„In­te­gra­ti­on ist Pflicht“

Hes­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Vol­ker Bouf­fier spricht über die Er­war­tun­gen an Flücht­lin­ge, die in Deutsch­land le­ben wol­len.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK -

Herr Bouf­fier, gilt die For­mel der Kanz­le­rin für die Flücht­lings­kri­se „Wir schaf­fen das“un­ein­ge­schränkt wei­ter­hin für die Bun­des­län­der? BOUF­FIER Schei­tern ist kei­ne Al­ter­na­ti­ve. Ja, wir wer­den das schaf­fen, aber die Zah­len müs­sen dras­tisch zu­rück­ge­hen. Reicht die Ent­span­nung beim Flücht­lings­zu­strom, die sich jetzt ab­zeich­net? BOUF­FIER Nein, die Zah­len müs­sen noch deut­lich zu­rück­ge­hen. 4000 pro Tag sind im Mo­nat 120.000 und im Jahr mehr als ei­ne Mil­li­on. Das ist ei­ne Grö­ßen­ord­nung, die liegt viel zu hoch. Wird al­so von der Mi­nis­ter­prä­si­den­ten­kon­fe­renz heu­te das Si­gnal an die Bun­des­re­gie­rung aus­ge­hen, dass die Ober­gren­ze er­reicht ist? BOUF­FIER Das weiß je­der. Ich hal­te den­noch we­nig von ei­ner zah­len­mä­ßi­gen Be­gren­zung der Flücht­lin­ge. Das ist ei­ne Schein­de­bat­te. Ei­ne Gren­ze ist dann er­reicht, wenn ei­ne Ge­sell­schaft Flücht­lin­ge nicht mehr men­schen­wür­dig ver­sor­gen kann. Da sind wir an ei­nem kri­ti­schen Punkt an­ge­kom­men. Die Auf­nah­me­ka­pa­zi­tät be­misst sich auch dar­an, wer kommt. Wenn je­mand Deutsch oder we­nigs­tens Eng­lisch spricht, hat er ganz an­de­re In­te­gra­ti­ons­chan­cen, als wenn je­mand erst ein­mal die Spra­che und mög­li­cher­wei­se Le­sen und Schrei­ben ler­nen muss. Dann ist der Auf­wand sehr viel grö­ßer. Wie be­wer­ten Sie das Vor­ge­hen von CSU-Chef See­ho­fer? BOUF­FIER Ich er­ken­ne un­ein­ge­schränkt an, was Bay­ern bis­her ge­leis­tet hat. Dass die­se Si­tua­ti­on zu ei­ner be­son­de­ren Sen­si­bi­li­sie­rung führt, kann man nach­voll­zie­hen. Im Üb­ri­gen sind wir uns in der Uni­on ei­nig. Wenn man jetzt mal das Show­Wort Ober­gren­ze raus­nimmt, se­he ich nicht, wo wir Dif­fe­ren­zen ha­ben. Das Show-Wort hat die Kanz­le­rin er­fun­den. Sie hat ge­sagt, dass es kei­ne Ober­gren­ze beim Asyl ge­ben kön­ne und dass dies auch für Men­schen gel­te, die aus der Höl­le des Bür­ger­kriegs kom­men . . . BOUF­FIER Das ist ja auch rich­tig: Ei­ne Fi­xie­rung auf ei­ne Zahl hilft nicht wei­ter, es kommt auf die Men­schen an, die kom­men und wel­che Vor­aus­set­zung sie mit­brin­gen. Vie­le Bür­ger, die nicht rechts­ra­di­kal den­ken, füh­len sich in ih­ren Ängs­ten und Sor­gen vor dem Zustrom der Flücht­lin­ge nicht ernst ge­nom­men. Was kann die CDU für die­se Leu­te tun? BOUF­FIER Un­ser Ziel ist, dass es für al­le Men­schen, die hier le­ben, für je­ne, die schon im­mer in Deutsch­land le­ben und für je­ne, die neu hin­zu­ge­kom­men sind, ei­ne fried­li­che und er­folg­rei­che Zu­kunft gibt. Das kann nur ge­lin­gen, wenn man sei­nen Kom­pass be­hält. Und das sind un­se­re Wer­te­ord­nung und un­se­re Ver­fas­sung. Da kön­nen wir kei­nen Ra­batt ge­ben. Wir wer­den kein is­la­mi­sches Land wer­den. Wir wer­den in Deutsch­land auch kei­ne Ver­hält­nis­se ha­ben wie in Ara­bi­en. Das müs­sen wir klar und oh­ne Schaum vor dem Mund sa­gen. In Hes­sen ha­ben wir als schwarz-grüne Re­gie­rung ei­nen um­fas­sen­den Ak­ti­ons­plan vor­ge­legt für die Auf­nah­me von Flücht­lin­gen und für den Zu­sam­men­halt, der von der Re­gis­trie­rung bis zur In­te­gra­ti­on in Ar­beits­markt und Ge­sell­schaft reicht. Die CDU-Vi­ze-Che­fin Ju­lia Klöck­ner will beim Par­tei­tag ei­nen An­trag für ein In­te­gra­ti­ons­pflicht­ge­setz ein­brin­gen. Wird das Ih­re Zu­stim­mung fin­den? BOUF­FIER Ei­ne Ver­pflich­tung zur In­te­gra­ti­on soll­te man ver­lan­gen. Das ist aber we­ni­ger ei­ne ju­ris­ti­sche Ka­te­go­rie, als ein Aus­druck der Er­war­tung an die­je­ni­gen, die in un­ser Land kom­men. Der Grund­ge­dan­ke ist rich­tig. Wir wol­len aber kei­ne bü­ro­kra­ti­schen und ju­ris­ti­schen For­meln für die In­te­gra­ti­on schaf­fen. Wer­den sich Bund und Län­der noch in die­sem Jahr auf ei­ne Neu­ord­nung der Bund-Län­der-Fi­nan­zen ei­ni­gen? BOUF­FIER Ich bin mä­ßig op­ti­mis­tisch. Ei­ni­ge Län­der ha­ben noch nicht ver­stan­den, dass man nicht nur For­de­run­gen stel­len kann. Es müs­sen jetzt al­le ver­ste­hen, dass der Grat im­mer schma­ler wird, auf dem die Län­der noch die Chan­ce ha­ben, die vom Bund zu­ge­sag­ten acht bis neun Mil­li­ar­den Eu­ro un­ter­ein­an­der auf­zu­tei­len. Wer ist denn Schuld, dass es seit an­dert­halb Jah­ren kei­ne Ei­ni­gung gibt? BOUF­FIER Von Schuld möch­te ich nicht spre­chen, aber Nord­rheinWest­fa­len ist jetzt auf die Idee ge­kom­men, dass das Sys­tem um­ge­stal­tet wer­den muss, um auf die­se Wei­se zum Ge­ber­land zu wer­den. NRW ist un­ter dem Strich ja Ge­ber­land . . . BOUF­FIER Das kann man so rum und so rum se­hen. Die Po­si­ti­on von

FOTO: DPA

Flücht­lin­ge ge­hen na­he Weg­scheid (Bay­ern) hin­ter ei­nem Fahr­zeug der Bun­des­po­li­zei. Die Asyl­su­chen­den wer­den zu ei­ner Not­un­ter­kunft ge­führt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.