Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Schu­he ge­hö­ren in den Schrank“, sag­te mein Va­ter, „wenn nicht an die Fü­ße“, aber ich ließ den Schuh ste­hen und horch­te mit hal­bem Ohr auf das Te­le­fon­ge­spräch, das of­fen­bar noch nicht be­gon­nen hat­te, aber gleich be­gin­nen wür­de und dann be­gann.

„Ja, das ist sie“, sag­te mei­ne Groß­mut­ter in äu­ßerst lie­bens­wür­di­gem Ton. Und dann: „Au­gen­blick, ich ru­fe sie.“

Sie leg­te den Hö­rer auf den Schreib­tisch, dreh­te sich zu mir um und sag­te: „Das ist West Los Angeles, für Ju­dith Ed­wards.“

Über der Stuhl­leh­ne hing ein gro­ßes Strand­tuch, das mei­ne Groß­mut­ter mir reich­te.

„Ruf sie, Cas­sie, und sag ihr, dass sie sich das hier um­le­gen soll.“

Ich rutsch­te vom Ho­cker und stand et­was dümm­lich mit dem Strand­tuch in der Hand da, al­ler­dings fühl­te ich mich eher pa­nisch als dumm. Wo war sie plötz­lich hin, die Mu­ße, mit der ich den Mo­ment hat­te her­an­na­hen las­sen, wo ich hin­aus­ge­hen und ihr, wie ich es ge­nannt hat­te, mei­ne Auf­war­tung ma­chen wür­de? Jetzt muss­te ich in al­ler Ei­le zu Ju­dith, oh­ne mir ein paar Wor­te zu­recht­ge­legt zu ha­ben.

An­de­rer­seits muss­te ich mir gar nichts zu­recht­le­gen, denn das hat­ten be­reits an­de­re für mich ge­tan. Ich muss­te bloß sa­gen, komm rein, da ist ein An­ruf für dich.

„Beeil dich, Cas­sie“, sag­te mei­ne Groß­mut­ter. „Es ist Jack.“

„Wel­cher Jack?“, frag­te ich und sah, wie der Mund mei­ner Groß­mut­ter vor Är­ger zu ei­nem fes­ten, dün­nen Strich wur­de, wäh­rend mein Va­ter mir zu­gleich sag­te, ich sol­le tun, was man mir auf­ge­tra­gen ha­be, und Ju­dith ho­len. – Ich ging durch die Wohn­zim­mer­tür hin­aus, blieb ei­nen Au­gen­blick auf dem Son­nen­deck ste­hen und schau­te auf den Pool hin­un­ter. Das Was­ser war ru­hig. Nie­mand schwamm. Und dann sah ich sie. Sie saß ganz vorn auf dem Sprung­brett, wipp­te und schau­te zum Haus her­über. Ich glau­be, wir ent­deck­ten ein­an­der im sel­ben Mo­ment, aber sie sag­te – rief – als Ers­te et­was. „Wird aber auch Zeit.“Ihr Ton­fall war nicht un­ge­dul­dig, nur die Wor­te. Der Ton war ihr üb­li­cher, hei­ter und ent­spannt.

„Ich hab mich be­müht“, rief ich zu­rück. „Aber ich muss­te erst noch mit Pa­pa und Gran re­den.“

„Na, dann komm jetzt und red mit mir.“

„Je­mand an­ders will mit dir re­den“, sag­te ich, „je­mand aus West Los Angeles.“„Was hast du ge­sagt?“„Ich hab ge­sagt, da ist je­mand für dich am Te­le­fon. Los, komm.“„Ich?“„Ja, du. Die war­ten auf dich. West Los Angeles – sagt dir das ir­gend­was?“

Ich blieb ste­hen, wo ich war, und schau­te zu, wie sie auf­stand, über das Sprung­brett zu­rück­ging, her­un­ter­sprang und zu mir ge­rannt kam. Die zwei Stu­fen hoch, über den Ra­sen, die Stu­fen zum Son­nen­deck her­auf, ge­ra­de­wegs zu mir.

„Hier, häng dir das um“, sag­te ich. „Für Gran­ny.“

Ich warf ihr das Hand­tuch zu und hat­te das Ge­fühl, das ich im­mer ha­be, wenn ich sie an­schaue oder wenn ich mich sehr be­wusst in ei­nem Spie­gel se­he, das Ge­fühl, aus­ein­an­der­ge­ris­sen und wie­der zu­sam­men­ge­setzt zu wer­den.

„Du siehst toll aus“, sag­te „Wel­ches Te­le­fon?“

„Das auf dem Schreib­tisch“, ant­wor­te­te ich.

sie. „Wer ist ran­ge­gan­gen – du?“„Nein, Gran.“„Re­den sie ge­ra­de mit­ein­an­der?“„Nein, es ist ein Ge­spräch mit Vor­an­mel­dung.“

„Gut, dann kann ich mir noch die Fü­ße ab­trock­nen.“

Sie beug­te sich mit dem Hand­tuch nach un­ten, doch ich nahm es ihr aus der Hand, hock­te mich auf ei­ne der Stu­fen und sag­te ihr, sie sol­le den Fuß an­he­ben, ich wür­de das ma­chen. Sie leg­te ei­ne Hand auf mei­nen Kopf, um das Gleich­ge­wicht zu hal­ten, und ich trock­ne­te ihr ziem­lich flott die Fü­ße ab, ei­nen nach dem an­de­ren, und schick­te sie dann rein.

„Ich war­te hier“, sag­te ich. Sie hat­te die Wohn­zim­mer­tür schon auf­ge­macht, dreh­te sich um und sag­te: „Quatsch, komm rein“, fass­te mich am Arm und zog mich hoch und dann hin­ter sich her.

Sie warf das Hand­tuch auf den Schreib­tisch­stuhl, setz­te sich und nahm den Hö­rer, und ich ging an ihr vor­bei zum Tre­sen, auf dem mein Schuh und mein Glas stan­den. Mein Va­ter saß nicht mehr dort; als ich mich um­schau­te, sah ich ihn am Ka­min­sims ste­hen, wo er sei­ne Pfei­fe aus ei­ner Ta­bak­do­se füll­te. Mei­ne Groß­mut­ter war nir­gends zu se­hen, al­so griff ich zur Co­gnac­fla­sche und schenk­te mir ziem­lich schwung­voll ziem­lich viel ein.

„Ich bin Ju­dith Ed­wards“, hör­te ich mei­ne Schwes­ter sa­gen, und ich nahm mein Glas und mach­te mich auf den Weg in mein Zim­mer. Ich woll­te sie nicht in Ver­le­gen­heit brin­gen, in­dem ich ih­re Sei­te des Ge­sprächs mit­hör­te, ob sie es nun woll­te oder nicht. Ich ging an mei­nem Va­ter vor­bei, die zwei Stu­fen hin­un­ter, schau­te kurz hin­aus zum Pool und bog dann in den Flur, der zu den Schlaf­zim­mern führte, dem von Ju­dith und mir und dem von Gran­ny. Gran­nys Tür stand of­fen, und ich sah die Schuh­schach­tel auf ih­rem Bett und da­hin­ter auf dem Nacht­tisch das Te­le­fon, ge­nau das, an dem ich Jack Finch von den an­de­ren plat­ziert ge­wähnt hat­te, als ich aus der Not­fall-Te­le­fon­zel­le an­rief. Ich blieb ei­nen Au­gen­blick in der Tür ste­hen, nur kurz, dann nahm ich ei­nen Schluck, trat ein, mach­te die Tür hin­ter mir zu, ging ums Bett her­um zum Nacht­tisch und über­leg­te, auch dies­mal nur kurz. Über­le­gen muss man vor so ei­ner Ak­ti­on haupt­säch­lich des­halb, weil das Ab­neh­men des Hö­rers ein klei­nes Kli­cken er­zeugt. Ich stell­te mein Glas auf den Nacht­tisch und hob den Hö­rer senk­recht ab, ganz lang­sam und sach­te. Das Kli­cken blieb aus, das klapp­te ja fa­bel­haft, und ich konn­te Jack Finchs Stim­me schon hö­ren, be­vor ich den Te­le­fon­hö­rer am Ohr hat­te – ei­ne sehr männ­li­che Stim­me, klar, ge­schäfts­mä­ßig, die das Ge­spräch mehr oder we­ni­ger al­lein be­stritt. Ich setz­te mich auf Gran­nys Bett und hör­te mir an, was ge­sagt wur­de, oh­ne viel da­bei zu emp­fin­den, was auch im­mer. Ei­ne durch­aus an­zie­hen­de Stim­me, dach­te ich, und ei­ne net­te, über­ra­schend un­per­sön­li­che Art, die sich auf kla­re In­for­ma­tio­nen be­schränk­te – er ha­be den Ter­min auf neun Uhr am nächs­ten Mor­gen le­gen kön­nen, so­dass er wohl pro­blem­los den Flug 756 nach Ba­kers­field krie­gen wer­de, An­kunft 14 Uhr 48, ob Ju­dith ihn ab­ho­len kön­ne?

„Na­tür­lich ho­le ich dich ab“, sag­te Ju­dith. „Egal wann, egal wo, und wie schön, dass es mor­gen um 14 Uhr 48 in Ba­kers­field sein wird.“

(Fort­set­zung folgt)

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