Kindeswohl: Ju­gend­amt griff 26 Mal ein

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - WIRTSCHAFT - VON ANDRE­AS GRUHN UND GABI PE­TERS

Die Zahl der Ver­dachts­fäl­le auf Ge­fähr­dung des Kin­des­wohls ist 2016 wie­der leicht ge­stie­gen auf 277. Aber nur je­der zehn­te Fall ist auch akut. So­zi­al­de­zer­nen­tin Schall be­merkt ei­ne er­höh­te Auf­merk­sam­keit im Um­feld pro­ble­ma­ti­scher Fa­mi­li­en.

Ein Kin­der­zim­mer mit ei­nem völ­lig ver­dreck­ten Git­ter­bett­chen, in dem ein über­ge­lau­fe­nes Töpf­chen ne­ben an­ge­ges­se­nen Kek­sen steht. Ein Kühl­schrank vol­ler Schim­mel. Und der Bo­den in der kom­plet­ten Woh­nung über­sät mit Ab­fall, ge­brauch­ter Klei­dung, ver­gam­mel­ten Es­sens­res­ten, lee­ren Fla­schen und Zi­ga­ret­ten­stum­meln. Beim Ju­gend­amt la­gern tau­sen­de Fo­tos, die sol­che Zu­stän­de do­ku­men­tie­ren, auf­ge­nom­men in Mön­chen­glad­ba­cher Woh­nun­gen. Wenn Ju­gend­amts­mit­ar­bei­ter in sol­chen Woh­nun­gen hilf­lo­se Kin­der vor­fin­den, dann ist klar: Hier ist ei­ne Inob­hut­nah­me not­wen­dig. Und auch die­ser Fall ist wirk­lich ge­sche­hen: Ju­gend­amts­mit­ar­bei­ter be­su­chen ei­ne Mön­chen­glad­ba­cher Fa­mi­lie mit ei­nem Säug­ling und ei­nem Klein­kind an ei­nem Sams­tag. Die Ein­käu­fe ha­ben die El­tern nach ei­ge­nen An­ga­ben er- le­digt. Aber im Kühl­schrank ste­hen nur al­ko­ho­li­sche Ge­trän­ke, an de­nen sich der Va­ter schon reich­lich be­dien­te, im Eis­fach liegt Tief­kühl­piz­za. Zi­ga­ret­ten sind auch da. Aber in der gan­zen Woh­nung gibt es kei­ne Ba­by­nah­rung, kein fri­sches Obst, kei­ne sau­be­re Win­del. Ei­gent­lich gilt: Wenn es eben mög­lich ist, sol­len Kin­der bei ih­ren El­tern blei­ben. In die­sem Fall ging es nicht.

Die Fäl­le von Kin­des­wohl­ge­fähr­dung ha­ben in Mön­chen­glad­bach im ver­gan­ge­nen Jahr zu­ge­nom­men. Ins­ge­samt 277 Ver­dachts­fäl­le gin­gen im Jahr 2016 beim Glad­ba­cher Ju­gend­amt ein, un­ge­fähr 50 mehr als noch im Jahr da­vor. Da­von stell­ten die Ju­gend­schüt­zer in 26 Fäl­len tat­säch­lich ei­ne aku­te Kin­des­wohl­ge­fähr­dung et­wa in Form von Ver­nach­läs­si­gung oder Miss­hand­lung fest und grif­fen ein (2015: 28 Fäl­le). Da­von wa­ren auch sechs Kin­der un­ter drei Jah­ren be­trof­fen. In sol­chen Fäl­len neh­men die Ju­gend­schüt­zer die Kin­der un­ter Um­stän­den aus den Fa­mi­li­en und brin­gen sie an­der­wei­tig un­ter.

Auf­fäl­lig ist: Die Zahl der Fäl­le, in de­nen die Stadt ei­ne la­ten­te Kin­des­wohl­ge­fähr­dung er­kann­te, hat sich fast ver­dop­pelt auf 87. Von la­ten­ter Kin­des­wohl­ge­fähr­dung spre­chen die Ex­per­ten dann, wenn El­tern mit ih­ren Kin­dern über­for­dert sind, aber die Fa­mi­lie mit Un­ter­stüt­zung von et­wa The­ra­peu­ten oder Kin­der­kran­ken­schwes­tern sta­bi­li­siert wer­den kann. Hil­fen zur Er­zie­hung nennt sich das, und al­lein für die­ses Jahr kal­ku­liert die Stadt mit mehr als 70 Mil­lio­nen Eu­ro an Aus­ga­ben, weil Fa­mi­li­en mit der Er­zie­hung ih­rer Kin­der über­for­dert sind und Un­ter­stüt­zung brau­chen.

So­zi­al­de­zer­nen­tin Dör­te Schall (SPD) sag­te, es ha­be glück­li­cher­wei- se nicht mehr Fäl­le aku­ter Kin­des­wohl­ge­fähr­dung ge­ge­ben als im Vor­jahr. Dass die Ver­dachts­fäl­le deut­lich mehr ge­wor­den sind, führt sie auf ei­ne ge­stie­ge­ne Auf­merk­sam­keit zu­rück: „Bei Nach­barn, An­ge­hö­ri­gen, Leh­rern und Er­zie­hern ist die Auf­merk­sam­keits­span­ne deut­lich ge­wach­sen. Wer ei­ne Auf­fäl­lig­keit be­merkt, mel­det das auch häu­fi­ger dem Ju­gend­amt.“Er­zie­her wür­den da­zu auch kon­kret ge­schult, ge­nau hin­zu­schau­en und hin­zu­hö­ren. „Man sieht, ob der blaue Fleck von ei­nem Sturz von der Rut­sche stammt oder ob das Kind die Trep­pe her­un­ter ge­fal­len ist“, sag­te Schall.

Von den 277 Mel­dun­gen an die Stadt ka­men 13,7 Pro­zent von Schu­len, Ki­tas oder Ta­ges­pfle­ge­per­so­nen. Je­de vier­te Mel­dung kam von Ver­wand­ten oder Be­kann­ten der be­trof­fe­nen Fa­mi­lie. Und in 34 Fäl­len wand­ten sich Po­li­zei, Ge­richt oder Staats­an­walt­schaft an das Ju­gend­amt.

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