Le­bens­ret­ter in zehn Mi­nu­ten

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON LI­SA KREUZMANN

Drei Lie­gen bie­ten Fens­ter­blick, drei las­sen Raum­frei­heit. Es riecht nach Waf­feln und Heft­pflas­ter. Ratsch, geht die Sprit­zen­ver­pa­ckung – zzzz, zzzz, das Des­in­fek­ti­ons­spray. We­ni­ge Se­kun­den An­span­nung – dann schiebt die Arzt­hel­fe­rin die Ka­nü­le in die lin­ke El­len­beu­ge von Bri­git­te Al­ten­berg, fi­xiert die Na­del und rückt ei­ne Lie­ge wei­ter, wo schon Me­sut Gün­do­gan war­tet.

101 Men­schen sind an die­sem Tag in die Kir­chen­ge­mein­de Heilig Geist ge­kom­men, um ihr Blut zu spen­den. auf die­se Zahl hat­te das Deut­sche Ro­te Kreuz ( DRK) auch ge­hofft. Aber zu oft wird die­se Hoff­nung in­zwi­schen ent­täuscht.

2016 konn­te das DRK sie­ben Pro­zent we­ni­ger Blut an Kran­ken­häu­ser und Pra­xen ab­ge­ben als ei­gent­lich ge­plant, sagt Ste­phan Da­vid Küp­per vom DRK-Blut­spen­de­dienst. Der Grund: Im­mer we­ni­ger Men­schen spen­den Blut. Der Rück­gang sei dra­ma­tisch. Da­bei wür­den dank me­di­zi­ni­schen Fort­schritts be­reits we­ni­ger Blut­kon­ser­ven be­nö­tigt. „Der Ver­brauch ist ge­sun­ken und wir schaf­fen es trotz­dem nicht, den Be­darf zu de­cken“, sagt Küp­per. „Das muss ein Warn­zei­chen sein.“

In Mön­chen­glad­bach sieht das nicht bes­ser aus. Ka­men 2014 noch im Schnitt 74 Men­schen zu ei­nem Blut­spen­de­ter­min der DRK, wa­ren es ein Jahr spä­ter nur noch knapp 70. 2016 ist die Zahl auf durch­schnitt­lich 65 ge­sun­ken. „Wir se­hen ei­ne kla­re Ten­denz nach un­ten“, sagt Küp­per. „Wir brau­chen mehr Blut­spen­der.“

Bri­git­te Al­ten­berg geht an die­sem Tag zum 97. Mal zur Blut­spen­de. Men­schen wie sie brau­chen die Wohl­fahrts­ver­bän­de – Dau­er­spen­der, die re­gel­mä­ßig und ver­läss­lich spen­den so wie an­de­re zum Fri­seur ge­hen. Doch da­von ge­be es im­mer we­ni­ger, sagt Küp­per. Der Nach­wuchs feh­le. „Alt­spen­der ge­hen drei bis vier Mal im Jahr Blut spen­den, jun­ge Men­schen nur et­wa halb so oft“, heißt es beim DRK. Doch bei Blut­kon­ser­ven geht es vor al­lem um Ver­läss­lich­keit.

In der Schlan­ge zum Arzt­zim­mer steht auch Fran­zis­ka Ham­pesch. Die 29-jäh­ri­ge Wick­ra­the­rin geht heu­te zum zwei­ten Mal zur Blut­spen­de. „Mal schau­en, ob ich über­haupt spen­den kann“, sagt sie. Im­mer­hin, et­was mehr als zehn Pro­zent der Frei­wil­li­gen müs­sen die Mit­ar­bei­ter ab­wei­sen, heißt es beim DRK. Grün­de da­für gibt es vie­le: Ei­sen­man­gel, die Ein­nah­me von An­ti­bio­ti­ka, Blut­hoch­druck. Bei Fran­zis­ka Ham­pesch stellt die Ärz­tin tat­säch­lich ei­nen zu ho­hen Hä­mo­glo­bin-Wert fest. „Jetzt soll ich zwei Be­cher Was­ser trin­ken und dann wird noch mal ge­mes­sen“, sagt die 29Jäh­ri­ge. Die Ver­zö­ge­rung setzt sie leicht un­ter Druck. „Ich muss gleich mei­ne Toch­ter in der Ki­ta ab­ho­len.“

Et­wa ei­ne St­un­de Zeit müs­se man ein­pla­nen, sa­gen die er­fah­re­nen Spen­der. Das könn­te aber auch schnel­ler ge­hen, fin­den Bri­git­te Al­ten­berg und An­ge­li­ka Kuh­len. Bei­de ha­ben die sel­te­ne Blut­grup­pe 0 Rhe­sus ne­ga­tiv, die laut DRK-An­ga­ben nur bei sechs Pro­zent der Be­völ­ke­rung vor­kommt. Blut, das die bei­den Frau­en spen­den, ist be­son­ders in Not­fäl­len ge­fragt, wo es schnell ge­hen muss. 0 Rhe­sus ne­ga­tiv wird von je­dem Men­schen ver­tra­gen, egal wel­che Blut­grup­pe er hat.

Für An­ge­li­ka Kuh­len ist dies heu­te die 61. Blut­spen­de in ih­rem Le­ben. „Es ist so we­nig, was man auf­wen­den muss“, sagt die 67-Jäh­ri­ge. Wenn nur die lan­ge War­te­zeit nicht wä­re. „Man könn­te die Erst­spen­der vor­her schon ab­fan­gen und be­treu- en“, schlägt Bri­git­te Al­ten­berg vor. „Das lan­ge War­ten ist läs­tig und är­ger­lich.“

Auf der Lie­ge ist das War­ten wie­der ver­ges­sen. Et­wa zehn Mi­nu­ten dau­ert es, bis der hal­be Li­ter Blut in den Plas­tik­beu­tel ge­lau­fen ist. 600 Se­kun­den, 135 Atem­zü­ge. Was folgt, ist das gu­te Ge­fühl, an­de­ren ge­hol­fen zu ha­ben. Da­nach müs­sen die Spen­der noch ei­ni­ge Mi­nu­ten ruhen. Zur Stär­kung und Be­loh­nung steht ein Buf­fet be­reit: Voll­korn­bröt­chen, Weich­kä­se, Gur­ken­schei­ben, Räu­cher­schin­ken, Wein­trau­ben, Waf­feln, Heiß­ge­trän­ke. Me­sut Gün­do­gan trinkt nach der Spen­de noch ei­nen Kaf­fee. Der ge­lern­te Ma­schi­nen­schlos­ser hat schon vie­le Un­fäl­le mit­er­le­ben müs­sen. „Man kann schnell selbst be­trof­fen sein und Blut brau­chen“, sagt der 43-Jäh­ri­ge.

Zwi­schen 3000 und 3500 Blut­kon­ser­ven sam­melt die DRK-West pro Tag; da­zu ge­hö­ren Nord­rhein-West­fa­len, Rhein­land-Pfalz und das Saar­land. Aus Mön­chen­glad­bach kom­men an die­sem Tag 84 da­zu. Die Kon­ser­ven blei­ben in der Re­gi­on. Lan­ge We­ge kann das Blut nicht zu­rück­le­gen. Die zen­tri­fu­gier­ten Blut­plätt­chen hal­ten nur we­ni­ge Ta­ge. Die Ter­mi­ne für die nächs­te Spen­de ste­hen be­reits.

Im­mer we­ni­ger Glad­ba­cher spen­den Blut. Die Kon­ser­ven feh­len in den Kran­ken­häu­sern der Re­gi­on. Vor al­lem man­gelt es am Spen­der­nach­wuchs.

RP-FO­TOS (2): DET­LEF IL­G­NER

Be­vor es los­ge­hen kann, muss sich Bri­git­te Al­ten­berg bei der DRK-Mit­ar­bei­te­rin Mag­gy Pau­lus­sen re­gis­trie­ren.

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