Der Reint­ke-Re­port

Terry Reint­ke ist die jüngs­te Ab­ge­ord­ne­te im EU-Par­la­ment. Sie kämpft für Rand­grup­pen-Rech­te – und mit dem po­li­ti­schen Ap­pa­rat.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON LUD­WIG KRAU­SE

STRASSBURG Ju­li 2014. The­re­sa „Terry“Reint­ke (Grüne) erlebt ge­ra­de ih­re ers­te Wo­che als Ab­ge­ord­ne­te im EU-Par­la­ment. Mit 26 Jah­ren ist sie die jüngs­te weib­li­che Ab­ge­ord­ne­te im Haus. Um sich den Wäh­lern vor­zu­stel­len, dreht sie ein Vi­deo. Reint­ke kommt im knall­grü­nen Shirt ins Bild ge­sprun­gen, al­bert mit den Kol­le­gen her­um. „Was?“„Geil!“„Sau­ber!“Me­di­en stür­zen sich dar­auf, ein Sa­ti­re-Ma­ga­zin schnei­det die Sze­nen zu­sam­men. Der ers­te gro­ße Auf­tritt lan­det im Fett­napf.

23. No­vem­ber 2015. Die 28-Jäh­ri­ge sitzt in ih­rem Bü­ro im fünf­ten Stock des EU-Par­la­ments in Straß­burg, das grüne Shirt ist ei­nem schwar­zen Dress ge­wi­chen. „Wenn man hin­fällt, muss man wie­der auf­ste­hen. Sonst darf man den Job nicht ma­chen“, sag­te sie. Auf dem Schreib­tisch liegt der Ent­wurf zum wich­tigs­ten Pa­pier ih­rer bis­he­ri­gen Kar­rie­re. „Be­richt über das The­ma ,Ko­hä­si­ons­po­li­tik und ge­sell­schaft­li­che Rand­grup­pen‘ (2014/ 2247(INI))“. Der Reint­ke-Re­port.

Im No­vem­ber 2014 wird Terry Reint­ke zum Rap­por­teur be­nannt – un­ge­wöhn­lich früh, wie es im Par­la­ment heißt. Da das EU-Par­la­ment kei­ne Ge­set­zes­vor­schlä­ge ma­chen kann, sind Initia­tiv­be­rich­te ei­ne Mög­lich­keit, die Kom­mis­si­on da­zu auf­zu­for­dern, bei ei­nem be­stimm­ten The­ma ak­tiv zu wer­den. Der Rap­por­teur ist maß­geb­lich für das Pa­pier ver­ant­wort­lich. Es wird ver­han­delt und um For­mu­lie­run­gen ge­feilscht, am En­de steht ein Kon­sens. Im bes­ten Fall.

Ein Jahr lang hat sich Reint­ke mit der sys­te­ma­ti­schen Be­nach­tei­li­gung von Rand­grup­pen in der EU aus­ein­an­der­ge­setzt – al­len vor­an Ro­ma. Sie hat das un­ga­ri­sche Dorf Sa­jo­ka­za be­sucht, in dem Ro­ma un­ter un­wür­di­gen Be­din­gun­gen le­ben. „160.000 Eu­ro an EU-För­der­mit­teln sind nach Sa­jo­ka­za ge­flos­sen. Bei den Ro­ma ist nichts da­von an­ge­kom­men“, sagt Reint­ke. Statt­des­sen hat der Orts­kern drei Ki­lo­me­ter ent­fernt ei­nen hüb­schen Spring­brun­nen er­hal­ten. „Wir ver­schwen­den zu viel Geld, in­ves­tie­ren noch zu oft an der fal­schen Stel­le“, sagt sie. All das schreibt Reint­ke in ih­ren Be­richt – und ern­tet Em­pö­rung.

Die ENF, Rechts­au­ßen im Eu­ro­pa­par­la­ment, hat für die Ab­stim­mung der 751 Ab­ge­ord­ne­ten im Plenum am Di­ens­tag ein Dut­zend Än­de­rungs-An­trä­ge vor­be­rei­tet. Be­kann­te Tak­tik der Frak­ti­on. „Bei den Ro­ma und der Kor­rup­ti­on wird es aber knapp“, sagt sie. Der Reint­keRe­port nennt Ro­ma aus­drück­lich als be­son­ders be­trof­fe­ne Rand­grup­pe in Eu­ro­pa und spricht sich für die trans­pa­ren­te Be­kämp­fung von Kor­rup­ti­on bei der Ver­wen­dung von EU-Mit­teln aus. Da­ge­gen for­miert sich brei­ter Wi­der­stand. Mit vie­len Kol­le­gen hat Reint­ke das Ge­spräch ge­sucht, ver­sucht Über­zeu­gungs­ar­beit zu leis­ten. Es wird eng.

Terry Reint­ke stammt aus ei­nem eher kon­ser­va­ti­ven El­tern­haus in Gel­sen­kir­chen, seit ih­rer Ju­gend ist sie als po­li­ti­sche Ak­ti­vis­tin auf der Stra­ße un­ter­wegs. Für die Rech­te von Frau­en und Ho­mo­se­xu­el­len. Für Ju­gend­li­che, Flücht­lin­ge und Rand­grup­pen. Sie stu­diert Po­li­tik­wis­sen­schaf­ten in Ber­lin, den Grü­nen tritt sie erst nach ih­rem Stu­di­um 2012 bei. Ein­mal im Mo­nat kommt sie aus ei­ner WG in Duis­burg nach Straß­burg. Wenn Reint­ke in der Öf­fent­lich­keit spricht, wirkt sie auf man­che zu viel von al­lem: zu höf­lich oder zu be­harr­lich. Kri­ti­ker le­gen ihr das als Nai­vi­tät aus. Von ih­rem Kon­zept bringt sie das nicht ab.

Am Abend vor der Ab­stim­mung hat Terry Reint­ke ih­ren letz­ten gro­ßen Auf­tritt, ihr Pu­bli­kum ist über­schau­bar. Et­wa 20 Ab­ge­ord­ne­te sit­zen noch im Plenar­saal, Eins-Zu­Eins-Be­treu­ung durch die Si­mul­tan-Über­set­zer. Den schwar­zen Dress vom Mit­tag hat Reint­ke ab­ge­legt, statt­des­sen trägt sie ei­ne gel­be Ja­cke, dar­un­ter das Stück ei­ner Ro­ma-De­si­gne­rin. Vier Mi­nu­ten hat sie Zeit, den Be­richt vor­zu­stel­len. Sechs Red­ner mel­den sich an­schlie­ßend, ei­ner wirft der Grü­nen vor, sie ha­be die Ro­ma al­lein aus ideo­lo­gi­schen Grün­den in den Be­richt ge­schrie­ben.

Am Tag der Ent­schei­dung ist der Plenar­saal na­he­zu voll be­setzt. Erst geht es um die Ver­rin­ge­rung von Un­gleich­heit mit be­son­de­rem Schwer­punkt auf Kin­der­ar­mut, schließ­lich um Ko­hä­si­ons­po­li­tik und ge­sell­schaft­li­che Rand­grup­pen – der Reint­ke-Re­port. Ein Punkt nach dem an­de­ren kommt zur Ab­stim­mung. So­gar Ab­ge­ord­ne­te der SPD stim­men ge­gen die Kor­rup­ti­ons-Pas­sa­ge. Der rech­te Rand vewei­gert den ge­sam­ten Be­richt: Udo Voigt von der NPD ge­nau wie Fran­zo­se Le Pen. Am En­de kann sie aber je­den ein­zel­nen Punkt für sich ent­schei­den. Für den Be­richt er­hält Reint­ke ei­ne gro­ße Mehr­heit: 574 zu 84. In Bel­gi­en wird #Reint­kere­port zum Trend auf Twit­ter, in die Nach­rich­ten schafft es Reint­ke nicht. Im Ge­gen­satz zu ei­nem Weih­nachts­baum, der in der Kan­ti­ne auf­ge­baut wird. Der stammt aus dem Fich­tel­ge­bir­ge und dient ei­nem gu­ten Zweck. Dar­über be­rich­tet das Fern­se­hen.

Mitt­ler­wei­le hat Terry Reint­ke ih­ren zwei­ten Initia­tiv­be­richt ein­ge­reicht. Chan­cen­gleich­heit für Frau­en in der di­gi­ta­len Welt. Das Ver­han­deln be­ginnt von vor­ne.

FOTO: LECOCO

Terry Reint­ke be­haup­tet sich für die Grü­nen im Eu­ro­pa-Par­la­ment.

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