Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Die Kriegs­jah­re flo­gen vor­bei, und Sto­ner über­stand sie, wie er ei­nen peit­schen­den, un­er­träg­li­chen Sturm über­stan­den ha­ben wür­de, den Kopf ge­senkt, die Kie­fer zu­sam­men­ge­presst, die Ge­dan­ken ein­zig auf den nächs­ten Schritt ge­rich­tet und den nächs­ten und den nächs­ten. Trotz stoi­scher Duld­sam­keit und stu­ren Vor­an­schrei­tens über Ta­ge und Wo­chen hin­weg war er je­doch ein zu­in­nerst zer­ris­se­ner Mann. Ein Teil von ihm schreck­te in in­stink­ti­vem Ent­set­zen vor der täg­li­chen Sinn­lo­sig­keit zu­rück, dem Über­maß an Zer­stö­rung und Tod, mit dem Herz und Ver­stand un­er­bitt­lich kon­fron­tiert wur­den; wie­der ein­mal sah er den Fach­be­reich de­zi­miert, sah jun­ge Män­ner die Se­mi­nar­räu­me ver­las­sen, sah den ge­quäl­ten Blick in den Ge­sich­tern je­ner, die blie­ben, und sah in ih­ren Au­gen den lang­sa­men Tod des Her­zens, den bit­te­ren Ver­schleiß von Mit­ge­fühl und Für­sor­ge.

Ein an­de­rer Teil von ihm aber fühl­te sich von eben­je­nem In­fer­no au­ßer­or­dent­lich an­ge­zo­gen, vor dem er zu­gleich zu­rück­schreck­te. Er ent­deck­te in sich ei­ne Fä­hig­keit zur Ge­walt, von der er bis­lang nichts ge­ahnt hat­te: Er sehn­te sich da­nach, da­bei zu sein, sehn­te sich nach dem Ge­schmack des To­des, der gal­li­gen Freu­de des Zer­stö­rens, dem Ge­ruch des Blu­tes. Er emp­fand Scham und Stolz, vor al­lem aber ei­ne bit­te­re Ent­täu­schung über sich selbst so­wie über die Zeiten und Um­stän­de, die ihn mög­lich mach­ten.

Wo­che um Wo­che, Mo­nat um Mo­nat zo­gen die Na­men der To­ten an ihm vor­bei. Manch­mal wa­ren es bloß Na­men, an die er sich wie aus fer­ner Ver­gan­gen­heit er­in­ner­te, manch­mal konn­te er ein Ge­sicht da­mit ver­bin­den, manch­mal ei­ne Stim­me, ein Wort.

Trotz al­lem hör­te er nicht auf zu un­ter­rich­ten und zu stu­die­ren, ob­wohl es ihm manch­mal vor­kam, als krümm­te er den Rü­cken ver­ge­bens ge­gen den peit­schen­den Sturm und wölb­te die Hän­de gänz­lich un­nö­tig um sein letz­tes arm­se­lig fla­ckern­des Streich­holz.

Manch­mal kehr­te Gra­ce nach Co­lum­bia zu­rück, um ih­re El­tern zu be­su­chen. Beim ers­ten Mal brach­te sie ih­ren kaum ein­jäh­ri­gen Sohn mit, doch schien des­sen Ge­gen­wart Edith merk­wür­dig zu be­un­ru­hi­gen, wes­halb Gra­ce ihn wäh­rend der nächs­ten Be­su­che bei ih­ren Schwie­ger­el­tern in St. Lou­is ließ. Sto­ner hät­te den En­kel gern öf­ter ge­se­hen, ver­schwieg aber sei­nen Wunsch, da er be­griff, dass Gra­ce’ Fort­zug aus Co­lum­bia – viel­leicht so­gar ih­re Schwan­ger­schaft – in Wahr­heit die Flucht aus ei­nem Ge­fäng­nis ge­we­sen war, in das sie nun aus un­tilg­ba­rer Freund­lich­keit und sanf­ter Gu­ther­zig­keit zu­rück­kehr­te.

Ob­wohl Edith nichts der­glei­chen ver­mu­te­te oder es nicht zu­ge­ben woll­te, hat­te Gra­ce, wie Sto­ner wuss­te, mit stil­ler Be­harr­lich­keit zu trin­ken be­gon­nen. Zum ers­ten Mal fiel ihm dies im Som­mer nach Kriegs­en­de auf. Gra­ce kam ei­ni­ge Ta­ge zu Be­such und wirk­te un­ge­wöhn­lich mit­ge­nom­men; die Au­gen um­schat­tet, das Ge­sicht an­ge­spannt und blass. Ei­nes Abends ging Edith nach dem Es­sen früh zu Bett; Gra­ce und Sto­ner sa­ßen noch in der Kü­che und tran­ken Kaf­fee. Sto­ner woll­te mit sei­ner Toch­ter re­den, aber Gra­ce wirk­te ru­he­los und ge­reizt. Vie­le Mi­nu­ten sa­ßen sie schwei­gend zu­sam­men, bis Gra­ce ihm schließ­lich ei­nen in­stän­di­gen Blick zu­warf, mit den Schul­tern zuck­te und laut seufz­te.

„Hör mal“, sag­te sie, „hast du viel­leicht ei­nen Schnaps im Haus?“

„Nein“, sag­te er. „Tut mir leid. Im Schrank könn­te noch ei­ne Fla­sche Sher­ry sein, aber . . .“

„Ich brau­che un­be­dingt was zu trin­ken. Macht es dir et­was aus, wenn ich im Drugs­to­re an­ru­fe, um mir ei­ne Fla­sche brin­gen zu las­sen?“

„Na­tür­lich nicht“, sag­te Sto­ner. „Nur ha­ben dei­ne Mut­ter und ich ge­wöhn­lich kein . . .“

Aber sie war schon auf­ge­stan­den und ins Wohn­zim­mer ge­gan­gen, blät­ter­te im Te­le­fon­buch und be­gann hek­tisch zu wäh­len. Als sie in die Kü­che zu­rück­kam, ging sie an den Schrank, hol­te die halb vol­le Fla­sche Sher­ry her­aus, nahm sich ein Glas vom Ab­tropf­brett und füll­te es fast bis zum Rand mit dem hell­brau­nen Wein. Noch im Ste­hen leer­te sie das Glas, wisch­te sich über die Lip­pen und schau­der­te. „Er ist sau­er ge­wor­den“, sag­te sie. „Und ich has­se Sher­ry.“

Sie trug Fla­sche und Glas zum Tisch, setz­te sich, stell­te bei­des ak­ku­rat vor sich hin, goss sich das Glas halb­voll und blick­te ih­ren Va­ter mit ei­nem selt­sa­men, ver­stoh­le­nen Lä­cheln an.

„Ich trin­ke ein we­nig mehr, als gut für mich ist“, sag­te sie. „Ar­mer Va­ter. Das hast du nicht ge­wusst, wie?“„Nein“, sag­te er. „Je­de Wo­che sa­ge ich mir, nächs­te Wo­che trin­ke ich nicht so viel, aber ich trin­ke im­mer ein biss­chen mehr. Ich weiß nicht, war­um.“

„Bist du un­glück­lich?“, frag­te Sto­ner.

„Nein“, er­wi­der­te sie. „Ich glau­be so­gar, ich bin glück­lich. Zu­min­dest fast glück­lich. Das ist es nicht. Es ist . . .“Sie ließ den Satz un­be­en­det.

Als sie den Sher­ry aus­ge­trun­ken hat­te, kam der Lie­fer­jun­ge vom Drugs­to­re mit ih­rem Whis­ky. Sie brach­te die Fla­sche in die Kü­che, öff­ne­te sie mit rou­ti­nier­ten Be­we­gun­gen und goss sich ei­nen kräf­ti­gen Schuss ins Sher­ry­glas.

Sie blie­ben auf, bis das ers­te Grau über die Fens­ter kroch. Gra­ce nahm im­mer wie­der ei­nen klei­nen Schluck, und je wei­ter die Nacht vor­an­schritt, des­to mehr glät­te­ten sich die Fal­ten in ih­rem Ge­sicht; sie wur­de ru­hi­ger und jün­ger, und die bei­den re­de­ten mit­ein­an­der wie schon seit Jah­ren nicht mehr.

„Ich glau­be“, er­zähl­te sie, „ich glau­be, ich bin ab­sicht­lich schwan­ger ge­wor­den, auch wenn ich es da­mals nicht be­grif­fen ha­be; ich fürch­te, ich ha­be nicht ein­mal ge­wusst, wie sehr ich un­be­dingt von hier fort woll­te. Da­bei wuss­te ich weiß Gott ge­nug, um nicht schwan­ger zu wer­den, wenn ich es nicht ge­wollt hät­te. All die Jun­gen in der High­school und“– sie mus­ter­te ih­ren Va­ter mit ei­nem schie­fen Lä­cheln – „du und Ma­ma, ihr habt nichts da­von ge­wusst, oder?“„Ich glau­be nicht“, sag­te er. „Ma­ma woll­te, dass ich be­liebt bin, und – na ja, ich war durch­aus be­liebt. Es war nicht wei­ter wich­tig, über­haupt nicht wich­tig.“

„Ich ha­be ge­wusst, wie un­glück­lich du warst“, brach­te Sto­ner mit Mü­he über die Lip­pen, „aber nicht ge­ahnt . . . nicht ge­wusst . . .“

„Ich glau­be, ich auch nicht“, sag­te sie. „Wie denn auch? Ar­mer Ed. Er ist bei all­dem am schlech­tes­ten weg­ge­kom­men. Weißt du, ich ha­be ihn be­nutzt. Na ja, er war durch­aus der Va­ter, aber ich ha­be ihn trotz­dem be­nutzt. Ein net­ter Jun­ge, und er hat sich im­mer so ge­schämt – er konn­te es ein­fach nicht er­tra­gen.

(Fort­set­zung folgt)

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