Re­gi­ons­schrei­be­rin ent­deckt die Stadt

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALE KULTUR - VON IN­GE SCHNETTLER

Sie fin­det Mön­chen­glad­bach sehr schön und die Men­schen nett. Aber über man­ches wun­dert sich die Sti­pen­dia­tin – die klei­nen Müll­ton­nen, den Ta­ge­bau und das Min­to, in dem die Ge­schäf­te stän­dig die Stock­wer­ke zu wech­seln schei­nen.

Im Min­to hat sie sich schreck­lich ver­lau­fen. Der Ta­ge­bau Garz­wei­ler hat sie ir­ri­tiert. Und über den Sinn der spe­zi­el­len klei­nen Müll­ton­nen in Mön­chen­glad­bach denkt sie im­mer noch nach. De­bo­rah Kötting ist die ak­tu­el­le Re­gi­ons­schrei­be­rin des Nie­der­rheins – als ei­ne von zehn Sti­pen­dia­ten, die das Land NRW für sei­ne zehn Kul­tur­re­gio­nen aus­ge­wählt hat. Seit ei­nem Mo­nat re­si­diert sie wech­selnd im städ­ti­schen Ate­lier­haus an der St­ein­metz­stra­ße und in Kalkar. Und mit neu­gie­ri­gem Blick er­forscht sie die für sie bis da­hin un­be­kann­te Ge­gend.

Be­kannt klingt al­ler­dings die Spra­che der Rhein­län­der. „Ich bin in Bonn ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen“, sagt sie. „Der Klang der Spra­che er­in­nert mich an mei­ne Ju­gend.“Ei­ne Ver­bin­dung nach Mön­chen­glad­bach hat­te sie auch schon frü­her – zu­min­dest in­di­rekt. „Mein Va­ter und mein On­kel wa­ren in den 70er-Jah­ren be­geis­ter­ter Bo­rus­sen­fans – das hat sich bis heu­te nicht ge­än­dert.“Für das Der­by der Bo­rus­sia ge­gen Köln will sie sich Kar­ten si­chern.

De­bo­rah Kötting kommt ei­gent­lich aus dem Thea­ter­be­reich. Mit 20 Jah­ren ging sie ans Würz­bur­ger Thea­ter – als Büh­nen­bild­ne­rin. „Spä­ter ha­be ich auch ge­schrie­ben und in­sze­niert.“Vier Jah­re lang ar­bei­te­te sie an dem „klei­nen Haus“. „In der Zeit ha­ben sich mir die Wor­te er­schlos­sen, vor­her ha­be ich im­mer bild­ne­risch ge­ar­bei­tet.“Mit 25 ging sie nach Ber­lin, stu­dier­te „Sze­ni­sches Schrei­ben“. Jetzt lebt die 31Jäh­ri­ge als freie Au­to­rin in Leip­zig. „Ich hat­te das Ge­fühl, dass ich noch mal in ei­ner an­de­ren Stadt le­ben und ar­bei­ten woll­te“, sagt sie.

Und jetzt al­so der Nie­der­rhein. Als sie ih­re ers­ten Le­bens­mit­tel­ein­käu­fe ma­chen woll­te, lan­de­te sie im Min­to. „Ich ha­be mich ge­fragt, wo die Roll­trep­pe ab­wärts ist, da­bei war ich im un­te­ren Ge­schoss“, sagt sie. Auf ei­ner Zeich­nung, die sie vom Min­to an­ge­fer­tigt hat, hat sie das Ber­mu­da­drei­eck ein­ge­zeich­net – wo al­les und al­le ver­lo­ren ge­hen, auch sie. Beim Be­such des Ta­ge­baus hat sie sich ge­fragt, wie der rie­si­ge Erd­kra­ter und die Wind­rä­der, die in un­mit­tel­ba­rer Nä­he ste­hen, zu­sam­men­pas­sen. „Das The­ma Ener­gie hat ein so gro­ßes Ge­wicht, da wir­ken die zu­kunfts­ge­rich­te­ten Wind­rä­der ne­ben der Gru­be wi­der­sprüch­lich.“

Ih­re Pro­jekt­idee für den Nie­der­rhein ist auch das Ent­rüm­peln, das Weg­wer­fen, Sam­meln, Ver­kau­fen, der Be­sitz, die Nut­zung und die Wert­schät­zung von Din­gen. Sie hat die Müll­de­tek­ti­ve der Mags be­glei­tet. „Die wa­ren ziem­lich er­staunt, als ich nach dem Sinn der klei­nen Müll­ton­nen in Mön­chen­glad­bach frag­te“, sagt sie. „Das scheint für die Bür­ger hier völ­lig selbst­ver­ständ­lich zu sein.“Ganz ge­nau schaut sie sich Sperr­müll­hau­fen an. „Ich freue mich, wenn da tat­säch­lich nur Schrott und wirk­lich Un­brauch­ba­res liegt. Of­fen­bar tren­nen sich die Bür­ger nicht von Din­gen, die sie noch ir­gend­wie nut­zen kön­nen.“

Sie for­mu­liert ihr Vor­ge­hen so: „Ich will wach und un­be­fan­gen durch die Ge­gend ge­hen, die wich­tigs­ten In­for­ma­tio­nen al­ler­dings nicht ver­pas­sen, Dis­tanz wah­ren, aber trotz­dem ver­su­chen, die Din­ge zu ver­ste­hen.“

Die Ein­drü­cke, die sie bei ih­ren Streif­zü­gen sam­melt, ver­ar­bei­tet De­bo­rah Kötting wö­chent­lich im Blog stadt.land.text. Da sind jetzt schon Bei­trä­ge über die Mönchengladbacher und ih­re Räu­mungs­lust und den Nie­der­rhei­ner als Ei­gen­tü­mer und als Ent­sor­ger zu se­hen. Was sie noch nicht auf­ge­schrie­ben, aber ge­sagt hat: „Ich fin­de Mön­chen­glad­bach sehr schön, und die Men­schen sind aus­ge­spro­chen nett.“https://stadt-land-text.de

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