Als Bo­rus­si­as Sieg noch ei­ne Sen­sa­ti­on war

Beim 1:0-Sieg nach dem Wie­der­auf­stieg vor 13 Jah­ren trenn­ten Bo­rus­sia Fuß­ball­wel­ten vom FC Bay­ern. Heu­te muss sie sich sport­lich nur noch auf Ze­hen­spit­zen stel­len, um dem Deut­schen Re­kord­meis­ter auf Au­gen­hö­he zu be­geg­nen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - DIE TIERWELT - VON JAN­NIK SOR­GATZ

Jörg Won­tor­ra hat sich gut ge­hal­ten, das muss man ihm las­sen. Der Mann, der da im sand­far­be­nen Sak­ko das nächs­te Spiel bei „ran“auf Sat.1 an­kün­digt, ist oh­ne Zwei­fel der­sel­be, der heu­te durch den „Dop­pel­pass“auf Sport1 führt. Um Won­tor­ra soll es hier al­so nicht ge­hen, son­dern um ei­ne Fuß­ball-Welt, die der „al­te Klas­si­ker Glad­bach ge­gen Bay­ern “am 28. Ju­li 2001 of­fen­bart.

Bei YouTube fin­det man die­se Welt in zwei je zehn Mi­nu­ten lan­gen Vi­de­os kon­ser­viert. Ganz re­al funk­tio­niert die Zei­t­rei­se nur noch mit viel Fan­ta­sie, denn die ge­die­ge­ne Wohn­ge­gend rund­her­um hat sich den Bö­kel­berg ein­ver­leibt. In Ge­dan­ken kann man an je­nem son­ni­gen Fe­ri­en­tag vor 13 Jah­ren die Berg­stra­ße hin­auf­spa­zie­ren, vor­bei an St. Eli­sa­beth, dann links in die Bö­kel­stra­ße. Ein flie­gen­der Händ­ler ver­kauft vor der Ost­ge­ra­den das Foh­len­Echo für ei­ne Mark. Auf dem Sta­di­on­heft ist ei­ne Le­der­ho­se ab­ge­bil­det mit­samt der um­iss­ver­ständ­li­chen Auf­for­de­rung: „Aus­zie­hen!“Und drin­nen wird über die Laut­spre­cher für den Nacht­club Ha­rem in Ars­beck ge­wor­ben: „Ob Nor­den, Sü­den, Os­ten, Wes­ten, Hep­pos Frau­en sind die bes­ten.“

Am 26. Ok­to­ber 2014 lau­fen die Wer­be­spots von Bo­rus­si­as Spon­so­ren auf Vi­deo­wän­den, die so groß sind wie ei­ne Zwei-Zim­mer-Woh­nung. Prä­si­dent Rolf Kö­nigs gibt auf je­der Mit­glie­der­ver­samm­lung zum Bes­ten, dass der Bo­rus­sia-Park „nicht zu­ge­baut wer­den soll wie der Köl­ner Dom“. Und doch ra­gen die Bau­krä­ne in den Him­mel, weil sich auf dem Are­al von der ge­fühl­ten Grö­ße des Saar­lan­des nicht nur ein Fuß­ball-Tra­di­ti­ons­ver­ein nie­der­ge­las­sen hat, der im­mer wei­ter wächst.

Der „al­te Klas­si­ker Glad­bach ge­gen Bay­ern“ist 13 Jah­re äl­ter ge­wor­den, und auf Schul­hö­fen am Nie- Sie se­hen zwei Neu­zu­gän­ge in der Start­elf des FC Bay­ern. Ni­ko und Ro­bert Ko­vac klin­gen zwar nicht so furcht­ein­flö­ßend wie Xa­bi Alon­so und Ro­bert Le­wan­dow­ski, aber da­mals setz­te die Bo­rus­sia ih­nen auch, nun ja, wen ei­gent­lich, ent­ge­gen? Nach kur­zer Über­le­gung lan­det man bei ei­nem 27-jäh­ri­gen Rechts­ver­tei­di­ger mit blon­dier­ten Haa­ren. ewig lang ei­ne Gän­se­haut be­kom­men, weil es ih­nen schau­der­te. Seit der Trai­ner Lu­ci­en Fav­re heißt, hat Gän­se­haut wie­der mit Ge­nuss zu tun. Und so könn­te in der 23. Mi­nu­te des Du­ells mit dem FC Bay­ern dies­mal Gra­nit Xha­ka ei­nen wun­der­ba­ren Pass in die Spit­ze spie­len. Max Kru­se lässt den Ball auf­set­zen, um ihn dann an Ma­nu­el Neu­er vor­bei ins lan­ge Eck zu ja­gen. „Ro­sig“ist be­reits die Ge­gen­wart.

Dass ein Auf­stei­ger den Cham­pi­ons­Le­ague-Sie­ger schlägt, ist 2001 ei­ne Sen­sa­ti­on, die der „ran“-Bei­trag ganz gut er­klärt. Herr­mann er­in­nert an „la­sche Vor­be­rei­tungs­spie­le der Bay­ern“, kom­men­tiert Glad­ba­cher „Spiel­zü­ge oh­ne gro­ße Ge­gen­wehr“des Geg­ners. Ste­fan Ef­fen­berg be­en­det die Par­tie mit 57 Ball­kon­tak­ten. Xa­bi Alon­so schafft das in ei­ner hal­ben Stun­de.

Den­noch be­nö­tigt die Bo­rus­sia heut­zu­ta­ge kei­ne Sen­sa­ti­on mehr, um den FC Bay­ern zu be­sie­gen. Wenn Kru­ses 1:0 über die Run­den ge­bracht ist, steht Hans Mey­er, der Vi­ze-Prä­si­dent, im Ver­ein­s­an­zug auf der Haupt­tri­bü­ne und kann an den Satz den­ken, den er einst nach dem 1:0 bei der Pres­se­kon­fe­renz sag­te: „Ich ge­he jetzt nach Hau­se und ma­che ein Fläsch­chen von die­sem Sechs-Mark-Sekt auf.“Wäh­rend­des­sen sitzt sein Nach­fol­ger Lu­ci­en Fav­re unten auf dem 28. Ju­li 2001, 15.53 Uhr: Arie van Lents wuch­ti­ger Schuss lässt Tho­mas Lin­ke und dann auch Oli­ver Kahn kei­ne Chan­ce: das 1:0-Sieg­tor. Zwei­mal Max Eberl: oben als fit­ter Spie­ler Bo­rus­si­as, unten als et­was fül­li­ge­rer Sport­di­rek­tor. der­rhein sin­gen die Kin­der im­mer noch von den Le­der­ho­sen. Mit dem Un­ter­schied, dass sich zwi­schen die jun­gen Bo­rus­sia-Fans im­mer mehr Bay­ern-Sym­pa­thi­san­ten mi­schen – das hät­te es frü­her nicht ge­ge­ben. Man be­kommt so leicht ei­ne Ah­nung, dass der Re­kord­meis­ter tat­säch­lich mehr Tri­kots ver­kauft als al­le an­de­ren Bun­des­li­ga­Ver­ei­ne zu­sam­men. Und den­noch emp­fängt Glad­bach den FC Bay­ern in­zwi­schen mit ei­nem Selbst­be­wusst­sein, das in den fi­na­len Bö­kel­berg-Jah­ren nicht ein­mal mit der Men­ta­li­tät ei­nes gal­li­schen Dor­fes zu be­grün­den ge­we­sen wä­re. Um den Münch­nern in ei­nem Heim­spiel vor 54 000 Zu­schau­ern in die

sen Ta­gen auf Au­gen­hö­he zu be­geg­nen, ge­nügt es, sich auf die Ze­hen­spit­zen zu stel­len.

2001 hät­te es da­für schon ei­nen Turm aus Bier­käs­ten ge­braucht. Oder wie Won­tor­ra es in sei­ner An­mo­de­ra­ti­on bei „ran“aus­drückt: „Auf der ei­nen Sei­te die be­schei­de­nen Auf­stei­ger aus Mön­chen­glad­bach mit ih­rem et­was kau­zi­gen Trai­ner und auf der an­de­ren Sei­te das hoch do­tier­te Star­ensem­ble.“Zum „kau­zi­gen Trai­ner“kom­men wir spä­ter. Zu­nächst sei er­in­nert an Oli­ver Kahn, Ste­fan Ef­fen­berg oder Gio­va­ne El­ber, die am ers­ten Spiel­tag der Sai­son 2001/2002 aus ih­rem Cham­pi­ons-Le­ague-Sie­ger-Ur­laub zu­rück­keh­ren. Drei Ta­ge vor dem Fi­nal­er­folg der Bay­ern in Mai­land hat die Bo­rus­sia ihr Zweit­li­ga-Fi­na­le ge­gen Chem­nitz er­folg­reich be­strit­ten. Das sind da­mals die Di­men­sio­nen.

„100 000 woll­ten rein“, sagt Sat.1Re­por­ter Tho­mas Herr­mann zu Be­ginn sei­nes Bei­trags, 34 500 durf­ten.

Der heu­te Nicht-mehr-Blon­dier­te im Al­ter von 41 Jah­ren wird da­mit le­ben kön­nen, weil er sich als ei­ner der er­folg­reichs­ten Sport­di­rek­to­ren der Bun­des­li­ga den Re­spekt der Bran­che er­ar­bei­tet hat. Der Bö­kel­berg, „ran“, die D-Mark – al­le sind weg. Max Eberl ist im­mer noch da. Sei­ne ak­tu­el­len Ein­käu­fe hei­ßen Yann Som­mer, An­dré Hahn, Ibra­hi­ma Tra­o­ré, Fa­bi­an John­son und Th­or­gan Ha­zard. Sie ste­hen aber kaum ein­mal ge­mein­sam auf dem Platz, weil Eberl im Vor­jahr erst Max Kru­se, Raf­fa­el und Chris­toph Kra­mer ge­holt hat. Und da­vor wa­ren es Gra­nit Xha­ka, Br­ani­mir Hr­go­ta und Al­va­ro Do­m­in­guez. Und da­vor Os­car Wendt. Und da­vor Mar­tin Stranzl und Ha­vard Nordtveit. Den Rest hat die Bo­rus­sia selbst aus­ge­bil­det. Fer­tig ist ein 18er-Ka­der, den Tei­le der Kon­kur­renz eben­falls her­un­ter­be­ten kön­nen, weil er ih­nen so gut ge­fällt.

Als Mar­cel Wi­tec­zek am 28. Ju­li 2001 ge­gen 15:53 Uhr aus der Dre­hung ei­nen wun­der­ba­ren Pass in die Spit­ze spielt, kann Glad­bach von die­sen sport­li­chen Mög­lich­kei­ten nur träu­men. Arie van Lent ist der Adres­sat, der da­mals 30-Jäh­ri­ge lässt den Ball auf­set­zen, um ihn dann an Oli­ver Kahn vor­bei ins lan­ge Eck zu ja­gen. „Das Foh­len-Tor ins drit­te Jahr­tau­send, der Ein­stieg viel­leicht in ei­ne ro­si­ge Zu­kunft!“, ju­bi­liert Re­por­ter Herr­mann. Im­mer­hin ringt er sich noch zu ei­nem „Wer weiß?“durch.

Denn heu­te ist be­kannt, dass der VfL von den fol­gen­den 13 Jah­ren acht im Ab­stiegs­kampf und ei­nes in der Zwei­ten Bun­des­li­ga ver­brin­gen wird. Wenn von den „Foh­len“die Re­de war, ha­ben Bo­rus­si­as Fans Zwei­mal Hans Mey­er: 2001 als Trai­ner, heu­te Vi­ze­prä­si­dent (unten). Po­dest vor der Pres­se und sorgt sich wo­mög­lich we­ni­ger, wo­her er sonn­tags Sekt be­kom­men soll. Nein, der Schwei­zer wird sich fra­gen, wie bit­te­schön er die Er­war­tun­gen jetzt noch brem­sen soll. Max Eberl wird im „Dop­pel­pass“bei Jörg Won­tor­ra schon et­was ein­fal­len.

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