Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG - © 2013 DTV, MÜN­CHEN

Ge­nau“, er­wi­der­te Ehr­hardt. „Nun, ich glau­be, ich ver­ste­he, wor­auf Sie hin­aus­wol­len – die Stu­den­ten ein we­nig scho­ckie­ren, sie auf­rüt­teln, neue We­ge ein­schla­gen, sie zum Nach­den­ken brin­gen. Rich­tig?“

Sto­ner nick­te be­däch­tig. „In den Fach­be­reichs­tref­fen zu un­se­ren Erst­se­mes­ter­kur­sen hat es in letz­ter Zeit viel Ge­re­de über neue Me­tho­den und Ex­pe­ri­men­te ge­ge­ben.“

„Ganz ge­nau“, sag­te Ehr­hardt. „Wohl nie­mand steht Experimenten auf­ge­schlos­se­ner ge­gen­über als ich selbst, doch – viel­leicht ge­hen wir manch­mal ein we­nig zu weit, und sei es auch aus den al­ler­bes­ten Mo­ti­ven.“Er lach­te und schüt­tel­te den Kopf. „Ich weiß, wo­von ich re­de, das ge­be ich gern zu. Aber ich – viel­mehr Pro­fes­sor Lo­max –, nun, viel­leicht ei­ne Art Kom­pro­miss, ei­ne teil­wei­se Rück­kehr zur Lek­tü­re­lis­te, die Ver­wen­dung der vor­ge­ge­be­nen Tex­te . . . Sie ver­ste­hen?“

Sto­ner spitz­te die Lip­pen, blick­te an die De­cke, ließ die Ell­bo­gen auf den Arm­leh­nen des Ses­sels ru­hen, leg­te die Fin­ger­spit­zen an­ein­an­der und bet­te­te das Kinn auf die vor­ge­streck­ten Dau­men. Schließ­lich sag­te er in be­stimm­tem Ton: „Nein, ich glau­be nicht, dass das . . . Ex­pe­ri­ment . . . weit ge­nug ge­die­hen ist. Sa­gen Sie Lo­max bit­te, ich be­ab­sich­ti­ge, es bis zum En­de des Se­mes­ters fort­zu­füh­ren. Wür­den Sie das für mich tun?“

Ehr­hardts Ge­sicht lief rot an. „Das wer­de ich“, brach­te er ge­presst her­vor, „aber ich könn­te mir vor­stel­len, nein, ich bin mir si­cher, dass Pro­fes­sor Lo­max sehr ent­täuscht sein wird. Über­aus ent­täuscht.“

Sto­ner er­wi­der­te: „Ach, viel­leicht zu An­fang, aber das geht vor­über. Ich bin mir je­den­falls si­cher, dass Pro­fes­sor Lo­max ei­nem Se­ni­or­pro­fes­sor nicht bei der Un­ter­richts­ge­stal­tung drein­re­den möch­te. Auch wenn er mit dem Ur­teil die­ses Pro­fes­sors nicht ein­ver­stan­den ist, wä­re es für ihn doch höchst un­ethisch, woll­te er ihm sein ei­ge­nes Ur­teil auf­drän­gen. Dar­über hin­aus könn­te dies für ihn so­gar ein we­nig ge­fähr­lich wer­den. Mei­nen Sie nicht?“

Ehr­hardt lang­te nach sei­ner Pfei­fe, um­fass­te den Kopf mit fes­tem Griff und stier­te ihn mit wil­dem Blick an. „Ich . . . ich wer­de Pro­fes­sor Lo­max von Ih­rem Ent­schluss be­rich­ten.“

„Da wä­re ich Ih­nen sehr dank­bar“, sag­te Sto­ner, er­hob sich aus dem Ses­sel, ging zur Tür und blieb ste­hen, als wä­re ihm et­was ein­ge­fal­len; dann wand­te er sich er­neut zu Ehr­hardt um. Wie bei­läu­fig sag­te er: „Ach, noch et­was. Ich ha­be ein we­nig über das nächs­te Se­mes­ter nach­ge­dacht. Soll­te mein Ex­pe­ri­ment er­folg­reich ver­lau­fen, wer­de ich im nächs­ten Se­mes­ter mög­li­cher­wei­se noch et­was Neu­es pro­bie­ren. Ich ha­be dar­an ge­dacht, ei­ni­ge Pro­ble­me der Dich­tung nä­her zu be­leuch­ten, in­dem ich den an­hal­ten­den Ein­fluss klas­si­schen und mit­tel­al­ter­li­chen Lateins auf ei­ni­ge Sha­ke­speare-Stü­cke un­ter­su­che. Auch wenn es et­was spe­zi­ell klingt, könn­te ich mir vor­stel­len, dass es sich auf un­ter­richt­ba­rem Ni­veau prä­sen­tie­ren lässt. Viel­leicht be­rich­ten Sie Lo­max von mei­ner klei­nen Idee – und bit­ten ihn, sie sich durch den Kopf ge­hen zu las­sen. Gut mög­lich, dass Sie und ich in ei­ni­gen Wo­chen . . . “

Ehr­hardt sack­te in sei­nem Ses­sel zu­sam­men, leg­te die Pfei­fe zu­rück auf den Tisch und sag­te mü­de: „Al­so gut, Bill. Ich sag’s ihm. Und dan­ke Ih­nen, dass Sie vor­bei­ge­kom­men sind.“

Sto­ner nick­te, öff­ne­te die Tür, trat hin­aus, schloss sie wie­der be­hut­sam hin­ter sich und ging zu­rück durch den lang­ge­zo­ge­nen Saal. Als ei­ner der jun­gen Do­zen­ten fra­gend auf­blick­te, zwin­ker­te er ihm zu, nick­te und ließ dann – end­lich – zu, dass sich ein Lä­cheln auf sei­nem Ge­sicht aus­brei­te­te. (Fort­set­zung folgt)

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