr Me­dail­len ste­hen, die aber sol­len un­be­dingt von sau­be­ren Ath­le­ten er­run­gen wer­den. Ist das nicht na­iv? HENKEL Man kann nicht al­les im­mer nur mit Do­ping ent­schul­di­gen. Nicht al­le Me­dail­len wer­den mit Do­ping ge­won­nen. Ich bin über­zeugt, es geht auch oh­ne. Aber na­tür­lich fühlt sich ein Ath­let nicht ernst ge­nom­men, wenn er bei uns re­gel­mä­ßig kon­trol­liert wird, das Gan­ze bei sei­nen Kon­tra­hen­ten im Aus­land aber eher lasch ge­hand­habt wird. Die­ses Pro­blem zu lö­sen, ist nicht ein­fach. Weil Leis­tungs­sport das Stre­ben nach Er­folg nicht aus­klam­mern darf? HENKEL Ja. Neh­men Sie doch die Hah­ner-Zwillinge im Ma­ra­thon­lauf letz­tes Jahr in Rio (An­na und Li­sa Hah­ner lie­fen Hand in Hand als 81. und 82. ins Ziel, Anm. d. Red.). Das kann es doch auch nicht sein. Wir re­den hier ja im­mer noch von Hoch­leis­tungs­sport. Und da er­war­tet man ei­ne ge­wis­se Leis­tung. Da darf der An­spruch hö­her sein. Wir wol­len ja kei­ne Ku­schel-Sport­art be­trei­ben. Wo ha­ben denn sau­be­re Sport­ler über­haupt Ver­bes­se­rungs­po­ten­zi­al? HENKEL Im Kopf. Denn letzt­lich ent­schei­det der Kopf über Sieg oder Nie­der­la­ge. Gut trai­niert sind al­le, und Ta­lent ha­ben auch al­le. Lei­der wird men­ta­les Trai­ning noch viel zu we­nig ernst ge­nom­men. Da liegt ganz viel brach. Ge­ra­de, wenn es um Mo­ti­va­ti­on oder Zu­trau­en geht. Wenn ich gut trai­niert bin, geht es ja dar­um, Leis­tung am Tag x ab­ru­fen zu kön­nen. Und da ist ent­schei­dend, wie sehr der Kopf mit­spielt. Für mich ge­hört men­ta­les Trai­ning schon im Ju­gend­be­reich da­zu. Das mag dem ein­zel­nen Ath­le­ten hel­fen. Und was hilft der Leichtathletik im Gan­zen? HENKEL Ich bin da­für, die Sport­art at­trak­ti­ver zu ma­chen. Es wer­den ja Din­ge aus­pro­biert wie „Ber­lin fliegt“oder „Is­taf In­door“, aber in punk­to In­no­va­ti­on hat die Leichtathletik noch Luft nach oben. Im Hoch­sprung, zum Bei­spiel. Da könn­te man doch sa­gen: Je­der Ath­let hat nur fünf Ver­su­che und muss sie auf die Hö­hen ver­tei­len. Tut sich die Leichtathletik schwe­rer mit Ve­rän­de­run­gen, weil sie olym­pi­sche Kern­sport­art ist? HENKEL Ich glau­be schon. Schau­en Sie sich Bi­ath­lon an. Da hat man sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren span­nen­de Wett­kampf­for­ma­te über­legt. Und ir­gend­wie guckt sich das doch je­der an. Selbst wenn das Bi­ath­lon auch nicht oh­ne Do­ping­fäl­le aus­kommt. Stört Sie am Do­ping ei­gent­lich mehr der Be­trug am Kon­tra­hen­ten oder der am Sport an sich? HENKEL Na­tür­lich stört es ei­nen als Ath­let, wenn ei­nem je­mand mit Do­ping die Me­dail­le stiehlt. Aber mich stört in ers­ter Li­nie die Vor­stel­lung, ein Me­di­ka­ment zu neh­men, was zur Be­hand­lung von Krank­hei­ten ge­dacht ist, was Ein­fluss auf mei­ne Ge­sund­heit nimmt, „nur“um mal auf dem Trepp­chen zu ste­hen. Speer­wer­fer Tho­mas Röh­ler stand in Rio ganz oben auf dem Trepp­chen. Er sagt, er lei­te aus dem Olym­pia­sieg auch ei­ne Ver­ant­wor­tung für sei­ne Sport­art ab. HENKEL Und da­mit hat er recht. Ich weiß nicht, ob das über­haupt al­len Ath­le­ten be­wusst ist. So­bald man als Sport­ler in der Öf­fent­lich­keit steht, ist man ein Vor­bild. Die Ver­trau­ens­wer­te von Leis­tungs­sport­lern sind in Um­fra­gen im­mer noch hoch. Ist das das größ­te Pfund, mit dem der Sport heu­te wu­chern kann? HENKEL Ich fin­de schon. Sport­ler müs­sen kei­ne Hel­den sein, das geht mir zu weit. Aber es sind Men­schen, die Freu­de an der Leis­tung ha­ben. Und die Ei­gen­schaf­ten ha­ben, die an­de­re ger­ne hät­ten. Fleiß, Ziel­stre­big­keit und Aus­dau­er, zum Bei­spiel. Ist Usain Bolt ein Vor­bild? HENKEL Er ist es ein­fach. Da kann man nichts ge­gen ma­chen. Ob nun in ne­ga­ti­ver oder po­si­ti­ver Hin­sicht, muss je­der selbst ent­schei­den. Nach der WM will er die Leichtathletik sich selbst über­las­sen ... HENKEL ... und man fragt sich, wen die Leichtathletik dann noch hat. Auch wer sich nicht für Leichtathletik in­ter­es­siert, kennt doch Usain Bolt. Da muss ganz schnell je­mand hin­ter­her­kom­men, der der Leichtathletik zu neu­em Glanz ver­hilft. Ich se­he nur nie­man­den. STE­FAN KLÜTTERMANN FÜHR­TE DAS GE­SPRÄCH.

FO­TO: IMA­GO

Viel Luft zwi­schen Kör­per und Lat­te: Hei­ke Henkel 1992 bei den Olym­pi­schen Spie­len von Bar­ce­lo­na.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.