Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Mitt­ler­wei­le hat­ten fast al­le Stu­den­ten auf­ge­hört, sich No­ti­zen zu ma­chen, und den Kopf ge­ho­ben; selbst das klügs­te Lä­cheln wirk­te nun recht an­ge­spannt, und ei­ni­ge Hän­de we­del­ten in der Luft. Sto­ner zeig­te auf ei­nen jun­gen Mann mit Bril­le und dunk­lem Haar, des­sen Hand ru­hig auf­rag­te.

„Dies ist doch der Grund­kurs Eng­lisch eins, Sir, Sek­ti­on vier?“

Sto­ner lä­chel­te den jun­gen Mann an. „Wie hei­ßen Sie, bit­te?“

Der Jun­ge schluck­te. „Jes­sup, Sir. Frank Jes­sup.“

Sto­ner nick­te. „Mr Jes­sup al­so. Ja, Mr Jes­sup, dies ist der Grund­kurs Eng­lisch eins, Sek­ti­on vier; und ich hei­ße Sto­ner – bei­des hät­te ich zwei­fel­los zu Be­ginn mei­ner Aus­füh­run­gen er­wäh­nen sol­len. Ha­ben Sie noch ei­ne wei­te­re Fra­ge?“

Der Jun­ge schluck­te „Nein, Sir.“

Sto­ner nick­te wie­der und schau­te sich wohl­wol­lend im Raum um. „Hat sonst noch je­mand ei­ne Fra­ge?“

Die Stu­den­ten starr­ten ihn an; er sah kein Lä­cheln, und ei­ni­ge Mün­der hin­gen weit of­fen.

„Nun gut“, sag­te Sto­ner, „dann wer­de ich fort­fah­ren. Wie zu Be­ginn des Se­mi­nars ge­sagt, ge­hört es zu den Ab­sich­ten die­ses Kur­ses, be­stimm­te li­te­ra­ri­sche Wer­ke aus der Zeit zwi­schen dem 12. und dem 15. Jahr­hun­dert ge­nau­er zu ana­ly­sie­ren. Da­bei ha­ben wir ei­ni­ge Hür­den der His­to­rie zu über­win­den, dar­un­ter lin­gu­is­ti­sche und phi­lo­so­phi­sche, so­zia­le und re­li­giö­se, theo­re­ti­sche und prak­ti­sche Schwie­rig­kei­ten. Ei­gent­lich wird uns so­gar un­se­re ge­sam­te Bil­dung im Weg ste­hen, denn die uns ge­wohn­te Art und Wei­se, über die Na­tur der Er­fah­rung zu

er­neut. den­ken, be­stimmt un­se­re Er­war­tun­gen eben­so ra­di­kal, wie die Ge­wohn­hei­ten des mit­tel­al­ter­li­chen Men­schen die sei­nen be­stimmt ha­ben. Zu Be­ginn wol­len wir da­her ei­ni­ge die­ser Denk­ge­wohn­hei­ten nä­her be­trach­ten, un­ter de­nen der mit­tel­al­ter­li­che Mensch ge­lebt, ge­dacht und ge­schrie­ben hat . . .“

An die­sem ers­ten Un­ter­richts­tag be­hielt er die Stu­den­ten nicht bis zum En­de da. Nach kaum der Hälf­te der Zeit brach­te er sei­ne vor­läu­fi­gen Be­mer­kun­gen zu En­de, gab ih­nen aber übers Wo­che­n­en­de ei­ne Ar­beit auf.

„Ich möch­te, dass Sie mir ei­nen kur­zen Auf­satz, höchs­tens drei Sei­ten, dar­über schrei­ben, was Aris­to­te­les un­ter to­pos ver­stand – ein Wort, das wir nur recht un­zu­rei­chend mit The­ma über­set­zen. Ei­ne aus­führ­li­che Er­ör­te­rung der to­poi kön­nen Sie im zwei­ten Buch der Rhe­to­rik von Aris­to­te­les nach­le­sen, und in La­ne Co­o­pers Aus­ga­be gibt es ei­ne Ein­füh­rung, die Sie ge­wiss hilf­reich fin­den wer­den. Ih­ren Auf­satz er­war­te ich am Mon­tag. Das wä­re für heu­te al­les.“

Nach­dem er das Se­mi­nar ent­las­sen hat­te, sah er sei­ne Stu­den­ten, die sich nicht von der Stel­le rühr­ten, ei­nen Mo­ment lang be­sorgt an. Dann nick­te er ih­nen kurz zu und ver­ließ den Raum, die brau­ne Map­pe un­ter dem Arm.

Am Mon­tag hat­te nicht ein­mal die Hälf­te den Auf­satz ge­schrie­ben; er ent­ließ al­le, die ih­re Ar­beit ab­ga­ben, und ver­brach­te den Rest der St­un­de mit den ver­blei­ben­den Stu­den­ten, sprach mit ih­nen im­mer wie­der das zu­ge­wie­se­ne The­ma durch, bis er da­von über­zeugt war, dass sie es be­grif­fen hat­ten und den Auf­satz bis Mitt­woch schrei­ben konn­ten.

Am Di­ens­tag fiel ihm auf dem Flur vor Lo­max’ Bü­ro ei­ne Grup­pe Stu- den­ten auf, in de­nen er Teil­neh­mer sei­ner ers­ten Se­mi­nar­stun­de er­kann­te. Als er an ih­nen vor­über­ging, wand­ten sie sich ab, senk­ten den Blick zu Bo­den, schau­ten an die De­cke oder mus­ter­ten die Tür zu Lo­max’ Bü­ro. Er lä­chel­te vor sich hin, ging auf sein Zim­mer und war­te­te auf den An­ruf, der nun ge­wiss kom­men wür­de.

Er kam um zwei Uhr nach­mit­tags. Sto­ner griff nach dem Hö­rer, mel­de­te sich und hör­te die so höf­li­che wie eis­kal­te Stim­me von Lo­max’ Se­kre­tä­rin. „Professor Sto­ner? Professor Lo­max möch­te, dass Sie, so bald es geht, aber un­be­dingt noch heu­te Nach­mit­tag, Professor Ehr­hardt auf­su­chen. Professor Ehr­hardt er­war­tet Sie.“

„Wird Lo­max dort sein?“, frag­te Sto­ner.

Die Se­kre­tä­rin schwieg scho­ckiert, dann fuhr sie un­si­cher fort: „Ich . . . ich glau­be nicht – er ist be­reits ver­ab­re­det. Aber Professor Ehr­hardt ist er­mäch­tigt . . .“

„Sa­gen Sie Lo­max, er soll­te lie­ber da sein. Sa­gen Sie ihm, ich bin in zehn Mi­nu­ten in Ehr­hardts Bü­ro.“

Jo­el Ehr­hardt war ein jun­ger Mann An­fang drei­ßig mit be­gin­nen­der Glat­ze. Drei Jah­re zu­vor war er von Lo­max an den Fach­be­reich ge­holt wor­den, und als man her­aus­fand, dass er ein net­ter, erns­ter Mann oh­ne be­son­de­re Ta­len­te und oh­ne je­de Be­ga­bung fürs Un­ter­rich­ten war, hat­te man ihm die Ver­ant­wor­tung für das Erst­se­mes­ter­pro­gramm an­ver­traut. Sein Bü­ro war ein klei­nes Ka­buff am äu­ßers­ten En­de des gro­ßen Saa­les, in dem an die zwan­zig jün­ge­re Do­zen­ten ih­re Ti­sche hat­ten. Um dort­hin zu ge­lan­gen, muss­te Sto­ner durch den gan­zen Raum ge­hen. Als er an den Ti­schen vor­über­kam, blick­ten ei­ni­ge Do­zen­ten auf, grins­ten un­ver­fro­ren und sa­hen ihm nach. Oh­ne an­zu­klop­fen, öff­ne­te Sto­ner die Tür, ging ins Bü­ro und setz­te sich in den Ses­sel vor Ehr­hardts Tisch. Lo­max war nicht da.

„Sie woll­ten mich spre­chen?“, frag­te Sto­ner.

Ehr­hardt, der ei­ne sehr hel­le Haut hat­te, er­rö­te­te leicht, zwang sich zu ei­nem Lä­cheln und sag­te eif­rig: „Wie schön von Ih­nen, Bill, dass Sie vor­bei­kom­men konn­ten.“Ei­nen Mo­ment lang han­tier­te er mit ei­nem Streich­holz und ver­such­te, sei­ne Pfei­fe an­zu­ste­cken. Sie woll­te nicht zie­hen. „Die­se ver­fluch­te Luft­feuch­tig­keit“, sag­te er gries­grä­mig. „Da bleibt der Ta­bak zu klamm.“

„Ich neh­me mal an, dass Lo­max nicht kom­men wird“, sag­te Sto­ner.

„Nein, wird er nicht“, sag­te Ehr­hardt und leg­te die Pfei­fe auf den Tisch. „Ehr­lich ge­sagt war es Professor Lo­max, der mich ge­be­ten hat, mit Ih­nen zu re­den, wes­halb ich . . .“, er lach­te ner­vös, „. . . ei­gent­lich nur so ei­ne Art Bo­ten­jun­ge für ihn bin.“

„Und wel­che Bot­schaft sol­len Sie mir über­brin­gen?“, frag­te Sto­ner tro­cken.

„Nun, wenn ich es recht ver­ste­he, hat es ei­ni­ge Be­schwer­den ge­ge­ben. Stu­den­ten – Sie wis­sen ja.“Er schüt­tel­te be­trübt den Kopf. „Man­che schei­nen zu glau­ben – nun ja, sie be­grei­fen of­fen­bar nicht so ganz, was in Ih­rem Se­mi­nar um acht Uhr früh vor sich geht. Professor Lo­max dach­te . . . al­so ge­nau ge­nom­men, schät­ze ich, be­zwei­felt er, dass es sinn­voll ist, sich den Pro­ble­men ei­nes Grund­kur­ses über . . . über das Stu­di­um der . . .“

„Mit­tel­al­ter­li­chen Spra­che und Li­te­ra­tur zu nä­hern“, sag­te Sto­ner.

(Fort­set­zung folgt)

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