1,5 Mil­li­ar­den Eu­ro mehr für Nord­rhein-West­fa­len

Die 16 Mi­nis­ter­prä­si­den­ten ha­ben sich auf ei­ne ra­di­ka­le Re­form des Län­der­fi­nanz­aus­gleichs ge­ei­nigt. Die neue Li­nie soll NRW mas­si­ve Mehr­ein­nah­men brin­gen. Ei­ner muss aber noch zu­stim­men: der Bund.

Rheinische Post Moenchengladbach - - VORDERSEITE - VON KIRS­TEN BI­AL­DI­GA, JAN DREBES UND THO­MAS REI­SE­NER

BER­LIN/DÜSSELDORF Län­ger als ein Jahr wur­de ver­han­delt, der Durch­bruch ge­lang in der Nacht zu ges­tern: Die 16 Bun­des­län­der ha­ben sich über­ra­schend auf ein Mo­dell zur Neu­ge­stal­tung des 2019 aus­lau­fen­den Län­der­fi­nanz­aus­gleichs ge­ei­nigt. Dem­nach wä­re kei­nes der Län­der schlech­ter­ge­stellt als im bis­he­ri­gen Sys­tem, NRW er­hält ab 2020 rund 1,5 Mil­li­ar­den Eu­ro mehr pro Jahr. Das ent­spricht et­wa 87 Eu­ro zu­sätz­lich je Ein­woh­ner.

Ein­zi­ges Pro­blem: Das Pa­ket ist für Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) auf den ers­ten Blick deut­lich teu­rer als bis­her ver­han­delt. Schäu­bles Zu­stim­mung steht da­her in den Ster­nen. Denn statt bis­her 8,5 Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr, die der Mi­nis­ter den Län­dern ge­bo­ten hat­te, for­dern die­se nun gut 9,6 Mil­li­ar­den. NRW wür­de mit dem neu­en Sys­tem ei­ne zen­tra­le For­de­rung durch­set­zen: den Weg­fall des bis­her vor­ge­schal­te­ten Um­satz­steu­er-Aus­gleichs, der das Land mas­siv be­las­tet. Das Land wür­de da­durch in die Rie­ge von dann fünf Ge­ber­län­dern auf­rü­cken. Bay­ern, Hes­sen, Ba­den-Würt­tem­berg und Ham­burg ge­hör­ten be­reits da­zu.

Chef-Un­ter­händ­ler Olaf Scholz (SPD), Ers­ter Bür­ger­meis­ter Ham­burgs, hat­te die Ge­sprä­che erst mit den CDU-Mi­nis­ter­prä­si­den­ten ge­führt und ges­tern mit sei­nen SPDAmts­kol­le­gen ge­spro­chen. Er be­ton­te in Vor­aus­sicht auf zu er­war­ten­de Nach­ver­hand­lun­gen: Neh­me man auch nur an ei­ner Stel­le Geld wie­der her­aus, folg­ten un­zäh­li­ge neue Pro­ble­me im fra­gi­len Ab­stim­mungs­sys­tem mit den Län­dern.

Vor­ge­schla­gen ist ein ra­di­kal neu­es Sys­tem. Der Fi­nanz­aus­gleich in sei­ner jet­zi­gen Form wird ab­ge­schafft; an sei­ne Stel­le tritt ein Um­satz­steu­er­sys­tem. Im Er­geb­nis wird künf­tig der An­teil der ein­zel­nen Län­der am Um­satz­steu­er­auf­kom­men pro Ein­woh­ner so ver­teilt, dass ih­re un­ter­schied­li­che Fi­nanz­kraft aus­ge­gli­chen wird. Das er­folgt durch ein kom­pli­zier­tes Sys­tem aus Zu- und Ab­schlä­gen.

Grund­la­ge da­für ist, dass der Bund künf­tig pro Jahr auf rund vier Mil­li­ar­den Eu­ro aus der Um­satz­steu­er ver­zich­tet und an die Län­der ver­teilt. So sol­len west­deut­sche Flä­chen­län­der zwi­schen 85 und 105 Eu­ro pro Ein­woh­ner er­hal­ten, ost­deut­sche Län­der wie Meck­len­bur­gVor­pom­mern mit 224 Eu­ro deut­lich mehr. Die fi­nan­zi­ell de­so­la­ten Län­der Saar­land und Bre­men be­kom­men je­weils di­rekt vom Bund pro Jahr 400 Mil­lio­nen Eu­ro oben­drauf. Ins­ge­samt wür­den je­doch die „rei­chen“Län­der um mehr als drei Mil­li­ar­den Eu­ro ent­las­tet. Vor­schlag der Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, ab 2020, in Eu­ro je Ein­woh­ner, pro Jahr

Meckl.-Vorp.

Thü­rin­gen

Sach­sen

Sach­sen-An­halt

Ber­lin

Bran­den­burg

Bre­men

Bun­des­schnitt

Bay­ern

Ham­burg

Hes­sen

Rheinl.-Pfalz

Schles­wig-H.

Ba­den-W.

NRW

Nie­der­sach­sen

Saar­land

224

Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft (SPD) sag­te ges­tern: „Nord­rhein-West­fa­len hat die we­sent­li­chen For­de­run­gen durch­set­zen kön­nen. Das heißt, der Um­satz­steu­er­vor­weg­aus­gleich ist weg.“Das sei wich­tig ge­we­sen, weil jetzt auch deut­lich wer­de, dass NRW ein Ge­ber­land sei. Man sei so­li­da­risch ge­blie­ben mit den öst­li­chen Bun­des­län­dern und auch mit de­nen, die gro­ße Fi­nanz­pro­ble­me ha­ben. NRW-Fi­nanz­mi­nis­ter Nor­bert Wal­ter-Bor­jans (SPD) sag­te: „Nach Jah­ren ei­ner kon­tro­ver­sen und zum Teil auch emo­tio­nal ge­führ­ten De­bat­te ist ein für al­le fai­rer Kom­pro­miss ge­fun­den wor­den.“

Tobias Hent­ze vom In­sti­tut der Deut­schen Wirt­schaft (IW) be­wer­te­te das Er­geb­nis et­was an­ders. „NRW pro­fi­tiert von der Ei­ni­gung un­ter­durch­schnitt­lich – pro Ein­woh­ner er­hält es nur 87 Eu­ro mehr“, sag­te er. Der Bun­des­schnitt oh­ne die Son­der­hil­fen für das Saar­land und Bre­men liegt bei 109 Eu­ro. Dass die­ser Wert re­la­tiv hoch sei, lie­ge an den ost­deut­schen Län­dern, da der So­li­dar­pakt II 2019 aus­lau­fe. Hent­ze sag­te, er hal­te die Zu­stim­mung des Bun­des für wahr­schein­lich. „Das An­ge­bot lag bei ei­ner Mehr­zah­lung von 8,5 Mil­li­ar­den Eu­ro. Jetzt sind es 9,6Mil­li­ar­den Eu­ro, al­ler­dings für das Jahr 2019.“Be­zie­he man die bis da­hin stei­gen­den Steu­er­ein­nah­men, Wirt­schafts­wachs­tum und In­fla­ti­on ein, lä­gen die Vor­schlä­ge nicht so weit aus­ein­an­der.

Nach­ver­han­deln wird Schäu­b­le aber mit Si­cher­heit, um sein Ge­sicht zu wah­ren. Mer­kel sag­te am Abend bei ei­nem Tref­fen mit den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten nur, die Bun­des­re­gie­rung neh­me den Vor­schlag zur Kennt­nis. Ei­ne Stel­lung­nah­me gab sie nicht ab. Bei SPD-Län­dern geht man aber von ei­ner gu­ten Ver­hand­lungs­po­si­ti­on aus. Schließ­lich ha­ben mit Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent und CSU-Chef Horst See­ho­fer so­wie Vol­ker Bouf­fier (CDU) aus Hes­sen auch Uni­ons­grö­ßen zu­ge­stimmt. Leit­ar­ti­kel

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