Vom Glück, sich selbst an­neh­men zu kön­nen

Die Ad­vents- und Weih­nachts­wo­chen sind ei­ne gu­te Zeit, um Dank­bar­keit zu üben. Denn wah­re Dank­bar­keit be­deu­tet, das Le­ben zu schät­zen, wie es ist – mit al­len Feh­lern.

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Nun öff­nen vie­le schon täg­lich Tür­chen, Beu­tel­chen, Schub­läd­chen und er­hal­ten klei­ne Auf­merk­sam­kei­ten zum Ad­vent. Sie wer­den be­schenkt, be­kom­men je­den Tag ein Zei­chen, dass Sie ei­nem an­de­ren wich­tig sind. Dass es gut ist, dass es Sie gibt.

Na­tür­lich le­ben wir in ei­ner Kon­sum­ge­sell­schaft, in der Weih­nach­ten ein gro­ßes Aus­stat­tungs­ge­schäft ge­wor­den ist. Und so er­scheint man­chen al­les in Ster­nen­pa­pier Ein­ge­wi­ckel­te, weih­nacht­lich Über­zu­cker­te als ver­däch­tig. Sie seh­nen sich nach der Rück­be­sin­nung auf das We­sent­li­che der Weih­nachts­bot­schaft. Und na­tür­lich hat die Kon­sum-Skep­sis ih­re Be­rech­ti­gung. Doch sich be­schen­ken zu las­sen, ist auch ei­ne gu­te Übung: Näm­lich dank­bar zu sein und auf­merk­sam zu wer­den für das Gu­te, das ei­nem im Le­ben wi­der­fährt – öf­ter als man es ge­wöhn­lich wahr­nimmt.

Dank­bar­keit ist auch ein Aus­druck da­für, dass ein Mensch an­neh­men kann. Es geht nicht nur dar­um, sich nicht zu zie­ren, wenn man be­schenkt wird, son­dern schlicht Dan­ke zu sa­gen. An­neh­men zu kön­nen, be­deu­tet viel grund­le­gen­der, sich an dem zu freu­en, was ist. Nicht zu über­le­gen, was al­les mög­lich ge­we­sen wä­re, was man viel­leicht ver­passt hat oder was an­de­ren bes­ser ge­lingt. An­neh­men be­deu­tet, die Ge­gen­wart wahr­zu­neh­men und wert­zu­schät­zen. So wie sie ist. Da­zu be­darf es ei­ner ge­wis­sen Stär­ke, denn das heißt auch, dem Ver­gleichs­den­ken und Kon­kur­renz­stre­ben zu wi­der­ste­hen.

Wer sich aufs An­neh­men ver­steht, be­trach­tet auch ge­las­sen, was ihm ge­gen den ei­ge­nen Wil­len wi­der­fährt. Rück­schlä­ge, un­er­füll­te Wün­sche, ge­platz­te Träu­me – da­mit kann man ha­dern. Oder man ent­schei­det sich, nach den neu­en We­gen zu su­chen, die je­des Hin­der­nis weist. Das ist viel­leicht die größ­te Her­aus­for­de­rung im Le­ben: Sich selbst an­zu­neh­men in der ei­ge­nen Be­grenzt­heit. Vie­le Men­schen sind am kri­tischs­ten und här­tes­ten mit sich selbst, sie ur­tei­len über die ei­ge­ne Person als un­er­bitt­li­che Rich­ter. Wer da­ge­gen in ei­ne Hal­tung der Dank­bar­keit fin­det, auch für das Schie­fe, Ent­täu­schen­de, Miss­lun­ge­ne im ei­ge­nen Le­ben, der wird das als Be­frei­ung er­le­ben.

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