„E-Book-Bran­che hat den Gip­fel hin­ter sich“

Die di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on im Buch­markt ist aus­ge­blie­ben. Leit­me­di­um bleibt vor­erst das ge­druck­te Buch, sagt der Han­ser-Chef.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON LOTHAR SCHRÖDER

MÜNCHEN Jo Lend­le ist Schrift­stel­ler, ar­bei­te­te als Lek­tor und steht seit fast zwei Jah­ren an der Spit­ze des re­nom­mier­ten Han­ser-Ver­lags. Dort ist der 47-Jäh­ri­ge in die gro­ßen Fuß­stap­fen von Micha­el Krü­ger ge­stie­gen. Mit Jo Lend­le soll der Ver­lag auch in die di­gi­ta­le Zu­kunft auf­bre­chen; und vie­le schau­en nach München, was der neue Neu­es macht. Für Auf­se­hen sorg­te die „Han­serBox“– ei­ne Rei­he li­te­ra­ri­scher Es­says und Re­por­ta­gen, die aus­schließ­lich in di­gi­ta­ler Fas­sung vor­liegt. An­sons­ten steht Lend­le zur Über­ra­schung vie­ler eher für Konstanz im klas­si­schen Buch­ge­schäft. Ha­ben Sie schon ein The­men­heft zum Ter­ror für die Han­ser-Box? LEND­LE Zu den Pa­ri­ser At­ten­ta­ten nicht. Zu den An­schlä­gen auf Char­lie Heb­do aber ha­ben wir in der Han­ser-Box ei­ne län­ge­re Re­por­ta­ge ge­bracht. Wie groß ist denn der Er­folg der Rei­he, die für Auf­se­hen sorg­te und ein ers­ter Schritt in Rich­tung Di­gi­ta­li­sie­rung zu sein schien? LEND­LE Wirt­schaft­lich ist es in Re­la­ti­on zum Buch­ge­schäft ein Zwerg und kann das auch blei­ben. Das Buch­ge­schäft er­nährt uns, im di­rek­ten Ver­gleich sind die Auf­la­gen in der Han­ser-Box ir­re­le­vant. Es ist ein Pro­bier­feld. Aber wir wol­len da­mit durch­aus et­was: Es ist der Ver­such, ei­ne Po­si­ti­on zu be­set­zen im neu­en Feld der Di­gi­ta­li­sie­rung. An­de­re ma­chen das mit Blogs, da­bei fragt nie­mand, ob sich das rech­net. Wir freu­en uns, dass sich die Rei­he trägt. Un­se­re Ren­te si­chert sie nicht. Geht es bei der Di­gi­ta­li­sie­rung von Li­te­ra­tur der­zeit noch dar­um, die rich­ti­gen Feh­ler zu ma­chen; al­so We­ge zu ge­hen, von de­nen man zu­min­dest ler­nen kann? LEND­LE Ab­so­lut. Da­für ist die Han­ser-Box auch da. Wir stan­den vor der Ent­schei­dung, ei­ne neue Ab­tei­lung mit zehn Leu­ten auf­zu­bau­en, de­nen hun­dert Ser­ver in je­de Ecke zu stel­len und die Sa­che dann mög­li­cher­wei­se mit Ka­ra­cho ge­gen die Wand zu fah­ren. Oder wir ver­hal­ten uns wie die Trap­per: Wir schi­cken mal ei­ne Vor­hut in die Welt und kön­nen dann re­agie­ren. Wir ha­ben uns für die zwei­te Lö­sung ent­schie­den, auch, um be­weg­li­cher zu blei­ben. Das ist ex­trem wich­tig, weil nie­mand heu­te weiß, wie das di­gi­ta­le Le­sen in zwei Jah­ren aus­se­hen wird. Von Eu­pho­rie in Sa­chen Di­gi­ta­li­sie­rung ist in der Buch­bran­che kaum noch et­was zu spü­ren. Der An­teil von E-Books lag zu­letzt bei 5,3 Pro­zent am Ge­samt­markt – bei nur noch klei­nen Zu­wäch­sen. Ei­ne Re­vo­lu­ti­on sieht an­ders aus. LEND­LE Auch das stimmt. Es gibt zu sol­chen Phä­no­me­nen ei­ne schö­ne Kur­ve, Gart­ners Hy­pe-Zy­klus. Die Bran­che hat den Gip­fel der über­zo­ge­nen Er­war­tun­gen hin­ter sich ge­las­sen und steckt im Tal der Ent­täu­schung. Bei uns wie auch in Ame­ri­ka – das ja im­mer ein we­nig als Vor­läu­fer an­ge­se­hen wird – stellt man fest, dass es nur noch we­nig Wachs­tum bei E-Books gibt. Ge­nau ge­nom­men stört das ja auch nie­man­den. Wir sind mit den ge­druck­ten Bü­chern sehr glück­lich und zu­frie­den und ste­cken den größ­ten Teil un­se­res Herz­bluts dort hin­ein. Mit wel­chem Me­di­um wer­den wir 2025 hier­zu­lan­de Ro­ma­ne le­sen? LEND­LE Mit Bü­chern, kei­ne Fra­ge. Aber es wird sich den­noch stär­ker auf­ge­teilt ha­ben. Man hat im­mer ge­glaubt, dass das di­gi­ta­le Ren­nen nur mo­bi­le Ge­rä­te ma­chen. Das glau­be ich auch im­mer noch. Den­noch wa­ren wir ganz ver­blüfft, wie vie­le Leu­te ih­re E-Books an ei­nem fest­ste­hen­den Mo­ni­tor le­sen – was ja je­der In­tui­ti­on wi­der­spricht. Im Ho­ri­zont von zehn Jah­ren wird das E-Book dem ge­druck­ten Buch je­den­falls nicht wirk­lich auf die Pel­le rü­cken. Sie spra­chen ein­mal vom Phä­no­men Ko­dak, vom Schick­sal ei­ner Fir­ma, die am al­ten Pro­dukt fest­hielt, bis es kei­ne Ab­neh­mer mehr gab. LEND­LE Im Mo­ment wird das meis­te ja ein­fach ge­dop­pelt. Es wird der­zeit mehr über Ver­triebs­fra­gen ge­spro­chen, die auch ih­re Be­rech­ti­gung ha­ben, aber nicht wirk­lich den Kopf frei­ma­chen. In­ter­es­san­ter scheint mir die Fra­ge, ob und wo sich die Li­te­ra­tur än­dert oder ih­re Wahr­neh­mung. Ein Bei­spiel: Im kom­men­den Som­mer wird der neue Ro­man von Til­man Rammstedt er­schei­nen. Bei ihm ist es ir­re, wie kurz­fris­tig er sei­ne Bü­cher schreibt, in den Wo­chen vor der Druck­le­gung tref­fen sei­ne klei­nen Lie­fe­run­gen in er­fri­schen­der Pa­nik im Ver­lag ein. So ha­ben wir uns ent­schie­den, den Pro­zess sicht­bar zu ma­chen, und bie­ten jetzt ein Abon­ne­ment an, mit dem sich die Ent­ste­hung des Bu­ches le­send be­glei­ten lässt. Am En­de wird ein ganz kon­ven­tio­nel­les Buch und ein ganz kon­ser­va­ti­ves E-Book da­zu er- schei­nen. Das Neue wird sein, mit der täg­li­chen Lie­fe­rung ganz nah an den Schreib­pro­zess zu rü­cken. An­ge­nom­men, die di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on wird ir­gend­wann den Buch­markt um­krem­peln. Wem geht es zu­erst an den Kra­gen: den Ver­la­gen oder den Buch­händ­lern? LEND­LE Die Ver­la­ge kön­nen ih­re Ma­nu­skrip­te auch auf die Re­a­der schi­cken. Da­mit könn­ten wir um­ge­hen. Aber das Ge­schäft lie­fe dann vor­aus­sicht­lich zu ei­nem über­gro­ßen Teil am Buch­han­del vor­bei, und das hät­te auch für uns, für die Au­to­ren und die li­te­ra­ri­sche Land­schaft enor­me Aus­wir­kun­gen. Wir Ver­la­ge brau­chen den Buch­han­del, um un­se­re Au­to­ren vor­stel­len und ver­mit­teln zu kön­nen. Ama­zon ist so et­was recht gleich­gül­tig. Ei­nen neu­en li­te­ra­ri­schen Au­tor groß ma­chen kann nur der Buch­han­del. In Ih­rem Blog er­zäh­len Sie von ei­ner Be­geg­nung mit ei­ner Deutsch­leh­re­rin, die Sie – als Sie sich als Ver­le­ger ou­ten – er­mun­tern will mit der Be­mer­kung: „Sie sind ja noch jung.“LEND­LE Es schien, als wünsch­te sie mir, es noch zu et­was Reel­lem zu brin­gen. Die An­ek­do­te kann man nur er­zäh­len, wenn ei­nem selbst die­se Auf­mun­te­rung nicht ganz so not­wen­dig er­scheint. Ein biss­chen Don-Qui­jo­te-Geist aber muss ein Ver­le­ger schon in sich tra­gen? LEND­LE Auf je­den Fall.

FOTO: LAIF

Seit knapp zwei Jah­ren Chef des re­nom­mier­ten Han­ser-Ver­lags: Jo Lend­le.

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