Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Dann spür­te er, wei­ter konn­te er nicht, er schaff­te es ge­ra­de noch bis zum So­fa und setz­te sich. Nach ei­ner Pau­se fühl­te er sich stark ge­nug, in sei­ne Wes­ten­ta­sche nach dem Röhr­chen mit den Ta­blet­ten zu grei­fen. Er schob sich ei­ne in den Mund und schluck­te sie oh­ne Was­ser, dann nahm er noch ei­ne. Sie schmeck­ten bit­ter, aber er fand ih­re Bit­ter­keit bei­na­he an­ge­nehm.

Ihm wur­de be­wusst, dass Edith im Zim­mer auf und ab ging, von ei­ner Stel­le zur an­de­ren; und er konn­te nur hof­fen, dass sie nicht mit ihm ge­re­det hat­te. Als der Schmerz nach­ließ und er sich wie­der ein we­nig kräf­ti­ger fühl­te, wur­de ihm klar, dass sie kein Wort ge­sagt hat­te; ihr Ge­sicht war zur Mas­ke er­starrt, der Mund ver­knif­fen, und sie ging mit stei­fen, är­ger­li­chen Schrit­ten.

Er woll­te mit ihr re­den, ent­schied aber, dass er sei­ner Stim­me nicht trau­en konn­te. Ver­wun­dert frag­te er sich, war­um sie sich är­ger­te; sie hat­te schon lan­ge nicht mehr so auf­ge­bracht aus­ge­se­hen.

Schließ­lich blieb sie ste­hen und wand­te sich zu ihm um, die Hän­de zu Fäus­ten ge­ballt, die Ar­me hin­gen her­ab. „Und? Hast du mir nichts zu sa­gen?“

Er räus­per­te sich und kon­zen­trier­te sei­nen Blick. „Tut mir leid, Edith.“Die Stim­me klang lei­se, aber kräf­tig. „Ich fürch­te, ich bin ein biss­chen mü­de.“

„Du hät­test mir über­haupt nichts ge­sagt, oder? Rück­sichts­los. Fin­dest du nicht, dass ich das Recht ha­be, Be­scheid zu wis­sen?“

Ei­nen Mo­ment lang war er ver­wirrt. Dann nick­te er. Wä­re er kräf­ti­ger ge­we­sen, wä­re er jetzt wü­tend ge­wor­den. „Wie hast du es her­aus­ge­fun­den?“

„Das ist doch jetzt egal. Ich schät­ze, al­le wis­sen es, nur ich nicht. Ach, Wil­ly, al­so wirk­lich.“

„Tut mir leid, Edith, ehr­lich. Ich woll­te nicht, dass du dir Sor­gen machst, und es dir des­halb erst nächs­te Wo­che sa­gen, kurz vor dem Ein­griff. Es ist ja nichts Schlim­mes, du musst dich des­halb nicht be­un­ru­hi­gen.“

„Nichts Schlim­mes?“Sie lach­te ver­bit­tert. „Man sagt, du hast Krebs. Weißt du nicht, was das be­deu­tet?“

Er fühl­te sich plötz­lich schwe­re­los und muss­te an sich hal­ten, um sich nicht an et­was fest­zu­klam­mern. „Edith“, sag­te er mit ei­ner Stim­me wie von weit her, „lass uns mor­gen dar­über re­den. Bit­te. Ich bin sehr mü­de.“

Ei­nen Mo­ment lang sah sie ihn an. „Brauchst du Hil­fe, um in dein Zim­mer zu kom­men?“, frag­te sie mür­risch. „Du siehst nicht so aus, als wür­dest du es al­lein schaf­fen.“„Es geht schon“, sag­te er. Doch kurz be­vor sie das Zim­mer ver­ließ, wünsch­te er sich, er hät­te sich hel­fen las­sen – nicht nur, weil er sich schwä­cher als ver­mu­tet fühl­te.

Sams­tag und Sonn­tag ruh­te er sich aus, und Mon­tag konn­te er wie­der sei­ne Se­mi­na­re hal­ten. Er ging früh nach Hau­se, leg­te sich aufs Wohn­zim­mer­so­fa und be­trach­te­te in­ter­es­siert die De­cke, als es klin­gel­te. Er setz­te sich auf und woll­te schon zur Tür ge­hen, als die Tür ge­öff­net wur­de und Gor­don Finch her­ein­kam. Sein Ge­sicht war blass, die Hän­de zit­ter­ten.

„Komm rein, Gor­don“, sag­te Sto­ner.

„Mein Gott, Bill“, sag­te Finch. „War­um hast du mir nichts ge­sagt?“

Sto­ner lach­te kurz auf. „Of­fen­bar hät­te ich es eben­so gut in der Zei­tung an­non­cie­ren kön­nen“, sag­te er. „Und ich dach­te, ich könn­te es in al­ler Stil­le an­ge­hen, oh­ne je­man­den auf­zu­re­gen.“

„Ich weiß, aber – mein Gott, wenn ich das ge­wusst hät­te.“

„Kein Grund, sich auf­zu­re­gen. Noch steht nichts fest – es ist bloß ei­ne Ope­ra­ti­on. Ein ex­plo­ra­ti­ver Ein­griff, heißt es, glau­be ich. Wie hast du da­von er­fah­ren?“

„Ja­mi­son“, sag­te Finch. „Er ist auch mein Arzt. Er sag­te, es ver­sto­ße zwar ge­gen sei­ne Be­rufs­ethik, mein­te aber, ich soll­te es wis­sen. Und er hat recht, Bill.“

„Ich weiß“, er­wi­der­te Sto­ner. „Ist ja auch egal. Hat es sich denn schon rum­ge­spro­chen?“

Finch schüt­tel­te den Kopf. „Noch nicht.“

„Dann er­zäh­le es auch nicht wei­ter. Bit­te.“

„Si­cher“, ant­wor­te­te Finch. „Und was die­ses Din­ner am Frei­tag an­geht – du musst das nicht mit­ma­chen, das weißt du.“

„Ich will aber“, sag­te Sto­ner und grins­te. „Schät­ze, ich bin Lo­max was schul­dig.“

Die An­deu­tung ei­nes Lä­chelns husch­te über Finchs Ge­sicht. „Du bist wirk­lich ein zän­ki­scher al­ter Esel ge­wor­den, fin­dest du nicht?“

„Ich fürch­te, das stimmt“, sag­te Sto­ner.

Das Din­ner fand in ei­nem klei­nen Spei­se­saal im Haus des Stu­den­ten­werks statt. Im letz­ten Au­gen­blick hat­te Edith ent­schie­den, den Abend nicht durch­ste­hen zu kön­nen, al­so ging er al­lein. Er brach früh auf und schlen­der­te ge­mäch­lich über den Cam­pus, als gin­ge er an ei­nem Früh­lings­nach­mit­tag spa­zie­ren. Es war noch nie­mand dort, wo­mit er ge­rech­net hat­te, und er bat den Kell­ner, die Platz­kar­te sei­ner Frau zu ent­fer­nen und den Tisch so her­zu­rich­ten, dass kein frei­er Platz üb­rig blieb. Dann setz­te er sich und war­te­te auf die An­kunft der Gäs­te. – Der Saal füll­te sich rasch; Mit­glie­der der Fa­kul­tät, die seit Jah­ren nicht mit Sto­ner ge­re­det hat­ten, wink­ten ihm zu, und er nick­te. Finch sag­te we­nig, be­hielt Sto­ner aber be­sorgt im Au­ge; der neue, noch jun­ge Prä­si­dent, des­sen Na­men Sto­ner sich ein­fach nicht mer­ken konn­te, sag­te et­was in leicht re­spekt­vol­lem Ton.

Das Es­sen wur­de von jun­gen Stu­den­ten in wei­ßer Li­vree ser­viert, von de­nen Sto­ner ei­ni­ge kann­te, wes­halb er ih­nen zu­nick­te und sich mit ih­nen un­ter­hielt. Die Gäs­te blick­ten zu­nächst be­küm­mert auf ih­re Tel­ler und be­gan­nen zu es­sen. Dann über­tön­te das fröh­li­che Klir­ren von Be­steck und Por­zel­lan die Ge­sprä­che, die sich lang­sam ent­spann­ten, und Sto­ner wuss­te, dass man sei­ne An­we­sen­heit fast ver­ges­sen hat­te, wes­halb er ein we­nig in sei­nem Es­sen her­um­sto­chern konn­te, ein paar An­stands­bis­sen nahm und sich dann um­schau­te. Wenn er die Au­gen zu­sam­men­kniff, konn­te er kei­ne Ge­sich­ter er­ken­nen, er sah nur wie in ei­nem Rah­men Far­ben und ver­schwom­me­ne Kon­tu­ren, die von ei­nem zum nächs­ten Mo­ment Mus­ter ge­bän­dig­ter Be­we­gung bil­de­ten. Es war ein er­freu­li­cher An­blick, und wenn er sei­ne Auf­merk­sam­keit in ganz be­stimm­ter Wei­se dar­auf lenk­te, spür­te er kei­nen Schmerz.

Plötz­lich war es still, und er schüt­tel­te den Kopf, als wür­de er aus ei­nem Traum auf­schre­cken. Fast am En­de des lan­gen Ti­sches hat­te sich Lo­max er­ho­ben und klopf­te mit dem Mes­ser ans Was­ser­glas. Ein at­trak­ti­ver Kopf, sin­nier­te Sto­ner, im­mer noch at­trak­tiv.

(Fort­set­zung folgt)

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