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Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - SPORT -

Hel­den­ge­schich­ten Wir al­le ken­nen, schät­zen und lie­ben sie: un­se­re Hel­den. Aus Fil­men, dem Sport, dem Le­ben. Was Hel­den für uns al­les sein kön­nen, le­sen Sie hier. Und per­sön­li­che Hel­den­be­kennt­nis­se

ei­ni­ger RP-Re­dak­teu­re fin­den Sie auf der fol­gen­den Sei­te.

te­ren Nach­kriegs­zei­ten wur­de das Hel­den­tum öko­no­mi­siert. Der „Held der Ar­beit“wur­de ge­bo­ren und laut­hals pro­pa­giert. Ei­ne Miss­brauchs­ge­schich­te des He­roi­schen ist das. Sie hat un­ser Ver- hält­nis zum Hel­den am­bi­va­lent wer­den las­sen. Im spä­ten 20. und 21. Jahr­hun­dert hat das Miss­trau­en ge­gen­über Hel­den zu­ge­nom­men. Bert Brecht hat das so for­mu­liert: „Arm das Land, das Hel­den braucht.“

Vom Hel­den­tod bis zum Ar­bei­ter­hel­den – es gibt vie­le Ver­su­che, den Hel­den ir­gend­wie nütz­lich zu ma­chen, ihn vor ei­nen Kar­ren zu span­nen. Das aber hat mit dem Hel­den we­nig bis gar nichts zu tun. Der Held han­delt von sich aus. Sei­ne he­roi­sche Tat ent­springt kei­ner Ver­ord­nung und kei­ner Pro­pa­gan­da. Phi­lip Zim­bar­do – einst Psy­cho­lo­gie-Pro­fes­sor an der re­nom­mier­ten St­an­ford Uni­ver­si­tät – mein­te da­zu: „Um ein Held zu sein, braucht man nur ei­nes: die Be­reit­schaft, für an­de­re zu agie­ren.“

Man kann Hel­den nicht in­stal­lie­ren und eta­blie­ren. Ge­nau dar­in be­steht ih­re Un­ab­hän­gig­keit und auch ih­re Ein­zig­ar­tig­keit. Hel­den tre­ten ja auch nicht in Mann­schafts­stär­ke auf.

So sin­gu­lär der Held er­schei­nen mag, so bleibt er doch auf uns an­ge­wie­sen. Er mag ge­nau das Rich­ti­ge zur rich­ti­gen Zeit tun und da­bei selbst­los im Di­ens­te al­ler han­deln – ein Held aber wird er im­mer nur dann, wenn die Men­schen ihn auch lie­ben. Wir sind es, die Nutz­nie­ßer und Ver­eh­rer, die Hel­den zu Hel­den kü­ren. Der oh­ne­hin nicht ganz ernst ge­mein­te Band­na­me „Wir sind Hel­den“ist dar­um ei­ne Fal­sch­aus­sa­ge; nie­mand macht sich selbst zum Hel­den.

Wie auch der ein­sa­me, un­be­ach­te­te Held nie in die Ge­schich­te ein­ge­hen wird. Er ist im­mer auf ei­ne Er­zäh­lung an­ge­wie­sen, auf ei­ne Über­lie­fe­rung. Mit die­ser Vor­aus­set­zung hebt Deutsch­lands äl­tes­tes und be­rühm­tes­tes Hel­den­epos an, das Lied der Ni­be­lun­gen aus dem 13. Jahr­hun­dert. Und sei­ne mit­tel­hoch­deut­sche Spra­che ist ein­fach zu schön, um dar­auf hier ver­zich­ten zu kön­nen:

„Uns ist in al­ten mæ­ren / wun­ders vil ge­seit / von hel­den lo­be­bæ­ren, / von grôzer are­beit, / von fröu­den hôch­ge­zî­ten, / von wei­nen und von kla­gen, / von küe­ner re­cken strî­ten / mu­get ir nu wun­der hoeren sa­gen.“Sinn­ge­mäß heißt das: Uns wird in al­ten Ge­schich­ten an Wun­der­ba­rem viel er­zählt: von rühm­li­chen Hel­den, von gro­ßem Leid, von Freu­den­ta­gen und Fest­ta­gen, von Schmerz und Trau­er und vom Kampf tap­fe­rer Hel­den könnt ihr jetzt Wun­der­ba­res er­zäh­len hö­ren.

Mit der ers­ten Stro­phe steht fest, dass das Lied der Ni­be­lun­gen Hel­den macht und dass Sieg­frieds bis heu­te wäh­ren­des Hel­den­da­sein auch dem Ver­fas­ser des Epos ge­schul­det ist.

Man­che sa­gen, dass das Hel­den­tum oh­ne­hin längst pas­sé sei. Zu­mal he­roi­sche Ta­ten so leicht nicht zu er­zäh­len sind. Das mag mit ei­nem Blick auf die an­ti­ken, mar­tia­li­schen An­fän­ge zu­tref­fen. Na­tür­lich ist Tap­fer­keit heu­te kein In­diz mehr, schon gar nicht in krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, in de­nen oft die hoch ent­wi­ckel­te Waf­fen- tech­nik über Sieg oder Nie­der­la­ge ent­schei­det. Schon der bi­bli­sche Da­vid be­zwang den rie­si­gen Go­li­ath mit ei­ner St­ein­schleu­der – al­so ei­ner Dis­tanz­waf­fe. Tech­nik, kei­ne Mus­kel­kraft gab den Aus­schlag schon in die­sem Zwei­kampf.

Das Hel­den­tum ist den­noch nicht ver­schwun­den. Aber es ist dif­fu­ser ge­wor­den. Es gibt die stil­len Hel­den und die Hel­den des All­tags, die Sport­hel­den und die Ti­tel­hel­den. Un­ser Ge­brauch des Eti­ketts ist be­lie­bi­ger ge­wor­den. Auch da­durch hat es an po­li­ti­scher Schär­fe und Bri­sanz ver­lo­ren.

Und wür­den wir dann auch Gott ei­nen Hel­den nen­nen? Wohl eher nicht. Gott will nicht in die­se Ka­te­go­rie pas­sen. Auch das sagt et­was über die Hel­den aus: Sie sind durch und durch mensch­lich und dar­um kei­nes­wegs un­fehl­bar. Kein Held ist so span­nend wie der ge­bro­che­ne Held, der zau­dern­de und mit sich ha­dern­de. Wie auch der trau­ri­ge Held. Ihr Ahn­herr ist und bleibt Don Qui­jo­te, der tap­fer ge­gen Rie­sen an­kämpft, auch wenn die­se nur Wind­müh­len sind.

Kaum ei­ner bleibt uns so lan­ge und so in­ten­siv in Er­in­ne­rung wie der ge­schla­ge­ne Held. Dem Hel­den­tum muss im­mer auch die Mög­lich­keit des Stur­zes in­ne­woh­nen. Und die Fall­hö­he ist es, die letzt­lich sei­ne Grö­ße be­stimmt.

Vi­el­leicht ist dar­um auch Roy Ro­gers so schnell ver­blasst. Er kam nie wirk­lich in die Ge­fahr zu strau­cheln. Sein Lä­cheln blieb sie­ges­ge­wiss. Sein Hemd un­be­schmutzt. Sei­ne Stie­fel la­ckiert. Roy Ro­gers ist nicht viel mehr ge­we­sen als die Imi­ta­ti­on ei­nes Hel­den.

Mein letz­tes Bild von ihm auf dem Dach des Fast-Food-Re­stau­rants war da­mals das aus dem Rück­spie­gel. Klein und klei­ner wer­dend.

FO­TO: DPA

Held aus Kin­der­ta­gen: Sän­ger, Schau­spie­ler und Cow­boy Roy Ro­gers (1911-1998).

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