Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Ach, das lässt sich schwer be­ant­wor­ten, aber dem Ge­fühl nach – nun, die Ge­schwulst ist recht groß, al­so dürf­te sie schon ei­ne Wei­le da sein.“Sto­ner schwieg ei­nen Mo­ment, dann frag­te er: „Was schät­zen Sie, wie lan­ge bleibt mir noch?“

Wie in Ge­dan­ken er­wi­der­te Ja­mi­son: „Ach, nun hö­ren Sie auf, Mr Sto­ner.“Er ver­such­te zu la­chen. „Wir soll­ten nicht gleich vom Schlimms­ten aus­ge­hen. Es gibt im­mer noch Hoff­nung – zum Bei­spiel die, dass es nur ein Ge­schwür ist, ein gut­ar­ti­ges, ver­ste­hen Sie? Oder – es könn­te al­les Mög­li­che sein. Si­cher wis­sen wir das erst, wenn wir . . .“

„Ja“, sag­te Sto­ner. „Wann wol­len Sie ope­rie­ren?“

„So rasch wie mög­lich“, sag­te Ja­mi­son er­leich­tert. „In­ner­halb der nächs­ten zwei, drei Ta­ge.“

„So bald?“, sag­te Sto­ner bei­na­he zer­streut. Dann blick­te er Ja­mi­son fest an. „Las­sen Sie mich Ih­nen ei­ni­ge Fra­gen stel­len, Dok­tor. Und ich möch­te Sie bit­ten, mir ehr­lich zu ant­wor­ten.“Ja­mi­son nick­te. „Wenn es nur ein Ge­schwür ist – ein gut­ar­ti­ges, wie Sie es nen­nen –, wür­den ei­ni­ge Wo­chen dann ei­nen gro­ßen Un­ter­schied aus­ma­chen?“

„Na ja“, er­wi­der­te Ja­mi­son zö­ger­lich, „da wä­ren die Schmer­zen, aber an­sons­ten – nein, ei­nen gro­ßen Un­ter­schied wür­de das wohl nicht ma­chen, den­ke ich.“

„Gut“, ant­wor­te­te Sto­ner. „Und wenn es so schlimm ist, wie Sie be­fürch­ten – wür­den ei­ni­ge Wo­chen dann ei­nen gro­ßen Un­ter­schied be­deu­ten?“

Nach lan­gem Schwei­gen sag­te Ja­mi­son bei­na­he ver­bit­tert: „Nein, ich schät­ze nicht.“– „Dann“, fol­ger­te Sto­ner, „war­te ich ei­ni­ge Wo­chen. Es gibt da ein paar Din­ge, die ich ins Rei­ne brin­gen muss – Ar­beit, die ich zu er­le­di­gen ha­be.“

„Ich muss Ih­nen da­von ab­ra­ten, ver­ste­hen Sie?“, sag­te Ja­mi­son. „Ich muss Ih­nen wirk­lich da­von ab­ra­ten.“

„Na­tür­lich“, er­wi­der­te Sto­ner. „Und Dok­tor – Sie wer­den doch mit nie­man­dem dar­über re­den, nicht wahr?“

„Nein“, sag­te Ja­mi­son und setz­te ein we­nig warm­her­zi­ger hin­zu, „na­tür­lich nicht.“Er schlug ei­ni­ge klei­ne Än­de­run­gen in der Di­ät vor, zu der er ihm letz­tens ge­ra­ten hat­te, ver­schrieb noch ein paar Ta­blet­ten und leg­te ei­nen Ter­min für die Kran­ken­haus­auf­nah­me fest.

Sto­ner emp­fand über­haupt nichts; ihm war, als hät­te der Arzt nur von ei­nem klei­nen Übel be­rich­tet, ei­nem Hin­der­nis, das er ir­gend­wie über­win­den muss­te, um tun zu kön­nen, was er zu tun hat­te. Er dach­te dar­an, dass es für ei­nen Vor­fall die­ser Art recht spät im Jahr war; Lo­max wür­de Mü­he ha­ben, ei­nen Er­satz zu fin­den.

Die in der Pra­xis ein­ge­nom­me­ne Ta­blet­te mach­te ihn ein we­nig be­nom­men, doch fand er das Ge­fühl ei­gen­ar­tig an­ge­nehm. Sein Zeit­ge­fühl war ge­stört; er sah sich auf dem Par­kett des lan­gen, eben­er­di­gen Flurs von Jes­se Hall ste­hen. Ein lei­ses Sum­men drang ihm wie fer­nes Flü­gel­sir­ren ans Ohr, und im schat­ti­gen Kor­ri­dor schien ein un­be­stimm­tes Licht mal stär­ker, mal schwä­cher zu glim­men und wie der ei­ge­ne Herz­schlag zu pul­sie­ren; sei­ne Haut, mit der er je­de sei­ner Be­we­gun­gen ver­stärkt wahr­zu­neh­men mein­te, be­gann zu pri­ckeln, als er über­trie­ben um­sich­tig ei­nen Schritt ins Ge­men­ge von Licht und Dun­kel­heit tat. – Er stand an der Trep­pe, die in den ers­ten Stock führ- te; die Stu­fen wa­ren aus Mar­mor und wie­sen ge­nau in der Mit­te je­weils ei­ne leich­te Ver­tie­fung auf, glatt ge­tre­ten in Jahr­zehn­ten von auf und ab ei­len­den Schrit­ten. Die Trep­pe war noch fast neu ge­we­sen, als er – vor wie vie­len Jah­ren? – zum ers­ten Mal hier ge­stan­den und so wie jetzt hin­auf­ge­schaut hat­te, um sich zu fra­gen, wo­hin sie füh­ren moch­te. Er dach­te an die Zeit, an ihr be­harr­li­ches Ver­ge­hen, setz­te be­hut­sam ei­nen Fuß in die ers­te glat­te Ver­tie­fung und ver­la­ger­te sein Ge­wicht.

Dann stand er in Gor­don Finchs Vor­zim­mer. Die jun­ge Frau sag­te: „De­kan Finch woll­te ge­ra­de ge­hen . . .“Er nick­te zer­streut, lä­chel­te sie an und be­trat Finchs Bü­ro.

„Gor­don“, be­grüß­te er ihn herz­lich, das Lä­cheln noch im Ge­sicht. „Ich wer­de dich nicht lan­ge auf­hal­ten.“

Re­flex­ar­tig er­wi­der­te Finch das Lä­cheln, doch sa­hen sei­ne Au­gen mü­de aus. „Si­cher, Bill, setz dich.“

„Ich wer­de dich nicht lan­ge auf­hal­ten“, sag­te er noch ein­mal und spür­te, wie sich in sei­ner Stim­me ei­ne selt­sa­me Au­to­ri­tät be­merk­bar mach­te. „Nur muss ich dir mit­tei­len, dass ich mei­ne Mei­nung ge­än­dert ha­be – was die Eme­ri­tie­rung an­geht, mei­ne ich. Ich weiß, das ist läs­tig, und es tut mir leid, dass ich so spät Be­scheid ge­be, aber – nun ja, ich glau­be, so ist es für al­le am bes­ten. Ich hö­re mit dem En­de des Se­mes­ters auf.“

Finchs Ge­sicht schweb­te vor ihm, rund vor Er­stau­nen. „Was zum Teu­fel . . .“, sag­te er. „Hat dir je­mand die Dau­men­schrau­ben an­ge­setzt?“

„Nein, nichts der­glei­chen“, sag­te Sto­ner. „Das ist al­lein mei­ne Ent­schei­dung. Ich ha­be nur fest­ge­stellt, dass es da doch ei­ni­ge Din­ge gibt, die ich gern noch tun wür­de. Au­ßer­dem“, setz­te er dann hin­zu, „brau­che ich ein we­nig Ru­he.“

Finch war ver­är­gert, und Sto­ner wuss­te, dass er al­len Grund da­zu hat­te. Er glaub­te sich ei­ne wei­te­re Ent­schul­di­gung mur­meln zu hö­ren, und spür­te, dass ihm sein dümm­li­ches Lä­cheln im­mer noch im Ge­sicht kleb­te.

„Nun ja“, sag­te Finch, „ich den­ke, es ist nicht zu spät. Gleich mor­gen küm­me­re ich mich um den Pa­pier­kram. Du weißt über Jah­res­ein­kom­men, Ver­si­che­rung und so wei­ter si­cher Be­scheid, oder?“

„Na­tür­lich“, sag­te Sto­ner. „Ich ha­be es mir an­ge­se­hen. Al­les in Ord­nung.“

Finch schau­te auf sei­ne Uhr. „Ich bin ein biss­chen spät dran, Bill. Komm in ein, zwei Ta­gen vor­bei, und wir klä­ren die De­tails. In der Zwi­schen­zeit – nun, ich den­ke, Lo­max soll­te Be­scheid wis­sen. Ich ru­fe ihn heu­te Abend noch an.“Er grins­te. „Ich fürch­te, es wird dir ge­lin­gen, ihn glück­lich zu ma­chen.“

„Ja“, sag­te Sto­ner. „Das fürch­te ich auch.“

In den zwei Wo­chen, die ihm bis zur Ein­lie­fe­rung ins Kran­ken­haus blie­ben, gab es viel zu er­le­di­gen, doch war er da­von über­zeugt, es schaf­fen zu kön­nen. Für die nächs­ten bei­den Ta­ge sag­te er sei­ne Se­mi­na­re ab und bat al­le Stu­den­ten, die er bei ih­rer un­ab­hän­gi­gen Re­cher­che, ih­ren Ar­bei­ten und Dis­ser­ta­tio­nen be­treu­en soll­te, in sei­ne Sprech­stun­de. Er schrieb de­tail­lier­te An­wei­sun­gen, wie sie ih­re Auf­ga­ben oh­ne ihn zu En­de brin­gen konn­ten, und hin­ter­ließ ei­nen Durch­schlag die­ser In­struk­tio­nen in Lo­max’ Brief­fach.

(Fort­set­zung folgt)

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