SE­RIE GLAD­BA­CHER LESEBUCH (5) Der Bett­ra­ther Ka­plan Blum tricks­te die Na­zis aus

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON BERN­HARD RANDERATH FO­TO (2): RANDERATH

Weil nur die Hit­ler­ju­gend Aus­flü­ge ma­chen durf­te, er­klär­te der Geist­li­che das Som­mer­la­ger zum Er­ho­lungs­ur­laub für schwa­che Kin­der.

BETTRATH Als ich 1934 in die Schu­le kam, wa­ren die Na­zis schon in al­len Be­rei­chen des täg­li­chen Le­bens ak­tiv. Die Stim­mung der neu­en Re­gie­rung ge­gen­über war po­si­tiv ein­ge­stellt, ob­wohl das ka­tho­lisch ge­präg­te M.Glad­bach bis­her ei­ne Hoch­burg der christ­li­chen Par­tei „Zen­trum“war. Am An­fang ga­ben die Na­zis sich den Kir­chen ge­gen­über noch neu­tral und ver­mie­den Rei­bungs­punk­te. Die Er­mäch­ti­gungs­ge­set­ze vom 24. März 1933 brach­ten dann gro­ße Ve­rän­de­run­gen. Das Ge­setz hat­te den Na­men „Ge­setz zur Be­he­bung der Not von Volk und Reich“. Wer sich dem wi­der­setz­te, war ein Staats­feind. Es wur­de al­so al­les ver­bo­ten, was nicht in des­sen Rah­men pass­te. Par­tei­en, Ge­werk­schaf­ten, kirch­li­che Ver­bän­de und Ju­gend­ver­bän­de. Durch das Ge­setz war je­der ein Staats­feind, der sich dem wi­der­setz­te. Op­po­si­tio­nel­le wur­den in „Umer­zie­hungs­la­ger“ge­bracht, an­geb­lich nur zur Be­he­bung der Not von Volk und Reich.

Die Rüs­tungs­in­dus­trie wur­de an­ge­kur­belt und da­mit auch die an­de­ren In­dus­trie­zwei­ge. Auch die hei­mi­sche Tex­til­in­dus­trie lief wie­der an und un­se­re Vä­ter hat­ten Ar­beit. Vor­bei war die Zeit der Not­stands­ar­bei­ten. Das wa­ren Ar­bei­ten wie Niers­be­gra­di­gung oder Stra­ßen­bau, zu de­nen Ar­beits­lo­se her­an­ge­zo­gen wur­den. Aber das war jetzt vor­bei. Wir Kin­der re­gis­trier­ten auch, dass die El­tern we­ni­ger Sor­gen hat­ten. Im Ver­wand­ten- und Be­kann­ten­kreis hieß es: „Wir blei­ben, was wir sind, aber wir ha­ben Ar­beit.“

Mei­ne ers­te ne­ga­ti­ve Er­fah­rung mach­te ich, als ich in die Jung­schar der Ka­tho­li­schen Ju­gend ein­trat. Ei­ni­ge Hei­ma­ben­de hat­te ich mit­ge­macht, als es hieß, die christ­li­chen Ju­gend­ver­bän­de sei­en ver­bo­ten. Ger­ne hät­te ich dort wei­ter­ge­macht, das war aber lei­der ver­bo­ten, denn im Jahr 1936 trat das Ge­setz über die Hit­ler­ju­gend in Kraft, und es war end­gül­tig Schluss da­mit. Da­mit war für je­den Jun­gen und je­des Mäd­chen ab dem zehn­ten Le­bens­jahr die Mit­glied­schaft in den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ju­gend­or­ga­ni­sa­tio­nen Pflicht. Die Kir­che soll­te zwar in der Er­zie­hung aus­ge­schal­tet wer­den. In Re­li­gi­on durf­te sie aber wei­ter­hin un­ter­rich­ten. Und eben die­se Lü­cke wur­de bei uns in Bettrath er­kannt.

Die Schul­kin­der wur­den jahr­gangs­wei­se zur Glau­bens­stun­de ein­ge­la­den, die ent­we­der im Heim an der Tul­pen­stra­ße oder im Heim an der Ober­stra­ße statt­fand. An der Tul­pen­stra­ße war es ei­ne Holz­ba­ra­cke und an der Ober­stra­ße der An­bau ei­nes Hau­ses. Die Teil­nah­me war frei­wil­lig, aber die Re­so­nanz über­wäl­ti­gend. Fast al­le Kin­der im schul­pflich­ti­gen Al­ter wa­ren da­bei. Ein­mal in der Wo­che gab es in der Kir­che ei­ne Sing­stun­de für al­le Kin­der, denn das Sin­gen in Kir­chen war noch nicht ver­bo­ten. Die Kir­che war bis hin­ten mit Kin­dern be­setzt. An die­ser Stel­le soll auch ein­mal die Leis­tung der Ka­p­lä­ne Blum und Krebs, un­ter schwie­ri­gen Um­stän­den, ge­wür­digt wer­den. Die Mess­die­ner­stun­den konn­ten auch nicht ver­bo­ten wer­den, weil die­se Tä­tig­keit für die Aus­rich­tung der Got­tes­diens­te not­wen­dig war, und die Mess­fei­er konn­te man ja noch nicht ver­bie­ten. Ger­ne er­in­ne­re ich mich an die­se Grup­pen­stun­den.

Am Schluss der St­un­de las der Ka­plan aus ei­nem Buch vor. Wir wa­ren ganz ge­spannt, wie es wei­ter­ging. Da war zum Bei­spiel ein Buch mit dem Ti­tel „Die Herr­gotts­schan­ze“. Die Ge­schich­te spiel­te in der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, wo auch die Kir­che im Un­ter­grund leb­te und ein Pries­ter in Pri­vat­häu­sern oder Scheu­nen die Mes­se las. Die Haupt­fi­gur in die­ser Ge­schich­te war ein Jun­ge in un­se­rem Al­ter. Er war die rech­te Hand des Pries­ters. Er be­rei­te­te al­les vor, wie Räu­me be­sor­gen und den Al­tar vor­be­rei­ten und auch bei der Mes­se mi­nis­trie­ren. Bei al­len Ak­ti­vi­tä­ten muss­te er vor­sich­tig sein. Ge­fahr droh­te da­bei be­son­ders von dem ehe­ma­li­gen Küs­ter, denn der war jetzt Ja­ko­bi­ner und Geg­ner der Kir­che. In spä­te­ren Jah­ren ist mir zu Be­wusst­sein ge­kom­men, dass durch die­se Ge­schich­te un­ser Ver­hal­ten dem Na­zi­re­gime ge­gen­über ge­stärkt wer­den soll­te, oh­ne dies di­rekt an­zu­spre­chen. Aber un- se­re Stand­fes­tig­keit im Glau­ben, wur­de schon po­si­tiv be­ein­flusst.

Lei­der durf­ten kei­ne Ver­an­stal­tun­gen au­ßer­halb der Kir­che sein, al­so auch kei­ne Aus­flü­ge oder Wan­de­run­gen. Dies war nur der Hit­ler­ju­gend vor­be­hal­ten. Un­ser Ka­plan Blum hat aber doch noch ei­ne ri­si­ko­rei­che Lü­cke ent­deckt: ei­nen Er­ho­lungs­ur­laub für schwa­che Kin­der über die Ca­ri­tas. Wir brauch­ten al­so ein Ge­sund­heits­zeug­nis ei­nes Arz­tes. Dr. Sta­de­ler oder Dr. Mo­li­tor mach­ten das schon, denn schwach wa­ren wir ja schließ­lich. Die ers­te Er­ho­lungs­fahrt im Som­mer 1939 ging in das Klos­ter „Ma­ri­en­hö­he“bei Kre­feld. Das Haus lag im Wald auf ei­nem Hü­gel. Dort ver­brach­ten wir schö­ne Ur­laubs­ta­ge.

Die Schlaf­stät­te war in ei­nem et­was ent­fernt lie­gen­den Bau­ern­hof, der zum Klos­ter ge­hör­te, un­ter­ge­bracht. In den Stal­lun­gen wa­ren Ei­sen­bet­ten auf­ge­stellt. Auch die Fres­strö­ge dien­ten uns als La­ger­stät­te. Je­den Mor­gen war Hei­li­ge Mes­se und da­nach wur­de ge­früh­stückt. Auf dem Hof wa­ren Ti­sche und Bän­ke auf­ge­stellt und das Wet­ter muss wohl im­mer schön ge­we­sen sein, denn an Re­gen kann ich mich nicht er­in­nern. Tags­über konn­ten wir im Wald spie­len oder auch auf ei­nem Teich Kahn fah­ren. Ge­mein­sa­me Spie­le wur­den auch ger­ne ge­macht. Ich er­in­ne­re mich an das ge­gen­sei­ti­ge Füt­tern mit Pud­ding, aber mit ver­bun­de­nen Au­gen. Für das nächs­te Jahr wur­de wie­der ei­ne Fahrt ge­plant. Weil wir schon al­le in Er­ho­lung wa­ren, wur­de die Ak­ti­on aus­ge­dehnt, und Jun­gen aus an­de­ren Pfar­ren der Stadt konn­ten auch teil­neh­men. 1940 ging es nach Mühl­hau­sen-Oedt. Wie­der in ein Klos­ter mit gro­ßen Park­an­la­gen. In ei­ner Turn­hal­le war un­ser Schlaf­saal. Auch das war wie­der ein wun­der­schö­ner Ur­laub für Leib und See­le. In­zwi­schen war aber die Gesta­po un­se­rem Ka­plan auf die Sch­li­che ge­kom­men.

In den Un­ter­la­gen der Gesta­po heißt es: „Ver­hör­se­rie nach dem 1.7.1941. Ver­däch­tigt wur­de Ka­plan Ja­kob Blum aus Bettrath, 90 Jun­gen aus Mön­chen­glad­bach in ei­nem Ju­gend­la­ger in Mühl­hau­sen ver­sam­melt zu ha­ben.“Un­ser Ka­plan stand al­so auf der schwar­zen Lis­te, trotz­dem hat er 1942 noch ei­ne Fahrt nach Hö­fen bei Mon­schau or­ga­ni­siert, wel­che ich aber nicht mehr mit­ma­chen konn­te, weil ich 1942 aus der Schu­le ent­las­sen wur­de und be­reits ei­ne Leh­re be­gon­nen hat­te. Da­nach war aber end­gül­tig Schluss, sonst wä­re Ka­plan Blum ir­gend­wann ver­haf­tet wor­den.

Im Som­mer 1939 ver­brach­ten die Bett­ra­ther Jun­gen ih­ren Ur­laub im Kre­fel­der Klos­ter „Ma­ri­en­hö­he“. Ka­plan Blum mach­te es mög­lich.

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