ANALYSE

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - STIMME DES WESTENS -

Ein Jahr­hun­dert lang war das Fil­men Lu­xus, heu­te wer­den Vi­de­os per Smart­pho­ne re­flex­haft pro­du­ziert. An Gaf­fern, die fil­men, an­statt zu helfen, zeigt sich: Die Macht des Be­wegt­bil­des über­for­dert un­se­re Ge­sell­schaft.

geht, da­hin al­so, die Be­denk­zeit auf null zu re­du­zie­ren.

Be­ängs­ti­gend nah scheint die Zu­kunft aus dem dys­to­pi­schen Ro­man „The Cir­cle“, in der ein di­gi­ta­ler ÜberKon­zern wie App­le, Face­book oder Ama­zon die gan­ze Welt mit bil­li­gen Ka­me­ras über­zieht, die al­les auf­zeich­nen, je­der­zeit. Fu­tu­ris­ti­sche Na­no-Ka­me­ras oder die Ka­me­rab­ril­le „Goog­le Glass“sind da­zu nicht nö­tig, die om­ni­prä­sen­ten Smart­pho­nes rei­chen ja. Der Vi­deo­wahn kann helfen, Ver­bre­chen auf­zu­klä­ren – aber er for­dert auch selbst Op­fer. Ex­trem­sport­ler ge­hen im­mer hö­he­re Ri­si­ken ein, auf der Jagd nach den kras­ses­ten Bil­dern aus der Ich-Per­spek­ti­ve ih­rer Helm­ka­me­ras. Re­gel­mä­ßig be­zah­len das et­wa Wingsu­it-Sprin­ger mit dem Le­ben, die sich dar­in mes­sen, wer mit Flug­häu­ten aus Stoff auf dem Weg nach un­ten am nächs­ten an Fels­wän­den vor­bei­rast und am spä­tes­ten den ret­ten­den Fall­schirm aus­löst.

1988 kam es zu ei­nem der größ­ten Sün­den­fäl­le des Jour­na­lis­mus: Beim Gei­sel­dra­ma von Glad­beck führ­ten Be­richt­er­stat­ter Li­ve-In­ter­views mit den Gei­sel­neh­mern, ein Re­por­ter setz­te sich mit in den Flucht­wa­gen. In Re­dak­tio­nen gel­ten seit­dem stren­ge Stan­dards da­für, was wann be­rich­tet und vor al­lem was im Bild ge­zeigt wird.

Für Gaf­fer gilt das nicht. Oh­ne das Kor­rek­tiv durch küh­le Köp­fe in ei­ner Re­dak­ti­on gei­len sich fil­men­de Ka­ta­stro­phen­tou­ris­ten auf am Leid, das sich vor ihnen ent­fal­tet. Da­bei ist ih­re An­we­sen­heit mehr als bloß ein mo­ra­li­sches Ar­muts­zeug­nis. Die Fil­mer blei­ben nicht „nur“neu­tral, statt zu helfen. Sie be­hin­dern die An­fahrt der Hel­fer, blo­ckie­ren Platz zum Auf­bau der Hilfs­mit­tel, bin­den Per­so­nal bei den un­ter­be­setz­ten Po­li­zei­stel­len, Feu­er­weh­ren, Sa­ni­täts­diens­ten. Oh­ne schlech­tes Ge­wis­sen, ge­fühlt ge­schützt durch die Mas­se der an­de­ren, die das­sel­be tun („By­stan­der-Ef­fekt“). Beim El­beHoch­was­ser 2006 stell­ten An­woh­ner Schil­der auf: „Gu­cken 5 Eu­ro, Mit­hel­fen kos­ten­los“. Ge­wirkt hat es kaum. 2010 warn­ten die Be­hör­den in Bran­den­burg vor Deich­brü­chen – weil zu vie­le Gaf­fer so nah ran woll­ten, dass sie die Wäl­le mit ih­rem Kör­per­ge­wicht be­las­te­ten.

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