Die Schwä­chen der Bun­des­wehr

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON GREGOR MAYNTZ

BER­LIN Der Bun­des­tag hat ges­tern die Eil-Be­ra­tun­gen zum Sy­ri­en-Ein­satz der Bun­des­wehr be­gon­nen, die er mor­gen be­reits ab­schlie­ßen will. Gleich­zei­tig gibt es Be­rich­te über man­geln­de Ein­satz­be­reit­schaft der vor­ge­se­he­nen Waf­fen­sys­te­me. Wie hängt das zu­sam­men und wel­che Pro­ble­me dro­hen? Wie groß sind die Män­gel bei den Tor­na­do-Jets? Sehr er­heb­lich. In ei­nem ak­tu­el­len Zu­stands­be­richt gibt Ge­ne­ral­in­spek­teur Vol­ker Wie­ker die Ge­samt­zahl der theo­re­tisch ver­füg­ba­ren Tor­na­do-Kampf­flug­zeu­ge mit 93 an. In „Be­trieb“sei­en da­von je­doch le­dig­lich 66 und da­von nur 44 Pro­zent (29) tat­säch­lich ein­satz­be­reit. Was sind die Grün­de? Die Jets sind ein klas­si­sches Aus­lauf­mo­dell. Zwi­schen 1981 und 1992 be­ka­men Luft­waf­fe und Ma­ri­ne ins­ge­samt 357 Ma­schi­nen. Für ei­ne Über­gangs­zeit sol­len 85 Tor­na­dos noch ver­füg­bar sein. Vie­le sind wie­der­holt mo­der­ni­siert und auch für neue Funk­tio­nen fit ge­macht wor­den. Doch die „man­geln­de Ver­füg­bar­keit ver­schie­de­ner Er­satz­tei­le“(so der Ge­ne­ral­in­spek­teur) wird im­mer pre­kä­rer. Pi­lo­ten be­rich­ten, dass ei­ni­ge Ma­schi­nen be­reits als Er­satz­teil­la­ger für an­de­re aus­ge­schlach­tet wer­den. Grü­nen-Rüs­tungs­ex­per­te Tobias Lind­ner be­fürch­tet, dass die Er­satz­teil­la­ge auch im Sy­ri­en-Ein­satz um so pro­ble­ma­ti­scher wer­den könn­te, je län­ger die Mis­si­on daue­re. Stel­len die Tor­na­dos ei­nen Aus­rei­ßer dar? Die La­ge beim hoch­mo­der­nen Tor­na­do-Nach­fol­ger, dem Euro­figh­ter, ist nur gra­du­ell bes­ser. Hier hat sich die Ein­satz­be­reit­schaft laut Bun­des­wehr-Analyse bin­nen ei­nes Jah­res so­gar von 57 auf 55 Pro­zent leicht ver­schlech­tert. An­ge­strebt ist ein Wert von min­des­tens 70 Pro­zent. Vie­le hal­ten selbst die­sen noch für zu nied­rig, wenn die Bun­des­wehr ver­schie­de­ne Kon­flik­te gleich­zei­tig be­herr­schen soll. Rei­chen die funk­tio­nie­ren­den Tor­na­dos für den Sy­ri­en-Ein­satz? Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en (CDU) ver­si­chert, dass die Ein­satz­be­reit­schaft von 29 Jets auf je­den Fall den Ein­satz von sechs Ma­schi­nen zur Auf­klä­rung der IS-Stel­lun­gen in Sy­ri­en si­cher­stel­le. Das Tak­ti­sche Luft­waf­fen­ge­schwa­der 51 „Im­mel­mann“in Ja­gel be­rei­tet sich be­reits vor. Die Zahl der be­nö­tig­ten Sol­da­ten be­zif­fer­te die Mi­nis­te­rin mit 400 bis 500, weil dar­in auch die Aus­wer­ter ent­hal­ten sei­en, die die Bil­der der Tor­na­do-Jets und der Sa­tel­li­ten un­ter­su­chen. Wo wer­den die üb­ri­gen der vor­ge­se­he­nen 1200 Sol­da­ten ein­ge­setzt? 300 Sol­da­ten sind an Bord der Fre­gat­te, die den fran­zö­si­schen Hub­schraub­trä­ger „Charles de Gaul­le“schüt­zen wird, 150 wei­te­re sind für das Tank­flug­zeug zu­stän­dig, das in der Luft so­wohl die deut­schen als auch fran­zö­si­sche Jets ver­sor­gen soll, schließ­lich ver­tei­len sich bis zu 50 Of­fi­zie­re auf die ver­schie­de­nen Stä­be und Ein­satz­zen­tra­len, die die An­ti-IS-Al­li­anz in der Re­gi­on ge­bil­det hat. Hin­zu kommt ei­ne Re­ser­ve von 400 Kräf­ten, um auch bei Kon­tingent­wech­seln die Ober­gren­ze nicht zu über­schrei­ten. Sind Eng­päs­se auch bei an­de­ren Kom­po­nen­ten des Sy­ri­en-Ein­sat­zes zu be­fürch­ten? Zu­nächst nicht. Doch lang­fris­tig sieht Lind­ner auch bei den deut­schen Kriegs­schif­fen An­lass zur Sor­ge. „Bei den Fre­gat­ten ist die Ein­satz­fä­hig­keit des Ge­samt­sys­tems aus Schiff und Bord­hub­schrau­ber das ei­gent­li­che Pro­blem“, er­klärt der Rüs­tungs­ex­per­te im Haus­halts­aus­schuss. Zu­letzt sei­en von 22 „Sea-Lynx“-Hub­schrau­bern, die zur Uboot-Jagd aus­ge­legt sind, nur drei ein­satz­be­reit ge­we­sen. Das rei­che, um den Ein­satz zu be­stü­cken. Es fra­ge sich aber, wie lan­ge die Bun­des­wehr das durch­hal­te. „Der Aus­fall ei­nes ,Sea-Lynx’ wür­de die vol­le Ein­satz­be­reit­schaft der Fre­gat­ten schnell min­dern“, sagt er. Sind die Jets über dem Kampf­ge­biet in Sy­ri­en be­droht? Der Is­la­mi­sche Staat hat zwar gro­ße Ge­län­de­ge­win­ne ge­macht und vie­le Waf­fen so­wohl im Irak als auch in Sy­ri­en er­beu­tet, ver­fügt über­dies über gro­ße fi­nan­zi­el­le Mit­tel. Trotz­dem zwei­feln Ex­per­ten, ob die Mi­li­zen vor Ort auf leis­tungs­fä­hi­ge Luft­ab­wehr­ra­ke­ten zu­rück­grei­fen oder sie be­die­nen kön­nen. Als Re­ak­ti­on auf den tür­ki­schen Ab­schuss ei­nes rus­si­schen Kampf­jets hat Mos­kau je­doch wei­te­re hoch­mo­der­ne Ab­wehr­sys­te­me nach Sy­ri­en ver­legt. Auch die sy­ri­schen Streit­kräf­te sind da­mit be­stückt. In­so­fern kann es durch­aus zu kri­ti­schen Si­tua­tio­nen kom­men. Wie kön­nen die Ab­wehr­sys­te­me den deut­schen Jets ge­fähr­lich wer­den? Das ge­won­ne­ne Auf­klä­rungs­ma­te­ri­al soll als aus­ge­wer­te­te In­for­ma­ti­on und bei Be­darf auch durch Echt­zeit­über­tra­gung dem Haupt­quar­tier in Ku­wait und der Luft­waf­fen-Ein­satz­zen­tra­le in Ka­tar zur Ver­fü­gung ste­hen. Dar­aus wer­den je­doch wie­der­um le­dig­lich die Mit­glie­der der bei­den von den USA und Frank­reich ge­führ­ten Al­li­an­zen be­dient. So­wohl die sy­ri­schen As­sad-Streit­kräf­te als auch die rus­si­schen Ein­hei­ten blei­ben au­ßen vor. Da­mit sind ech­te oder ge­woll­te „Miss­ver­ständ­nis­se“pro­gram­miert. Die Al­li­an­zen ar­bei­ten zwar mit Hoch­druck dar­an, die ver­schie­de­nen Al­li­an­zen und Mis­sio­nen im Irak und Sy­ri­en zu ko­or­di­nie­ren. So lan­ge aber die Rol­le des As­sad-Re­gimes un­ge­klärt ist, dro­hen tra­gi­sche Fol­gen. Wä­re es nicht bes­ser, auf die Mis­si­on zu ver­zich­ten? Die Lin­ke ar­gu­men­tiert, dass die Ent­ste­hung und Er­star­kung des IS Fol­ge fal­scher Krie­ge sei und der Krieg so­mit als Mit­tel zur Be­kämp­fung aus­schei­de. Tat­säch­lich droht die Ter­ror-Miliz in­zwi­schen, die gan­ze Re­gi­on mit vie­len Mil­lio­nen Men­schen in Brand zu set­zen und der Ter­ror­herr­schaft zu un­ter­wer­fen. Au­ßer­dem strebt der IS ei­ne Aus­deh­nung auch nach Eu­ro­pa an, will zu­dem den gan­zen Kon­ti­nent durch Ter­ror­an­schlä­ge de­sta­bi­li­sie­ren. Ab­war­ten und dem wei­te­ren mi­li­tä­ri­schen Er­star­ken des IS zu­zu­se­hen, ist da­her kei­ne er­folg­ver­spre­chen­de Op­ti­on.

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