Wo der Post­bo­te noch je­den beim Na­men kennt

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON AN­GE­LA WILMS-ADRIANS

Seit 26 Jah­ren be­treut Fahr­rad-Post­bo­te Hans-Die­ter Stahn „sei­nen“Be­zirk in Giesenkirchen. Neu­er­dings tritt er auf­grund der kör­per­li­chen Be­las­tung kür­zer – ein prä­mier­tes Al­ters­teil­zeit-Mo­dell macht es mög­lich.

Der Mann macht ei­nen fit­ten Ein­druck, hat of­fen­sicht­lich ein fro­hes Ge­müt und scheint eins mit sich zu sein: Hans-Die­ter Stahn. Seit über 40 Jah­ren ar­bei­tet er bei der Deut­schen Post. Da­von be­treut er seit 26 Jah­ren „sei­nen“Be­zirk in Giesenkirchen. Wenn Stahn durch ist mit sei­ner Tour durch Ru­ckes, Ei­ger, Tau­ben­hüt­te und et­li­che Stra­ßen mehr bis ins Rin­ges­feld­chen, hat er et­wa 745 Haus­hal­te ver­sorgt und mit dem Fahr­rad so­wie zu Fuß rund 30 Ki­lo­me­ter zu­rück­ge­legt. Zwi­schen­durch muss er im­mer wie­der ei­ne Auf­la­deS­ta­ti­on an­fah­ren, da Ta­schen und Kör­be sei­nes Fahr­rads nicht sämt­li­che Brie­fe und Post­wurf­sen­dun­gen zu fas­sen ver­mö­gen.

An­de­re Post­zu­stel­ler sind im Schnitt für mehr Haus­hal­te zu­stän­dig, da­für ist Stahns Be­zirk weit­läu­fi­ger. Wenn er die Häu­ser­zei­len an der Stra­ße Ei­ger ver­lässt, geht es für ihn vor­bei an Wie­sen und frei­em Feld. Ir­gend­wo da drau­ßen liegt auch noch ein Was­ser­werk. Wenn dort ein Brief zu­ge­stellt wer­den muss, ist sei­ne Tour noch ein gu­tes Stück län­ger als sonst. „Doch das ist nicht all­zu oft“, stellt Stahn ge­las­sen fest.

Er ist über­zeugt, ei­nen wun­der­ba­ren Be­ruf zu ha­ben. Er liebt das Länd­li­che und die fast schon fa­mi­liä­re Ver­bun­den­heit zu den Men­schen an sei­ner Stre­cke. Er kennt sie al­le beim Na­men, wird hier und da mit ei­ner Tas­se Kaf­fee und ei­nem Stück Ku­chen be­grüßt. Die we­ni­gen grö­ße­ren Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser in sei­nem Be­zirk kann er an ei­ner Hand ab­zäh­len. Er liebt die Ru­he, wenn er an Wie­sen und Fel­dern vor­bei­fährt, die fri­sche Luft. Da­mit er­klärt sich denn auch die ge­sun­de Ge­sichts­far­be.

Doch mit nun 61 Jah­ren be­merkt Stahn zu­neh­mend die Schat­ten­sei­ten sei­nes Be­rufs: Das sind zum Bei­spiel im Win­ter Näs­se und Glät­te. „Wenn ich von Ei­ger raus in die Kar­pa­ten fah­re, ist es schon et­li­che Grad käl­ter. Bei Glät­te ist die Tau­ben­hüt­te wie die Schlitt­schuh­bahn in Gre­frath“, sagt er. Zu­dem ma­chen sich hier und da Ab­nut­zungs­er­schei­nun­gen be­merk­bar. Knie und Fuß sind ope­riert. Da­her ist Stahn vor et­wa zwei­ein­halb Jah­ren aufs E-Bi­ke um­ge­stie­gen.

Seit kur­zem teilt er sich sei­nen Zu­stell­be­zirk mit ei­ner jun­gen Kol­le­gin. Das be­deu­tet für ihn, dass er nun nur noch je­de zwei­te Wo­che an fünf Ta­gen die Häu­ser an­fährt. Den Sams­tag als sechs­ten Wo­chen­ar­beits­tag über­nimmt oh­ne­hin ei­ne Ver­tre­tung. Die Al­ters­teil­zeit ist mög­lich dank des Ge­ne­ra­tio­nen­ver­trags, der Post­bo­ten den Über­gang ins Ren­ten­al­ter er­leich­tert und der Post das Know­how der äl­te­ren Kol­le­gen mög­lichst

Hans-Die­ter Stahn lan­ge er­hält. Kon­zi­piert wur­de das Mo­dell vor al­lem für Mit­ar­bei­ter, die ei­ner be­las­ten­den Tä­tig­keit nach­ge­hen. Post-Spre­che­rin Brit­ta Töll­ner merkt an, dass die­se Gestal­tung al­ters­ge­rech­ten Ar­bei­tens mit dem In­no­va­ti­ons­preis der Deut­schen Wirtschaft be­dacht wur­de.

Doch nicht nur die Deut­sche Wirtschaft ist vom Mo­dell über­zeugt – auch Hans-Die­ter Stahn stellt be­geis­tert fest: „Das ist die bes­te Idee. Ich ge­nie­ße es. Mein Kör­per dankt es mir. Ab ei­nem ge­wis­sen Al­ter kann man nicht mehr je­den Tag die Stre­cke fah­ren“. Er nimmt ger­ne in Kauf, dass er auf die­se Wei­se 19 Pro­zent we­ni­ger ver­dient als zu­vor.

So kann er wei­ter­hin die ge­sell­schaft­li­chen Ve­rän­de­run­gen an der Art sei­ner Zu­stel­lun­gen ab­le­sen. „Die Men­schen schrei­ben heu­te we­ni­ger. Was hat­ten wir frü­her an Weih­nachts­post. Das hat sich al­les ge­än­dert“, er­zählt er. Mit dem Fahr­rad stellt er kei­ne Pa­ke­te zu, doch da Klei­dung, Kopf­hö­rer und an­de­res mehr häu­fig als Wa­r­ensen­dun­gen ver­schickt wer­den, sieht er, wie der Ver­sand zu­nimmt, wäh­rend das Brief­ge­schäft von Jahr zu Jahr um zwei bis drei Pro­zent schwin­det. Stahn stellt der­glei­chen fest und schwingt sich wie­der auf sein gel­bes Fahr­rad. Die Post muss zu­ge­stellt wer­den – in sei­nem Be­zirk, und der ist für ihn „wie mein Zu­hau­se“. Den wür­de er nie­mals ge­gen ei­nen an­de­ren ein­tau­schen wol­len.

„Die Men­schen schrei­ben heu­te we­ni­ger. Was hat­ten wir frü­her an

Weih­nachts­post“

„Bei Glät­te ist die Tau­ben­hüt­te wie die Schlitt­schuh­bahn in Gre­frath“

Hans-Die­ter Stahn

Fahr­rad-Post­bo­te

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