INTERVIEW AN­GE­LA SCHOOFS Flücht­lin­ge wer­den wich­tig für uns sein

Die Lei­te­rin der Agen­tur für Ar­beit spricht in Mön­chen­glad­bach über die In­te­gra­ti­on von Asyl­be­wer­bern in den Ar­beits­markt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALE WIRTSCHAFT - ANDRE­AS GRUHN SPRÄCH. FÜHRTE DAS GE-

War­um ist es für Ar­beit­ge­ber recht­lich kom­pli­ziert, Flücht­lin­ge ein­zu­stel­len? ANGELASCHOOFS Die Rechts­ma­te­rie ist so kom­plex, weil man sehr nah am Aus­län­der­recht ist und sehr vie­les be­ach­ten muss. Die Po­li­tik möch­te, dass Flücht­lin­ge früh­zei­tig in den Ar­beits­markt in­te­griert wer­den. Das be­trifft Men­schen mit ei­ner ho­hen Blei­be­wahr­schein­lich­keit im Hin­blick auf Asy­la­n­er­ken­nung oder Dul­dung für ei­ne be­stimm­te Zeit. Für die Grup­pe aus den si­che­ren Dritt­staa­ten, et­wa vom West­bal­kan, ha­ben wir ab Ein­rei­se­da­tum 1. Sep­tem­ber ein Ar­beits­ver­bot. Wir bie­ten die­sen Leu­ten aber an, dass sie sich in ih­ren Hei­mat­län­dern be­wer­ben kön­nen, bei uns zu ar­bei­ten. Vor­aus­set­zung da­für ist, dass sie in den letz­ten zwei Jah­ren kei­ne Leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz be­zo­gen ha­ben. Weil die gan­ze Ma­te­rie sehr kom­pli­ziert ist, wol­len wir als Ar­beits­agen­tur vor Ort die recht­li­chen Fra­gen für die Ar­beit­ge­ber im Vor­feld klä­ren. So wol­len wir dar­an ar­bei­ten, ge­lin­gen­des An­kom­men zu er­rei­chen. Für Flücht­lin­ge wer­den jetzt lan­des­weit „In­te­gra­ti­on Po­ints“ein­ge­rich­tet. SCHOOFS Ge­nau. Wir sind sehr stolz dar­auf, dass wir seit En­de Ju­ni im Rhein-Kreis und in Mön­chen­glad­bach mit den kom­mu­na­len Ver­ant­wort­li­chen ein ge­mein­sa­mes Kon­zept ent­wi­ckeln, um Flücht­lin­ge mög­lichst schnell zu in­te­grie­ren. Wir ha­ben ab dem 1. De­zem­ber in der Ar­beits­agen­tur und in den Job­cen­tern 30 voll­zei­t­äqui­va­len­te Stel­len zu­sätz­lich zur Ver­fü­gung. Und die ganz wich­ti­ge Bot­schaft an al­le, die Ar­beit su­chen, ist: Wir ha­ben zu­sätz­li­ches Per­so­nal, wir ha­ben zu­sätz­li­ches Geld, da­mit nie­mand we­ni­ger be­kommt als vor­her. Kei­ner kommt zu kurz. Was für Per­so­nal ist das? SCHOOFS Das sind er­fah­re­ne Kol­le­gen, die schon bei uns ar­bei­ten und an ih­ren bis­he­ri­gen Stel­len von neu­en Mit­ar­bei­tern er­setzt wer­den. Und wir ha­ben vier hoch qua­li­fi­zier­te neue Kol­le­gen ge­won­nen. Sie spre­chen Ur­du, Far­si, Ara­bisch, Eng­lisch und Fran­zö­sisch. Die­se Mit­ar­bei­ter schu­len wir jetzt wei­ter für ih­ren Ein­satz in den „In­te­gra­ti­on Po­ints“. Dort er­klä­ren wir den Asyl­be­wer­bern, was auf dem Ar­beits­markt für sie wich­tig ist, und sie er­hal­ten dort ih­re in­di­vi­du­el­le Un­ter­stüt­zung. Das fi­xie­ren wir jetzt, und da­zu die­nen uns auch die Trä­ger­ver­samm­lun­gen mit den Job­cen­tern in die­ser Wo­che. Ihr Kon­zept be­ginnt mit dem Schritt „Ear­ly In­ter­ven­ti­on“, al­so „frü­hes Ein­grei­fen“. Was be­deu­tet das kon­kret? SCHOOFS Das be­deu­tet Ori­en­tie­rung und Grup­pen­in­for­ma­ti­on vor Ort in den ers­ten drei Mo­na­ten. Wir ge­hen mit ei­nem Ara­bisch spre­chen­den Ver­mitt­ler in die Kom­mu­ne. Dort in­for­mie­ren wir Flücht­lin­ge über den Ar­beits­markt. Wir neh­men Da­ten auf und fra­gen ab, was die Men­schen ei­gent­lich kön­nen. Und dann schau­en wir, was nach un­se­ren Kri­te­ri­en da­von ver­wert­bar ist. Wir un­ter­brei­ten An­ge­bo­te für Deutsch­Kur­se oder so­gar ers­te Qua­li­fi­ka­tio­nen. Und wir lei­ten über zu ers­ten in­di­vi­du­el­len Be­ra­tun­gen. Das pas­siert be­reits seit En­de Sep­tem­ber. Wie wol­len Sie die Flücht­lin­ge da­nach in Ar­beit brin­gen? SCHOOFS Im Rah­men der „Ear­ly In­ter­ven­ti­on“stel­len wir fest, wel­che Deutsch­kennt­nis­se vor­han­den sind und was die Men­schen in ih­ren Hei­mat­län­dern be­ruf­lich ge­macht ha­ben. Mit die­sen In­for­ma­tio­nen kön­nen wir ei­ne Be­rufs­ori­en­tie­rung ge­ben. Wenn wir her­aus­fin­den, dass je­mand zum Bei­spiel Kennt­nis­se in der Holz­be­ar­bei­tung hat, ma­chen wir ei­ne ver­tief­te Ori­en­tie­rung in die­sem Fach­ge­biet. Man kann Holz in ei­ner Schrei­ne­rei be­ar­bei­ten, beim Zim­me­rer, beim Re­stau­ra­tor, aber auch im Ver­kauf. Kennt der­je­ni­ge Ma­schi­nen oder nur Ho­bel und ein­fa­ches Werk­zeug? Das tes­ten wir aus. Und dann über­le­gen wir, wie viel wir noch wei­ter qua­li­fi­zie­ren müs­sen. Da­zu gibt es Be­rufs­fel­d­er­pro­bun­gen et­wa in ei­ner Trä­ger­werk­statt oder auch schon bei ei­nem Ar­beit­ge­ber. Und dann wis­sen wir, ob wir An­pas­sungs­qua­li­fi­zie­run­gen ma­chen müs­sen und wenn ja, wel­che. Und so kom­men wir am En­de zur Ver­mitt­lung in den Ar­beits­markt mit und oh­ne För­de­rung. För­de­rung be­deu­tet wei­te­re Qua­li­fi­zie­run­gen? SCHOOFS Ja, das kann aber auch ein Ein­glie­de­rungs­zu­schuss beim Ar­beit­ge­ber sein, oder ei­ne Ein­zel­schu­lung, ei­ne An­pas­sungs­qua­li­fi­zie­rung beim Trä­ger mit Prak­ti­kums­an­teil oder ei­ne Pro­be­be­schäf­ti­gung bei ei­nem Ar­beit­ge­ber. Wie soll die An­er­ken­nung von Ab­schlüs­sen funk­tio­nie­ren? Die we­nigs­ten Leu­te ha­ben ihr Zeug­nis

da­bei. SCHOOFS Da­für gibt es ei­ne

An­er­ken- nungs­be­ra­tung und nor­mier­te An­er­ken­nungs­ver­fah­ren der Kam­mern. Da wird fest­ge­stellt, was der Mensch kann. Das nennt man Te­s­tung, das sind gän­gi­ge Ver­fah­ren. Wenn sich da­bei her­aus­stellt, dass Kennt­nis­se und Fer­tig­kei­ten feh­len, gibt es da­für von uns fi­nan­zier­te Qua­li­fi­zie­run­gen. Ih­re Ex­per­ten im In­te­gra­ti­on Po­int fin­den al­so auch mit Hil­fe von Trä­gern her­aus, was ein Flücht­ling kann, was er noch ler­nen muss und wie man ihn wei­ter­qua­li­fi­zie­ren kann. Sie er­ar­bei­ten al­so ei­nen In­te­gra­ti­ons­plan. SCHOOFS Ge­nau. Und Sie ah­nen, dass das nicht von heu­te auf mor­gen geht. Rund zehn Pro­zent der Men­schen wer­den so­fort für den Ar­beits­markt ver­mit­tel­bar sein. Die an­de­ren brin­gen Mo­ti­va­ti­on und En­ga­ge­ment mit. Das ist un­ser An­satz­punkt für die be­ruf­li­che Qua­li­fi­zie­rung. Wir brau­chen Ar­beit­ge­ber, die Ge­duld ha­ben, Flücht­lin­gen ei­ne Chan­ce zu ge­ben, sich im Be­trieb zu er­pro­ben. Die Men­schen müs­sen bei ih­rer wei­te­ren Qua­li­fi­zie­rung be­glei­tet wer­den. Wie lan­ge wird das dau­ern? SCHOOFS Nach lang­jäh­ri­gen Er­fah­run­gen sind nach fünf Jah­ren 50 Pro­zent der Flücht­lin­ge in Ar­beit. Wenn wir Bei­spie­le von ge­lun­ge­ner In­te­gra­ti­on ha­ben, sind das fast im­mer Men­schen, die zwei Jah­re oder län­ger hier sind. Die­se Zeit wol­len wir mit „Ear­ly In­ter­ven­ti­on“und „In­te­gra­ti­on Po­int“ver­kür­zen: Die Leu­te sol­len frü­her so­weit sein. Al­ler­dings sa­gen wir in der Ar­beit­ge­ber­be­ra­tung ganz klar: Es wird nicht ge­lin­gen, den Ar­beits­kräf­te­be­darf auf Fa­ch­ebe­ne so­fort mit Flücht­lin­gen zu de­cken. Flücht­lin­ge sind das Po­ten­zi­al, weil sie hoch­mo­ti­viert und en­ga­giert sind, um mit­tel­fris­tig Fach­kräf­te­be­dar­fe zu de­cken. Die In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen ist ein Ma­ra­thon-Lauf und kein Sprint. Was sa­gen Sie Leu­ten, die be­haup­ten, Flücht­lin­ge näh­men Ar­beits­plät­ze weg? SCHOOFS De­nen sa­ge ich: Die­se Men­schen wer­den ganz wich­tig für uns sein. Weil wir dann Schu­len, Kin­der­gär­ten, Kran­ken­häu­ser vor Ort hal­ten kön­nen. Wir ha­ben dann Men­schen, die in die In­nen­städ­te ge­hen und kon­su­mie­ren. Wir ha­ben dann Bei­trags­zah­ler. Wir ha­ben mit­tel­fris­tig Fach­kräf­te. Wir ha­ben die Chan­ce, al­le ne­ga­ti­ven Aus­wir­kun­gen des De­mo­gra­phie­wan­dels ab­zu­fla­chen. Da die Flücht­lin­ge heu­te nur zu ei­nem ge- rin­gen Teil dem ers­ten Ar­beits­markt zur Ver­fü­gung ste­hen, neh­men sie auch heu­te kei­ne Jobs weg. Wenn Un­ter­neh­men hän­de­rin­gend Aus­zu­bil­den­de su­chen, soll­ten sie froh sein, wenn es dem­nächst Flücht­lin­ge gibt, die sa­gen: Ja, ich möch­te aus­ge­bil­det wer­den! Wir soll­ten die Chan­cen se­hen und dar­aus ech­te Per­spek­ti­ven ma­chen. Das ist har­te Ar­beit. Schaf­fen wir das? SCHOOFS Ers­tens gibt es kei­ne schnel­len Er­fol­ge. Zwei­tens lohnt es sich aber. Und drit­tens muss man kon­zen­triert ei­nen in­di­vi­du­el­len In­te­gra­ti­ons­plan er­ar­bei­ten und die­sen Schritt für Schritt ver­fol­gen. Dann kann das An­kom­men ge­lin­gen. Es gibt ei­nen ganz gro­ßen Schul­ter­schluss zwi­schen Ar­beits­agen­tur, Job­cen­tern und kom­mu­na­len Part­nern so­wie den hei­mi­schen Un­ter­neh­men: Wir wol­len das ge­mein­sam stem­men. Wenn wir Men­schen und Aus­bil­dung zu­sam­men­brin­gen, tra­gen wir zum so­zia­len Frie­den bei.

FOTO: AGEN­TUR FÜR AR­BEIT

Das Lo­go der „In­te­gra­ti­on Po­ints“spielt auf die Viel­falt an.

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