Le­ben in Zeit­lu­pe

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON THO­MAS REI­SE­NER

ZAA­TA­RI Für Mahmoud Abu Nu­q­ta ist es ein gu­ter Tag. Er hat schon vier Piz­zen ver­kauft - und der Nach­mit­tag kommt erst noch. Der 32-jäh­ri­ge Sy­rer zupft sein Kopf­tuch zu­recht und steckt sich ei­ne Zi­ga­ret­te an. Hin­ter ihm schiebt sein 13-jäh­ri­ger Cou­sin Udai schon mal die nächs­te Piz­za in den aus Ble­chen zu­sam­men­ge­steck­ten Gas­ofen. Für wen auch im­mer. War­um ei­gent­lich? „Ich bin Bä­cker“, sagt Mahmoud, „was soll ich sonst ma­chen?“

Mahmoud ist ei­ner von 79.000 Men­schen, die in die­sem zweit­größ­ten Flücht­lings­la­ger der Welt am Rand der jor­da­ni­schen Wüs­te zum Teil schon seit drei Jah­ren le­ben. Sie ha­ben aus Zaa­ta­ri mitt­ler­wei­le ei­ne Stadt ge­macht. Ih­re Stadt. Mit Stra­ßen, Kran­ken­häu­sern, Schu­len und so­gar ein paar klei­nen Re­stau­rants wie die Piz­ze­ria von Mahmoud. Fragt man ihn, was er am meis­ten ver­misst, sagt Mahmoud auch nicht „mei­ne Hei­mat“oder „mei­ne Fa­mi­lie“. Er sagt: „Strom. Wir brau­chen sta­bi­le­re Lei­tun­gen. Und mehr Geld.“

Das Elend ist nicht gleich auf den ers­ten Blick sicht­bar. Trotz­dem wird schnell klar, dass hier et­was nicht stimmt. Es sind nicht die end­lo­sen Con­tai­ner- und Zelt­rei­hen, in de­nen die Flücht­lin­ge le­ben und die sie mit Tep­pich­res­ten, bun­ten Stof­fen und ge­flick­ten Mö­beln aus­schmü­cken. Es ist die Lethar­gie, die über all dem liegt und die so gar nicht zu dem leb­haf­ten Trei­ben der sons­ti­gen ara­bi­schen Welt passt. Die Men­schen hier ge­hen sehr lang­sam. Und sie spre­chen kaum. Als hät­te sich ei­ne gi­gan­ti­sche Zeit­lu­pe über die­se 3,5 Qua­drat­ki­lo­me­ter Step­pe ge­legt.

Die jor­da­ni­schen Be­hör­den ha­ben das Camp 2012 knapp sechs Ki­lo­me­ter vor der sy­ri­schen Gren­ze er­rich­tet. Ir­gend­wo muss­te man ja hin mit den Sy­rern, die aus Angst um ihr Über­le­ben vor den Mör­der­ban­den des IS und vor As­sads Ar­mee durch die Wüs­te ge­flo­hen wa­ren. Da­mals ging es um ein paar Hun­dert Fa­mi­li­en. In­zwi­schen le­ben hier et­wa so vie­le Men­schen wie in Ra­tin­gen. Und kei­ner von ih­nen weiß, wie es wei­ter­ge­hen soll. „In sha’ Al­lah“, sagt Mahmoud, „so Gott will“, und steckt sich noch ei­ne Zi­ga­ret­te an.

Er ist wie die meis­ten hier aus Da­raa im Sü­den Sy­ri­ens ge­flo­hen. Für um­ge­rech­net 70 Eu­ro pro Kopf sind dort Schleu­ser zu ha­ben, die Flücht­lin­ge halb­wegs si­cher durch die ers­ten 40 Ki­lo­me­ter Kampf­ge­biet brin­gen. Für ei­nen Bä­cker wie Mahmoud sind das mehr als zwei Mo- nats­ge­häl­ter. Auf den fol­gen­den Etap­pen zu Fuß durch die Wüs­te und zu­sam­men mit an­de­ren Fa­mi­li­en auf ei­nem Lkw muss­te Mahmoud im­mer wie­der Zöl­le und Schutz­geld be­zah­len. Für sich, sei­ne Schwes­ter und sei­nen klei­nen Cou­sin, der pau­sen­los neue Piz­zen in den Blechofen schiebt. Ob­wohl ge­ra­de gar kei­ne Kun­den da sind. „Oh­ne Geld kommst du nicht nach Zaa­ta­ri“, sagt Mahmoud.

Meh­re­re Hun­dert Mil­lio­nen USDol­lar flie­ßen jähr­lich in das Camp, das von der Flücht­lings­kom­mis­si­on der Ver­ein­ten Na­tio­nen be­treut wird. Der größ­te Geld­ge­ber ist Deutsch­land. Aber das Bud­get fließt nicht gleich­mä­ßig. Im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber zum Bei­spiel hat­ten die UN für die Men­schen in Zaa­ta­ri plötz­lich nur noch 17 Dol­lar pro Kopf und Mo­nat zur Ver­fü­gung. 17 statt der sonst üb­li­chen 25. Das be­deu­te­te: Die Men­schen be­gan­nen zu hun­gern.

Vie­le ver­lie­ßen das Camp und ver­such­ten sich ir­gend­wo in Jor­da­ni­en durch­zu­schla­gen. Oder wan­der­ten über die Bal­kan-Rou­te gleich wei­ter nach Eu­ro­pa. Wie vie­le Men­schen in der Re­gi­on über­haupt auf der Flucht sind, weiß nie­mand. Al­lein in Jor­da­ni­en sol­len rund ei­ne Mil­li­on Flücht­lin­ge le­ben. Der klei­ne Wüs­ten­staat hat selbst nur sie­ben Mil­lio­nen Ein­woh­ner.

In Zaa­ta­ri fließt der größ­te Teil der Hilfs­gel­der auf Scheck­kar­ten. Je­der Flücht­ling im Camp be­kommt ei­ne da­von und kann da­mit zum Bei­spiel in den Su­per­märk­ten Zaa­ta­ris be­zah­len. Auch das passt nicht zum Kli­schee. Aber es funk­tio­niert: „Das ist we­ni­ger ent­wür­di­gend, als Klei­dung und Le­bens­mit­tel zu ver­tei­len“, sagt Camp-Chef Ho­vig Ety­e­me­zi­an von den Ver­ein­ten Na­tio­nen, „und au­ßer­dem bil­li­ger.“Die Sach­spen­den hät­ten nie ex­akt den Be­darf je­des ein­zel­nen Flücht­lings ge­deckt. „Mit der Geld­pau­scha­le kann je­der die knap­pen Res­sour­cen op­ti­mal für sich und sei­ne Fa­mi­lie in­ves­tie­ren“, so der UN-Ma­na­ger.

Auf der Haupt­stra­ße in Zaa­ta­ri, die von Hun­der­ten klei­ner Trö­del­lä­den und auch von Mahmouds Piz­ze­ria ge­säumt ist, wird al­ler­dings bar ge­zahlt. Die Flücht­lin­ge nen­nen sie in bit­te­rer An­spie­lung auf die Pa­ri­ser Pracht­mei­le „Champs Ely­sées“. „Champs“klingt wie „Scham“der ara­bi­sche Na­me für Sy­ri­en.

Ety­e­me­zi­an er­klärt, war­um die­ser Hauch von Nor­ma­li­tät so wich­tig ist. Nicht nur für die Men­schen in Zaa­ta­ri: „Men­schen brau­chen mehr als nur ein Dach über dem Kopf und Es­sen“, fasst er sei­ne jah­re­lan­gen Er­fah­run­gen als UN-Flücht­lings­hel­fer zu­sam­men, „Men­schen brau­chen auch ei­ne Per­spek­ti­ve. Nur wer bei­des hat, bleibt. Sonst zie­hen Men­schen wei­ter.“

Mit di­rek­ten Fol­gen für Eu­ro­pa: 2009 ka­men 33.000 Flücht­lin­ge nach Deutsch­land, 2012 wei­te­re 65.000, in die­sem Jahr wer­den es ei­ne Mil­li­on sein. Was NRW und Zaa­ta­ri aber ge­mein­sam ha­ben: In Wahr­heit weiß hier auch nie­mand, wie das wei­ter­ge­hen soll. Nord­rhein-West­fa­lens Op­po­si­ti­ons­füh­rer Ar­min La­schet (CDU) war in die­ser Wo­che im jor­da­ni­schen Zataa­ri, dem zweit­größ­ten Flücht­lings­camp der Er­de. Sechs Ki­lo­me­ter vor der Front des sy­ri­schen Bür­ger­kriegs sucht er Lö­sun­gen für die Flücht­lings­kri­se in Nord­rheinWest­fa­len. Mit ihm sprach Tho­mas Rei­se­ner. Es kom­men im­mer mehr Flücht­lin­ge nach Deutsch­land, auch aus La­gern im Na­hen und Mitt­le­ren Os­ten. Schafft NRW das? LA­SCHET Es kommt eben dar­auf an, Ein­rich­tun­gen wie hier in Zaa­ta­ri aus­rei­chend mit Geld aus­zu­stat­ten. Au­ßer­dem brau­chen wir mit den an­de­ren eu­ro­päi­schen Staa­ten klar ver­ab­re­de­te Auf­nah­me-Kon­tin­gen­te, da­mit die, die trotz­dem kom­men, in ge­ord­ne­ten Bah­nen kom­men. Und wir müs­sen die eu­ro­päi­schen Au­ßen­gren­zen bes­ser schüt­zen. Mit die­sem Maß­nah­men­pa­ket kom­men deut­lich we­ni­ger Flücht­lin­ge zu uns.

Oh­ne Geld kommt kei­ner hier­her. Die Schleu­ser neh­men 70 Eu­ro pro Person

Was kos­tet die Flücht­lings­kri­se den deut­schen Steu­er­zah­ler? LA­SCHET Bis zu zehn Mil­li­ar­den Eu­ro, die Bund, Län­der und Kom­mu­nen auf­brin­gen. Es wä­re bes­ser, das Geld fließt in die Re­gi­on der Her­kunfts­län­der. Dort kann man mehr Men­schen mit we­ni­ger Geld hel­fen, und die enor­men In­te­gra­ti­ons­kos­ten, die noch auf uns zu­kom­men, fal­len dort auch nicht an. Darf NRW we­gen der Flücht­lin­ge die Schul­den­brem­se rei­ßen? LA­SCHET Nein. Wir ha­ben Steu­er­ein­nah­men wie nie. Der Fi­nanz­mi­nis­ter darf mit den Flücht­lin­gen nicht sei­ne Schul­den be­grün­den.

FOTO: DPA

Ein klei­ner Jun­ge im Flücht­lings­camp Zaa­ta­ri in der jor­da­ni­schen Step­pe. Fast 80.000 Bür­ger­kriegs­flücht­lin­ge le­ben hier, sechs Ki­lo­me­ter ent­fernt von der sy­ri­schen Gren­ze.

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