Der Fried­hof der bri­ti­schen Kin­der

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON HEL­MUT MICHELIS

Im äu­ßers­ten Wes­ten Mön­chen­glad­bachs liegt ver­steckt ei­ne Grä­ber­stät­te, auf der in lan­gen Rei­hen Sei­te an Sei­te rund 850 Kin­der be­er­digt sind. Der Fried­hof ist ein Re­likt des ehe­ma­li­gen Na­to-Haupt­quar­tiers in Rheindahlen – ei­ne Kriegs­grä­ber­stät­te al­ler­dings nicht.

De­bo­rah hat nur 13 St­un­den ge­lebt, Ka­rin Ma­rie zwei Ta­ge, Sha­ron fünf Wo­chen – Gr­ab­stein an Gr­ab­stein ru­hen sie nun auf ei­nem ein­sa­men Fried­hof na­he dem ehe­ma­li­gen Na­to-Haupt­quar­tier in Mön­chen­glad­bach: Rund 850 Ba­bys und Klein­kin­der sind hier be­stat­tet. Ein ver­rot­te­tes grau­es Stoff-Esel­chen lehnt an ei­nem der St­ei­ne, zwei Match­box-Spiel­zeug­au­tos par­ken da­ne­ben für im­mer im Gras, nur ei­nen Me­ter wei­ter ste­hen ei­ne En­gels­büs­te aus wei­ßem Por­zel­lan und drei Ted­dys aus Bron­ze – der Gang durch die Rei­hen macht un­end­lich trau­rig. Und auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te des Eich­hof­wegs sind durch ei­nen pro­vi­so­ri­schen Zaun hin­durch ge­spens­tisch wir­ken­de ver­las­se­ne Wohn­häu­ser zu se­hen, auf de­ren Bal­ko­nen be­reits Pflan­zen und so­gar ein­zel­ne Bäu­me wach­sen.

Die Na­men auf den Gr­ab­stei­nen und Plat­ten ma­chen deut­lich, dass es sich um Kin­der bri­ti­scher Sol­da­ten han­delt. Die ers­ten wur­den hier 1956 be­stat­tet, der klei­ne Lu­cas 2011 als Letz­ter. „Still­born“, tot ge­bo­ren, steht auf meh­re­ren Gr­ab­stei­nen. Die Müt­ter, so er­gibt un­se­re Re­cher­che, wa­ren zur Ent­bin­dung ins na­he Roy­al Air Force Ho­s­pi­tal Weg­berg ge­kom­men. Es liegt trotz des Na­mens nicht im Kreis Heins­berg, son­dern auf Mön­chen­glad­ba­cher Stadt­ge­biet, die Bri­ten be­nann­ten ih­re Mi­li­tär­ein­rich­tun­gen im­mer nach dem nächst­ge­le­ge­nen Bahn­hof. Die Kli­nik, die von den da­ma­li­gen bri­ti­schen Be­sat­zern 1953 in nur 111 Ta­gen er­rich­tet wur­de, ist heu­te ei­ne von St­a­chel­draht um­zäun­te und von Van­da­len heim­ge­such­te, teils nie­der­ge­brann­te Rui­ne.

Auf­fäl­lig ist, dass, ge­zählt nach Gr­ab­stei­nen, in den 50er und 60er Jah­ren pro Jahr je­weils zwi­schen 20 und 30 Säug­lin­ge star­ben, ei­ne auf den ers­ten Blick er­schre­ckend gro­ße An­zahl, die aber in den fol­gen­den Jah­ren deut­lich ge­rin­ger wur­de. In bri­ti­schen In­ter­net-Fo­ren dis­ku­tie­ren noch heu­te An­ge­hö­ri­ge und ehe­ma­li­ge Kran­ken­schwes­tern dar­über, ob nun die Ver­sor­gung in dem Mi­li­tär­kran­ken­haus un­zu­rei­chend ge­we­sen sei. Es über­wiegt aber das Lob für die dor­ti­ge Müt­ter­sta­ti­on. Je­des Jahr ka­men dort bis zu 1000 Ba­bys zur Welt; das RAF-Ho­s­pi­tal be­treu­te ei­nen Be­reich in Deutsch­land, Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den, in dem zu Zei­ten des Kal­ten Krie­ges 46.000 meist jun­ge bri­ti­sche Sol­da­ten und Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge sta­tio­niert wa­ren, die noch da­zu häu­fig ver­setzt wur­den – zwei Zah­len, die die zahl­rei­chen Säug­lings­grä­ber am Eich­hof­weg zu­guns­ten der Kli­nik re­la­ti­vie­ren. Denn Re­cher­chen er­ge­ben, dass auch in Deutsch­land noch in den 1970er Jah­ren auf 1000 Ge­bur­ten mehr als 20 Ster­be­fäl­le ka­men.

Das be­stä­tigt der frü­he­re Ver­bin­dungs­of­fi­zier Alis­ta­ir Clark: „Der Grund ist kei­nes­falls, dass die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung nicht gut war. Das Ein­zugs­ge­biet ist sehr groß ge­we­sen. In den 60er und 70er Jah­ren um­fass­te al­lein das in Deutsch­land sta­tio­nier­te 1. Bri­ti­sche Korps 55.000 Hee­res­sol­da­ten. Da­zu ka­men die der Luft­waf­fe und Zi­vil­per­so­nal der Streit­kräf­te wie Ärz­te, Leh­rer und Ar­bei­ter so­wie die Sol­da­ten­fa­mi­li­en.“Clark schätzt, dass das bri­ti­sche Mi­li­tär in Deutsch­land in Spit­zen­zei­ten um die 300.000 Men­schen um­fasst hat.

„Stan­des­amts­re­gis­ter aus dem JHQ exis­tie­ren lei­der nicht. Für al­le Ver­wal­tungs­an­ge­le­gen­hei­ten in­ner­halb des Ge­län­des wa­ren die Bri­ten zu­stän­dig“, heißt es im Stadt­ar­chiv. „Eben­so wa­ren die Kir­chen­ge­mein­den dort bri­tisch. Wo sich die Un­ter­la­gen heu­te be­fin­den, ist hier nicht be­kannt.“Be­frag­te ehe­ma­li­ge Mit­ar­bei­ter der Rhein­ar­mee und der RAF Ger­ma­ny, Clark ist ei­ne Aus­nah­me, wis­sen eben­falls nur we­nig über den Fried­hof.

Ge­heim ist die An­la­ge al­ler­dings nicht, grü­ne Schil­der wei­sen auf den „Rheindahlen Mi­li­ta­ry Ce­me­te­ry“hin. Das Na­vi im Au­to führt noch im­mer über den „An­trim Dri­ve“. Im HQ wa­ren, deutsch­land­weit ein­ma­lig, na­he­zu al­le Stra­ßen­na­men eng­lisch. Ins­ge­samt be­fin­den sich bei Peel im Sü­den des ehe­ma­li­gen JHQGe­län­des fast 1800 Grä­ber, die Mehr­zahl ver­stor­be­ne Sol­da­ten und An­ge­hö­ri­ge. Auch dar­un­ter fin­den sich Schick­sa­le, die zu Her­zen ge­hen, wie die Gr­ab­stät­ten meh­re­rer Mi­li­tär­mu­si­ker. Ihr Bus ramm­te am 11. Fe­bru­ar 1985 auf der Au­to­bahn 9 in Hof (Bay­ern) ei­nen Tank­wa­gen mit hoch­ex­plo­si­vem Flug­ben­zin; in dem Flam­men­in­fer­no ka­men 21 Bri­ten ums Le­ben. Und ei­ni­ge der be­er­dig­ten Sol­da­ten, die zur Roy­al Air Force Ger­ma­ny und ih­ren Flie­ger­hors­ten Wil­den­rath (heu­te Ge­wer­be­ge­biet und Ei­sen­bahn-Test­ge­län­de), Brüg­gen (zeit­wei­se Flücht­lings­un­ter­kunft) und Laar­bruch (heu­te Air­port Wee­ze) ge­hör­ten, star­ben bei Flug­zeug­ab­stür­zen.

Ei­ne Kriegs­grä­ber­stät­te ist der Fried­hof nicht, wie man­che Be­ob­ach­ter ver­mu­ten, er ent­stand erst in der Nach­kriegs­zeit. „Die bri­ti­schen Streit­kräf­te ha­ben zwei Fried­hö­fe in Deutsch­land, Rheindahlen und Han­no­ver, wo die Mit­glie­der der Rhein­ar­mee und der Bri­tish Forces Ger­ma­ny, die im Frie­den star­ben, be­er­digt wur­den, wenn die Fa­mi­li­en es so wünsch­ten“, sagt Clark.

Die An­la­ge wird seit der Schlie­ßung des JHQ 2013 von der Com­mon­wealth War Gra­ves Com­mis­si­on ge­pflegt. Die of­fi­zi­el­le Über­ga­be fand be­reits ein Jahr zu­vor statt. Die CWGC ist dem Volks­bund Deut­sche Kriegs­grä­ber­für­sor­ge sehr ähn­lich und be­treut welt­weit in 154 Län­dern rund 1,7 Mil­lio­nen bri­ti­sche Sol­da­ten­grä­ber. Ob­wohl gro­ße Ra­sen­flä­chen im hin­te­ren Teil nicht be­legt sind, fin­den am Eich­hof­weg Be­er­di­gun­gen end­gül­tig nicht mehr statt. Die Kin­der­grä­ber bei Peel sind, wie das na­he Haupt­quar­tier selbst, ein ab­ge­schlos­se­nes Ka­pi­tel der Mön­chen­glad­ba­cher Stadt­ge­schich­te.

FO­TOS (4): HEL­MUT MICHELIS

850 Ba­bys und Klein­kin­der sind auf die­sem Fried­hof in der Nä­he des ehe­ma­li­gen Na­to-Haupt­quar­tiers be­er­digt wor­den.

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