Lasst uns den Geist der Stadt er­hal­ten

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON MARK NIER­WET­BERG

Glad­bach soll Al­tes nicht zu schnell ab­rei­ßen und durch 08/15-Neu­bau­ten er­set­zen, for­dert der Di­gi­tal-Ex­per­te Mark Nier­wet­berg.

Vor­ab ge­sagt: Das hier ist kein La­men­tie­ren über die Un­fä­hig­keit der Ver­wal­tung oder der Po­li­tik. Es ist ein Ap­pell an al­le: An die Ver­wal­tung, an die Po­li­tik und an die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, die Ei­gen­tü­mer von Im­mo­bi­li­en sind.

Es geht um den Ab­riss der ehe­ma­li­gen Tex­til­fa­brik an der Neu­hof­stra­ße, die zu­letzt Stand­ort von „Ed­ler von F.“war. Der Ab­riss ist ein trau­ri­ges Bei­spiel für ei­ne Ent­wick­lung, die im Mo­ment über vie­le Städ­te her­ein­bricht: Nen­nen wir es ge­schichts­lo­sen Mo­der­nis­mus.

Seit das Kon­zept „MG+ – Wach­sen­de Stadt Mön­chen­glad­bach“Form an­nimmt, hat sich Eu­pho­rie in der Stadt breit­ge­macht. War­um? Weil es eben nicht nur in St­ei­nen und Ge­bäu­den denkt, son­dern die Stadt als gan­zen Raum im Blick hat. Die vier Säu­len ge­hen in die rich­ti­ge Rich­tung: Stär­kung des Le­bens­und Wohn­raums und der so­zia­len Struk­tu­ren, Ver­bes­se­rung von Um­welt und Mo­bi­li­tät, mo­der­ne Wirt­schafts­struk­tur und Stär­kung der wei­chen Stand­ort­fak­to­ren wie Bil­dung und In­fra­struk­tur.

Aber un­ter der Fah­ne von mg+ ver­brei­tet sich auch ei­ne schrä­ge Art der Auf­bruchs­stim­mung, die da lau­tet: Hur­ra, hur­ra, die In­ves­to­ren kom­men, lasst sie uns bloß nicht ver­schre­cken! Lasst uns schnell Platz ma­chen – für Ab­riss und Neu­bau!

War­um ist das kein Grund zum Ju­beln? Die­se Stadt hat ei­ne His­to­rie, sie war ein Tex­til­stand­ort. Statt die­sen Cha­rak­ter der Stadt in die Mo­der­ne zu trans­for­mie­ren, wird er auf dem Al­tar der Im­mo­bi­li­en­in­ves­to­ren ge­op­fert. In Sicht­wei­te hat der Neu­bau der ME­DIA Cen­tral ge­zeigt, wie es ge­hen kann, wenn ein In­ves­tor nicht nur Qua­drat­me­ter-zu Eu­ro-Op­ti­mie­rung im Sinn hat. Da wur­de um ei­ne al­te Fas­sa­de ein Ge­bäu­de ge­schaf­fen, das ei­nen mo­der­nen Cha­rak­ter hat und den­noch der His­to­rie noch ein Ge­sicht gibt. Bau­vor­ha­ben wie bei Ed­ler von F., die ein­fach ab­rei­ßen und ge­schichts­lo- se 08/15-Schuh­kar­ton-Glatt­fas­sa­den-Ar­chi­tek­tur er­rich­ten, wer­den uns am En­de mit ei­nem cha­rak­ter­lo­sen 08/15-Stadt­bild oh­ne Ge­schich­te und oh­ne Ei­gen­hei­ten hin­ter­las­sen. Das ist nicht gut für die Stadt.

War­um nicht? Weil Städ­te im­mer mehr zu be­deu­tungs­lo­sen und see­len­lo­sen Ab­zieh­bil­der wer­den, die ein­an­der glei­chen – mo­der­ne Ein­öden aus prag­ma­ti­scher In­ves­to- ren­ar­chi­tek­tur; gut für die Ren­di­te, mehr nicht. Wol­len wir das auch für Mön­chen­glad­bach? Oder wol­len wir die­ser Stadt ei­nen ei­ge­nen Cha­rak­ter ge­ben, der sie nicht aus­tausch­bar macht? An­net­te Bo­nin die pla­nungs­po­li­ti­sche Spre­che­rin der CDU, hat da­zu in ei­ner Dis­kus­si­on auf Face­book ei­nen pas­sen­den Be­griff ver­wen­det: Es geht um den „ge­ni­us lo­ci“– den Geist ei­nes Or­tes. Mag sich ko­misch an­hö­ren, trifft es aber auf den Punkt.

Wenn wir die­sen Geist des Or­tes für un­se­re Stadt nicht wert­schät­zen, dann wa­chen wir ei­nes Ta­ges in ei­ner Stadt auf, die aus­sieht wie all die an­de­ren Struk­tur­wan­delop­fer, sei­en es Es­sen, Dort­mund oder Duis­burg: Kik-Markt rechts, H&M links, ein paar Waf­fel­lä­den, Eu­ro­shops und als Hö­he­punkt ein Va­pia­no; da­zu noch ein biss­chen mo­der­ne Schuh­kar­ton-Wohn­be­bau­ung für al­le ab 80.000 Eu­ro Jah­res­ein­kom­men auf­wärts. Glau­ben wir wirk­lich, dass uns das im Stand­ort-Wett­be­werb ei­nen Vor­teil bringt?

Grund­la­ge je­der gu­ten Mark­tS­tra­te­gie ist Dif­fe­ren­zie­rung. Man kauft ein Pro­dukt nicht, weil es ist wie je­des an­de­re, man kauft ein Pro­dukt, weil es an­ders ist: weil es et­was Be­son­de­res hat, mit ei­ner ei­ge­nen Qua­li­tät. Wenn wir un­se­re Stadt aus­tausch­bar ma­chen, weil die In­ves­to­ren ih­re Ren­di­te-op­ti­mier­te Ar­chi­tek­tur durch­drü­cken wol­len, dann wer­den wir am En­de als Stadt ver­lie­ren, weil wir kei­ne Dif­fe­ren­zie­rung ha­ben. Dann ste­hen über­all mo­der­ne, hüb­sche Schuh­kar­tons, ge­fäl­lig, aber oh­ne Cha­rak­ter.

Wenn die Stadt das Kon­zept mg+ um­set­zen will, dann braucht sie In­ves­to­ren, das ist so, da soll­te nie­mand na­iv sein. Aber müs­sen wir zu al­lem Ja und Amen sa­gen? War­um stär­ken wir nicht Pro­jek­te und Bau­vor­ha­ben von In­ves­to­ren, die Mön­chen­glad­bach an­ders wer­den las­sen, bun­ter, leb­haf­ter, ei­gen­ar­ti­ger - we­nigs­tens an ei­ni­gen Stel­len die­ser Stadt! Wir soll­ten Ak­zen­te set­zen, die nicht nur ein­fach dem mo­der­nen Chic ent­spre­chen, son­dern die den ei­ge­nen Cha­rak­ter der Stadt un- ter­strei­chen. Wir brau­chen end­lich mehr Mut zur Dif­fe­ren­zie­rung und zum ei­ge­nen Ge­sicht, sonst ge­hen wir un­ter im Ein­heits­brei der In­ves­to­ren, die auf der Su­che nach op­ti­mier­ter Ren­di­te sind. Da­für ist Ed­ler von F. ein trau­ri­ges Mahn­mal!

Aber um das zu ver­hin­dern, müs­sen al­le an ei­nem Strang zie­hen: Po­li­tik, Ver­wal­tung und Ei­gen­tü­mer. War­um schüt­zen wir his­to­ri­sche Fas­sa­den und den „ge­ni­us lo­ci“nicht und for­dern de­ren Ein­be­zie­hung in die Mo­der­ni­sie­rung? Weil wir Angst ha­ben, die In­ves­to­ren könn­ten nach Kre­feld oder sonst wo­hin ge­hen? Es gibt in an­de­ren Städ­ten ge­nug Bei­spiel da­für, dass his­to­ri­sche Ar­chi­tek­tur in hoch­wer­ti­ge Im­mo­bi­li­en mo­der­ni­siert wer­den kann.

Lasst uns die Stadt nicht zur cha­rak­ter­lo­sen Mo­dell-Land­schaft für In­ves­to­ren­träu­me wer­den! Wir müs­sen in Zu­kunft noch da­rin le­ben!

FO­TO: DET­LEF ILGNER

Zwi­schen der Neu­hof­stra­ße und der Schwo­gen­stra­ße wur­de die ehe­ma­li­ge Tex­til­fa­brik, die zu­letzt Stand­ort von „Ed­ler von F.“war, ab­ge­ris­sen.

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