„Olympia in Deutsch­land ist er­le­digt“

Kom­men­ta­re zur ge­schei­ter­ten Ham­bur­ger Be­wer­bung und was da­hin­ter steckt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON MAR­TIN BEILS (TEXT) UND MAR­TIN FERL (GRAFIK)

HAM­BURG Das Aus für die ham­bur­ger Olym­pia­be­wer­bung sitzt bei den Sport­po­li­ti­kern tief. Um­fra­gen hat­ten bis zu­letzt ei­nen Er­folg der Olym­pia­be­für­wor­ter vor­aus­ge­sagt. 51,6 Pro­zent der 651.589 Ham­bur­ger, die sich be­tei­ligt hat­ten, wa­ren ge­gen Som­mer­spie­le 2024. Wir ord­nen ei­ni­ge der Kom­men­ta­re ein. „Da­für­macht­man­jaVolks­ab­stim­mun­gen:da­mit­man­her­aus­fin­det, was­da­sVolk­ger­ne­möch­te.“An­ge­la Mer­kel, Bun­des­kanz­le­rin Die­se über ei­ne Spre­che­rin über­mit­tel­te Aus­sa­ge zeugt nicht da­von, dass die Bun­des­kanz­le­rin sehr ge­trof­fen ist. Sie steht dem Fuß­ball nä­her als dem olym­pi­schen Sport. Ber­lin gab kei­ne Ga­ran­tie für die zur Durch­füh­rung der Spie­le not­wen­di­gen 6,2 Mil­li­ar­den. Das dürf­te ein Grund da­für ge­we­sen sein, dass die Ham­bur­ger die Spie­le ab­ge­lehnt ha­ben. Zum The­ma Volks­ab­stim­mung hält Pe­ter Fre­se, Prä­si­dent des Ju­do- Bun­des, ent­ge­gen: „Wenn wir ei­ne Ab­stim­mung ma­chen wür­de, wie vie­le Leu­te für die El­bphil­har­mo­nie sind, wür­den nicht 48 Pro­zent er­reicht.“ „Au­f­ab­seh­ba­reZei­tist­da­sThe­ma Olym­pi­scheSpiel­einDeutsch­land er­le­digt.“Clemens Prokop, Deut­scher Leicht­ath­le­tik­ver­band Ähn­li­che Aus­sa­gen gab es nach dem Schei­tern der Münch­ner Be­wer­bung um die Win­ter­spie­le 2022 – und dann kam ganz schnell der Som­mer 2024 ins Spiel. Doch wer will nach zwei Re­fe­ren­den noch ei­ne Be­wer­bung? Und ei­ne Kan­di­da­tur oh­ne vor­he­ri­ge Volks­ab­stim­mung oder gar ge­gen den Wil­len der Be­völ­ke­rung wür­de den de­mo­kra­ti­schen Ge­pflo­gen­hei­ten wi­der­spre­chen. „DasIOCr espek­tiert­selbs tver­ständ­lich­die­knap­peEnt­schei­dung derEin­woh­nerHam­burgs.Wir­be­dau­ern­dieEnt­schei­dung.“Tho­mas Bach, IOC-Prä­si­dent Das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee hat In­ter­es­se an mög­lichst vie­len star­ken Be­wer­bern. Die Ab­leh­nung ein­zel­ner Kan­di­da­ten durch die Bür­ger ist ein Schlag ge­gen Olympia als Gan­zes. In der Be­wer­bungs­run­de um die Win­ter­spie­le 2022 spran­gen rei­hen­wei­se hoch­ka­rä­ti­ge Be­wer­ber ab, Grau­bün­den, Stockholm, Os­lo und München zum Bei­spiel. Dem IOC droh­te ei­ne gro­ße Kri­se. „DasEr­geb­nis­heißt,dass­ein­de­mo­kra­ti­sch­re­gier­tesLand­nicht­zur Ver­fü­gung­steht.Wir­zie­hen­z­war über­dieSot­schi­sun­dDo­has­her, sind­a­ber­nicht­in­derLag e,selbst Sport­er­eig­nis­se­die­serDi­men­si­on aus­zu­rich­ten.“Andre­as Mi­chel­mann, Hand­ball-Bund 2024 fin­den die Spie­le in ei­nem de­mo­kra­tisch re­gier­ten Land statt: Pa­ris, Los Angeles, Rom und Budapest blei­ben Kan­di­da­ten. Al­ler­dings ha­ben dort kei­ne Bür­ger­be­fra­gun­gen statt­ge­fun­den. Mi­chel­mann hat Recht, wenn er dar­auf hin­weist,

Deut­scher dass Ham­burg hät­te zei­gen kön­nen, wie ein Me­ga-Event im Un­ter­schied zu den Win­ter­spie­len in Sot­schi und der Fuß­ball-WM 2022 in Ka­tar oh­ne Gi­gan­to­ma­nie statt­fin­den kann. „Jetzt­gil­tes,oh­ne­dieHeim­spie­le er­folg­rei­chenS­portinDeutsch­land zu­ent­wi­ckeln.“Al­fons Hör­mann, Deut­scher Olym­pi­scher Sport­bund Seit den Spie­len 1992 in Barcelona geht die Me­dail­len­aus­beu­te ten­den­zi­ell zu­rück. Der DOSB hat­te ge­hofft, dass die Leis­tungs­sport­för­de­rung des Bun­des von 170 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr mit Blick auf Ham­burg 2024 stei­gen wür­de. Tra­di­tio­nell in­ves­tiert das Gast­ge­ber­land be­son­ders viel in sei­ne Ath­le­ten. „Wie­e­simS­portsoist:Mankann nich­tim­merg ewin­nen,son­dern fähr­tauchNie­der­la­gen­ein.Wich­tig ist,hin­ter­her­wie­der­auf­zu­ste­hen.“Micha­el Ve­sper, DOSB

Zum vier­ten Mal war Ve­sper bei ei­ner ge­schei­ter­ten Be­wer­bung in ver­ant­wort­li­cher Po­si­ti­on: bei Düs- sel­dorf/Rhein-Ruhr 2012 als Lan­des­mi­nis­ter, bei den Münch­ner Win­ter­be­wer­bun­gen und nun in Ham­burg an der Spit­ze des DOSB. Er hat al­so Übung dar­in, nach Nie­der­la­gen wie­der auf­zu­ste­hen. „Ich­ha­be­dieSor­ge,dass­dieDis­kre­panzzwi­schen­de­mPro­fi­spor­tFuß­bal­l­und­den­an­der en­S­port­ar­ten noch­grö­ßer­wird.“Wal­ter Schnee­loch, Prä­si­dent des Lan­des­sport­bun­des NRW Die Sor­ge ist be­rech­tigt. Der Fuß­ball zieht mit Ab­stand die größ­te Auf­merk­sam­keit auf sich. Ten­denz: stei­gend. Dass auch an­de­re Dis­zi­pli­nen Zu­schau­er­inter­es­se fin­den kön­nen, zeigt aber der Win­ter­sport, der an je­dem Wo­che­n­en­de stun­den­lan­ge Sen­destre­cken füllt. Ein Er­folgs­re­zept: die Ab­stim­mung der Wett­kampf­ka­len­der. „Esis­tu­n­er­läss­lich,dass­sehr gründ­li­chUr­sa­chen­for­schung­be­trie­ben­wird.“Rein­hard Rau­ball, DFB-In­te­rims­prä­si­dent Der DFB muss nach der Nie­der­la­ge der Olym­pi­er prü­fen, ob er sei­ne Be­wer­bung um die EM 2024 g auf­recht er­hält. Die Tür­kei be­wirbt sich auch, die Ent­schei­dung fällt 2017. Der DFB hat mit sei­nem Skan­dal da­zu bei­ge­tra­gen, dass sich die Stim­mung in Ham­burg ge­gen den gro­ßen Sport ge­wen­det hat. Bas­ket­bal­lPrä­si­dent In­go Weiss hat recht, wenn er sagt: „Wenn wir über die Fuß­ball-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2024 ab­ge­stimmt hät­ten, hät­ten wir si­cher­lich ein po­si­ti­ves Er­geb­nis be­kom­men. Deutsch­land ist eben lei­der kei­ne Sport-Na­ti­on, son­dern ei­ne Fuß­ball-Na­ti­on.“ „Wel­cheVi­si­onvons­port­li­cherZu­kunft­ver­fol­gen­dieMen­sche­ni n de­mLand,für­da­sich­kämp­fe­über­haupt­noch?DerVi­si­onvonMcDo­nald’sun­dun­be­weg­li­chenKin­dern, von­di­ckenKin­dern?Wahr­schein­lich.“Ro­bert Har­ting, Dis­kus-Olym­pia­sie­ger Har­tings Kom­men­tar ist nichts hin­zu­zu­fü­gen.

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