Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Oh­ne auf­zu­bli­cken, wink­te Sto­ner ihn fort. Der Mann zog sich zu­rück, und man hör­te ihn mit meh­re­ren Per­so­nen vor der of­fe­nen Tür flüs­tern. Sto­ner ließ sich in sei­ner Über­set­zung nicht be­ir­ren. Dann ka­men vier Män­ner her­ein, an­ge­führt vom Prä­si­den­ten der Uni­ver­si­tät, ei­nem gro­ßen, ge­wich­ti­gen Mann mit im­po­san­tem Brust­kas­ten und kräf­tig ro­tem Ge­sicht; wie ei­ne Ab­ord­nung mar­schier­ten sie zu Sto­ners Tisch und blie­ben da­vor ste­hen. Der Prä­si­dent run­zel­te die Stirn und räus­per­te sich laut. Oh­ne in sei­ner Über­set­zung zu sto­cken oder in­ne­zu­hal­ten, blick­te Sto­ner auf und sprach dem Prä­si­den­ten und sei­ner En­tou­ra­ge die nächs­te Ge­dicht­zei­le mit sanf­ter Stim­me di­rekt in die Ge­sich­ter: „Hin­fort, hin­fort, ihr ver­fluch­ten Hu­ren­söh­ne Gal­li­ens!“Im­mer noch oh­ne zu sto­cken, rich­te­te er da­nach den Blick wie­der ins Buch und über­setz­te wei­ter, wäh­rend das Häuf­lein ent­setzt rück­wärts­tau­mel­te, sich keu­chend um­dreh­te und nach drau­ßen floh.

Durch sol­che Vor­fäl­le ge­stärkt, wuchs die Le­gen­de, bis An­ek­do­ten je­de noch so ba­na­le Ak­ti­vi­tät Sto­ners um­rank­ten, und sie wuchs, bis sie auch sein Le­ben au­ßer­halb der Uni­ver­si­tät be­rühr­te. Schließ­lich schloss sie so­gar Edith ein, die bei Uni­ver­si­täts­an­läs­sen so sel­ten mit ihm ge­se­hen wur­de, dass man sie für ei­ne bei­na­he mys­te­riö­se Gestalt hielt, die wie ein Ge­spenst in der Fan­ta­sie der Leu­te spuk­te: Sie trank ins­ge­heim aus ob­sku­rem Kum­mer; sie starb lang­sam an ei­ner sel­te­nen, doch stets töd­li­chen Krank­heit; sie war ei­ne un­glaub­lich ta­len­tier­te Künst­le­rin, die ih­re Kar­rie­re auf­ge­ge­ben hat­te, um al­lein für Sto­ner da zu sein. Auf öf­fent­li­chen Ver­an­s­tal- tun­gen blitz­te ihr Lä­cheln so rasch und ner­vös aus ih­rem schma­len Ge­sicht auf, fun­kel­ten die Au­gen so hell und re­de­te sie so schrill und un­zu­sam­men­hän­gend, dass je­der­mann da­von über­zeugt war, der äu­ße­re Schein ver­ber­ge ei­ne an­de­re Wirk­lich­keit, ei­ne an­de­re Per­son ste­cke hin­ter der Fas­sa­de, an die nie­mand glau­ben konn­te.

Nach sei­ner Krank­heit und in­fol­ge ei­ner Gleich­gül­tig­keit, die für ihn zur Le­bens­art wur­de, be­gann Wil­li­am Sto­ner im­mer mehr Zeit in je­nem Haus zu ver­brin­gen, das er sich vor so vie­len Jah­ren mit sei­ner Frau ge­kauft hat­te. An­fangs war Edith von sei­ner An­we­sen­heit so ir­ri­tiert, dass sie sich stumm ver­hielt, bei­na­he als müs­se sie über ein Rät­sel nach­den­ken. Kaum war sie schließ­lich da­von über­zeugt, dass sei­ne An­we­sen­heit Nach­mit­tag um Nach­mit­tag, Nacht um Nacht, Wo­che­n­en­de um Wo­che­n­en­de von Dau­er sein wür­de, be­gann sie den al­ten Krieg mit neu­em Schwung. Aus ba­nals­tem An­lass wein­te sie ver­zwei­felt und schlich durch die Räu­me, doch Sto­ner schau­te sie nur teil­nahms­los an und mur­mel­te zer­streut ei­ni­ge Wor­te des Mit­ge­fühls. Sie schloss sich in ih­rem Zim­mer ein und kam stun­den­lang nicht wie­der zum Vor­schein; Sto­ner küm­mer­te sich um die Mahl­zei­ten, die sie an­sons­ten zu­be­rei­tet hät­te, und schien, wenn sie schließ­lich hohl­wan­gig und blass um die Au­gen wie­der aus dem Zim­mer kam, ih­re Ab­we­sen­heit gar nicht be­merkt zu ha­ben. Bei der ge­rings­ten Ge­le­gen­heit mach­te sie sich über ihn lus­tig, doch schien er sie kaum zu hö­ren; sie ver­wünsch­te ihn laut­hals, und er lausch­te mit höf­li­chem In­ter­es­se. War er in ein Buch ver­tieft, nutz­te sie dies, um ins Wohn­zim­mer zu ge­hen und wie ver­rückt auf dem Kla- vier her­um­zu­häm­mern, auf dem sie an­sons­ten kaum noch spiel­te; und wenn er sich lei­se mit sei­ner Toch­ter un­ter­hielt, fiel Edith wü­tend über ei­nen von ih­nen oder sie bei­de her. Doch Sto­ner kam all dies – ih­re Wut, ihr Leid, das Ge­schrei und das hass­er­füll­te Schwei­gen – so vor, als wi­der­füh­re es zwei an­de­ren Men­schen, für die er selbst bei bes­tem Wil­len nur ein recht flüch­ti­ges In­ter­es­se auf­brin­gen konn­te. Schließ­lich fand Edith sich mü­de und bei­na­he dank­bar mit ih­rer Nie­der­la­ge ab. Die Wut­an­fäl­le ver­lo­ren an In­ten­si­tät, bis sie schließ­lich so flüch­tig wur­den wie Sto­ners In­ter­es­se an ih­nen; und Ediths Schwei­ge­pha­sen führ­ten zu Rück­zü­gen in ei­ne Pri­vat­sphä­re, für die Sto­ner sich längst nicht mehr in­ter­es­sier­te, statt zu Be­lei­di­gungsat­ta­cken ge­gen sei­ne gleich­mü­ti­ge Hal­tung. In ih­rem vier­zigs­ten Jahr war Edith Sto­ner noch eben­so schlank, wie sie es als jun­ges Mäd­chen ge­we­sen war, doch ver­riet ih­re Hal­tung die Här­te und Sprö­dig­keit ei­ner un­beug­sa­men Hal­tung, die je­de Be­we­gung aus­se­hen ließ, als fän­de sie nur zö­ger­lich und wi­der­wil­lig statt. Die Ge­sichts­kno­chen tra­ten deut­li­cher her­vor, und die dün­ne, fah­le Haut spann­te sich wie über ei­nen Rah­men, so­dass selbst schar­fe Fal­ten straff ge­zo­gen wur­den. Edith war sehr blass und trug so viel Pu­der und Ma­ke-up auf, dass es aus­sah, als schü­fe sie ih­re Ge­sichts­zü­ge je­den Tag auf neu­tra­ler Mas­ke neu. Nichts als Kno­chen schie­nen un­ter der tro­cke­nen, fes­ten Haut ih­rer Hän­de zu lie­gen, die sich un­er­müd­lich be­weg­ten, zwir­bel­ten, pflück­ten oder sich zu­sam­men­ball­ten. Sie war stets ver­schlos­sen ge­we­sen, wur­de in ih­ren mitt­le­ren Jah­ren aber im­mer un­nah­ba­rer und ab­we­sen­der. Nach ei­nem kur­zen Zwi- schen­fall, der letz­ten Atta­cke auf Sto­ner, die mit ver­zwei­fel­ter In­ten­si­tät ge­führt wur­de, zog sie sich wie ein Ge­spenst in sich selbst und an ei­nen Ort zu­rück, von dem sie nie wie­der ganz her­vor­kom­men soll­te. Sie be­gann, mit sich selbst in je­nem sanf­ten, ver­nünf­ti­gen Ton zu re­den, wie man ihn Kin­dern ge­gen­über an­schlägt; und sie tat dies so of­fen und oh­ne al­le Scham, als wä­re es das Na­tür­lichs­te auf der Welt. Von den di­ver­sen künst­le­ri­schen Be­mü­hun­gen, mit de­nen sie sich wäh­rend ih­rer Ehe ab und an be­fasst hat­te, ent­schied sie sich letzt­lich für die Bild­haue­rei, da die­se sie am stärks­ten be­frie­dig­te. Meist mo­del­lier­te sie mit Ton, ar­bei­te­te ge­le­gent­lich aber auch mit wei­chem St­ein; Büs­ten, Fi­gu­ren und Stand­bil­der al­ler Art gab es über das gan­ze Haus ver­teilt. Edith war ei­ne sehr mo­der­ne Künst­le­rin; die von ihr mo­del­lier­ten Büs­ten gli­chen mi­ni­mal ge­stal­te­ten Ku­geln, die Fi­gu­ren wa­ren Ton­klum­pen mit an­ge­füg­ten Ver­län­ge­run­gen und die Stand­bil­der be­lie­big zu­sam­men­ge­stell­te Kom­po­si­tio­nen von Ku­ben, Ku­geln und Stan­gen. Kam Sto­ner an ih­rem Ate­lier vor­bei – je­nem Raum, der frü­her sein Ar­beits­zim­mer ge­we­sen war –, blieb er manch­mal ste­hen und hör­te ihr beim Ar­bei­ten zu. Sie er­teil­te sich An­wei­sun­gen wie ei­nem Kind: „Nun, das muss hier hin – aber nicht zu viel da­von –, so, mit­ten in die­se klei­ne Ril­le. Ach, guck, jetzt ist es ab­ge­fal­len. War wohl nicht feucht ge­nug, wie? Was soll’s, das krie­gen wir wie­der hin. Nur ein biss­chen mehr Was­ser und – geht doch. Siehst du?“Sie ge­wöhn­te sich an, mit ih­rem Mann und ih­rer Toch­ter in der drit­ten Per­son zu re­den, so als sprä­che sie mit je­mand an­de­rem.

(Fort­set­zung folgt)

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