Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Manch­mal stand Sto­ner am Fens­ter, sah die Au­to­mo­bi­le in Staub­wol­ken da­von­ja­gen und spür­te leich­te Sor­ge, aber auch ein we­nig Be­wun­de­rung; er hat­te nie ei­nen Wa­gen be­ses­sen und nie ge­lernt, ei­nen zu fah­ren.

Und Edith war zu­frie­den. „Siehst du?“, er­klär­te sie in küh­lem Tri­umph, als wä­ren kei­ne drei Jahre seit ih­rer wil­den Atta­cke auf Gra­ce’ Pro­ble­me mit der ,Po­pu­la­ri­tät’ ver­gan­gen. „Siehst du? Ich hat­te recht. Sie hat nur ei­nen klei­nen Schub­ser ge­braucht. Aber Wil­ly fand das gar nicht gut. Oh, das ha­be ich ihm an­ge­se­hen. Wil­ly fin­det so et­was ja nie gut.“

Seit ei­ner Rei­he von Jah­ren hat­te Sto­ner je­den Mo­nat ei­ni­ge Dol­lar bei­sei­te­ge­legt, da­mit Gra­ce, wenn die Zeit ge­kom­men war, von Co­lum­bia fort und auf ein Col­le­ge ge­hen konn­te, viel­leicht ei­nes, das wei­ter ent­fernt lag, et­wa an der Ost­küs­te. Edith hat­te über die­se Plä­ne Be­scheid ge­wusst und schien mit ihnen ein­ver­stan­den ge­we­sen zu sein, doch als es so weit war, woll­te sie nichts mehr da­von hö­ren.

„O nein!“, sag­te sie. „Das könn­te ich nicht er­tra­gen! Mein Ba­by! Wo sie sich doch im letz­ten Jahr so gut ent­wi­ckelt hat! Ist jetzt so po­pu­lär, so glück­lich. Sie wür­de sich wie­der an­pas­sen müs­sen und – „Ba­by, Gra­cie, mein Ba­by“, sie hat­te sich an ih­re Toch­ter ge­wandt, „Gra­cie will ei­gent­lich gar nicht weg von ih­rer Mom­my, nicht? Will sie doch nicht ganz al­lein las­sen, oder?“

Gra­ce sah ih­re Mut­ter ei­nen Mo­ment still an, wand­te sich dann leicht zu ih­rem Va­ter um und schüt­tel­te den Kopf. Zu ih­rer Mut­ter sag­te sie: „Wenn du möch­test, dass ich blei­be, dann blei­be ich na­tür­lich.“

„Gra­ce“, sag­te Sto­ner. „Hör mir zu. Wenn du ge­hen willst, bit­te, wenn du wirk­lich ge­hen willst . . .“

Sie sah ihn nicht wie­der an. „Es ist egal“, sag­te sie.

Ehe Sto­ner dar­auf ant­wor­ten konn­te, be­gann Edith sich aus­zu­ma­len, wie sie das von Sto­ner ge­spar­te Geld für ei­ne neue Gar­de­ro­be aus­ge­ben wür­den, ei­ner wirk­lich hüb­schen, viel­leicht so­gar für ein klei­nes Au­to, da­mit Gra­ce und ih­re Freun­din­nen . . . Und Gra­ce lä­chel­te ihr klei­nes, trä­ges Lä­cheln, nick­te und sag­te dann und wann ein Wort, als wür­de es von ihr er­war­tet.

Da­mit war es ab­ge­macht, und Sto­ner soll­te nie er­fah­ren, was Gra­ce wirk­lich emp­fand, ob sie blieb, weil sie es woll­te, weil ih­re Mut­ter es wünsch­te oder weil sie ei­ne gro­ße Gleich­gül­tig­keit ge­gen ihr ei­ge­nes Schick­sal emp­fand. Im Herbst ging sie an die Uni­ver­si­tät von Mis­sou­ri, wo sie min­des­tens zwei Jahre stu­die­ren wür­de. Wenn sie woll­te, konn­te sie ihr Stu­di­um dann au­ßer­halb von Mis­sou­ri be­en­den. Sto­ner sag­te sich, dass es so bes­ser war, bes­ser für Gra­ce, bes­ser, das Ge­fäng­nis, des­sen sie sich kaum be­wusst zu sein schien, noch wei­te­re zwei Jahre zu er­tra­gen, statt er­neut auf die Fol­ter­bank von Ediths hilf­lo­sem Wil­len ge­spannt zu wer­den.

Al­so än­der­te sich nichts. Gra­ce be­kam ih­re Gar­de­ro­be, lehn­te den klei­nen Wa­gen ab, den Edith ihr schen­ken woll­te, und be­gann als Erst­se­mes­ter an der Uni­ver­si­tät von Mis­sou­ri. Das Te­le­fon klin­gel­te wei­ter­hin, die­sel­ben Ge­sich­ter (zu­min­dest schie­nen sie die­sel­ben zu sein) tauch­ten la­chend und lär­mend an der Haus­tür auf, und die­sel­ben Au­to­mo­bi­le jag­ten in die Däm­me­rung da­von. Gra­ce blieb noch öf­ter fort als wäh­rend ih­rer Zeit auf der High­school, und Edith freu­te sich über das, was sie für die wach­sen­de Be­liebt­heit ih­rer Toch­ter hielt. „Sie ist ganz die Mut­ter“, sag­te sie. „Die war vor ih­rer Hei­rat sehr po­pu­lär. All die­se Jun­gen . . . Pa­pa war des­we­gen rich­tig wü­tend, ins­ge­heim aber auch sehr stolz, das ha­be ich ihm an­ge­merkt.“

„Ja, Edith“, sag­te Sto­ner sanft und spür­te, wie sich ihm das Herz zu­sam­men­zog.

Es war ein schwie­ri­ges Se­mes­ter für Sto­ner, da es ihm dies­mal ob­lag, die uni­ver­si­täts­wei­ten Zwi­schen­prü­fun­gen in Ang­lis­tik zu lei­ten, und ihn zu­gleich zwei be­son­ders schwie­ri­ge Dok­tor­ar­bei­ten be­schäf­tig­ten, die ihm bei­de in au­ßer­or­dent­li­chem Ma­ße zu­sätz­li­che Lek­tü­re ab­ver­lang­ten, wes­halb er häu­fi­ger von zu Hau­se fort­blieb, als es in den letz­ten Jah­ren sei­ne Ge­wohn­heit ge­we­sen war.

Ge­gen En­de No­vem­ber kam er ei­nes Abends spä­ter als ge­wöhn­lich nach Hau­se. Das Licht im Wohn­zim­mer war aus und das Haus still, wes­halb er an­nahm, dass Gra­ce und Edith be­reits schlie­fen. Er brach­te ei­ni­ge Pa­pie­re in sein klei­nes Hin­ter­zim­mer, da er im Bett noch le­sen woll­te, und ging dann in die Küche, um sich ein Sand­wich zu ma­chen und ein Glas Milch zu trin­ken. Gera­de hat­te er das Brot ge­schnit­ten und die Kühl­schrank­tür ge­öff­net, als er ei­nen durch­drin­gen­den, mes­ser­schar­fen, in die Län­ge ge­zo­ge­nen Schrei hör­te, der von un­ten zu kom­men schien. Er rann­te ins Wohn­zim­mer, als er, of­fen­bar aus Ediths Ate­lier, ei­nen zwei­ten Schrei hör­te, dies­mal kurz und in sei­ner Hef­tig­keit re­gel­recht wü­tend. Rasch durch­quer­te er das Zim­mer und riss die Tür auf.

Edith lag lang aus­ge­streckt auf dem Bo­den, als wä­re sie hin­ge­fal­len; die Au­gen blick­ten wild, und der Mund stand of­fen, be­reit, den nächs­ten Schrei aus­zu­sto­ßen. Am an­de­ren En­de saß Gra­ce in ei­nem ge­pols­ter­ten Ses­sel, die Bei­ne über­ein­an­der­ge­schla­gen, und blick­te ge­las­sen auf ih­re Mut­ter. Ei­ne ein­zi­ge Lam­pe brann­te, Ediths Werk­tisch­lam­pe, und tauch­te den Raum in har­sches Licht und tie­fe Schat­ten.

„Was ist los?“, frag­te Sto­ner. „Was ist pas­siert?“

Als wä­re ihr Kopf nur auf ei­nem lo­cke­ren Dreh­ge­stell be­fes­tigt, wand­te Edith sich mit lee­rem Blick zu ihm um und klag­te in selt­sam zän­ki­schem Ton: „Ach, Wil­ly. Ach, Wil­ly“, um ihn da­bei un­ver­wandt an­zu­se­hen und kaum merk­lich mit dem Kopf zu wa­ckeln.

Er wand­te sich Gra­ce zu, die un­ver­än­dert ru­hig wirk­te und ihm im Plau­der­ton er­öff­ne­te: „Ich bin schwan­ger, Va­ter.“

Wie­der er­tön­te der Schrei, durch­drin­gend und un­fass­bar wü­tend; sie dreh­ten sich bei­de zu Edith um, die von ei­nem zum an­de­ren schau­te, die Au­gen über dem schrei­en­den Mund ab­wei­send und kühl. Sto­ner ging durch das Zim­mer, beug­te sich zu ihr hin­ab und half ihr auf; sie hing in sei­nen Ar­men; er muss­te sie stüt­zen.

„Edith!“, sag­te er in schar­fem Ton. „Sei still! Sie er­starr­te und ent­zog sich ihm. Auf zit­tern­den Bei­nen ging sie zu Gra­ce, die sich nicht ge­rührt hat­te. – „Du!“, fauch­te sie. „O mein Gott. Oh, Gra­cie. Wie konn­test du nur . . . O mein Gott. Wie dein Va­ter. Das Blut dei­nes Va­ters. Ja, Dreck, Ab­schaum . . .“

„Edith!“, fuhr Sto­ner sie noch ein we­nig schär­fer an, ging zu ihr, leg­te die Hän­de fest auf ih­re Ober­ar­me und wand­te sie von Gra­ce ab.

(Fort­set­zung folgt)

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