Flücht­lin­ge in Kir­che spal­ten Ge­mein­de

Die ei­nen re­den von Nächs­ten­lie­be, die an­de­ren ha­ben Angst vor den Frem­den. Be­such in ei­ner Not­un­ter­kunft.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON PHIL­IPP JA­COBS

OBER­HAU­SEN Stell­wän­de bil­den den Pri­vat­be­reich. Viel ist es nicht. Zehn, zwölf, viel­leicht mal 15 Qua­drat­me­ter für drei bis fünf Men­schen. Ei­ne Kir­che sei kein Ort zum Le­ben, sagt Ba­schar Moua­mar, son­dern zum Be­ten. Und trotz­dem ist er hier, in der evan­ge­li­schen Kir­che Schmach­ten­dorf im gleich­na­mi­gen Stadt­teil von Ober­hau­sen – um zu le­ben.

Moua­mar ist ei­ner von 54 Flücht­lin­gen, die das Got­tes­haus be­her­bergt. Es sind Fa­mi­li­en. Die meis­ten Kin­der sind im Grund­schul­al­ter. Es gibt ei­nen Säug­ling und ei­ne Schwan­ge­re – sechs­ter Mo­nat. Moua­mar führt sei­nen Be­su­cher durch das Kir­chen­schiff. Von der Em­po­re aus be­trach­tet wir­ken die ein­zel­nen Schlaf­be­rei­che wie Bie­nen­wa­ben. Moua­mar zeigt sei­ne Wa­be: Drei Feld­bet­ten sind zu se­hen. Ein Dop­pel- und ein Ein­zel­bett. Meh­re­re De­cken lie­gen auf den Ma­trat­zen. „Die Näch­te sind kalt“, sagt der 32-Jäh­ri­ge auf Eng­lisch. In drei Spin­den be­wah­ren er, sei­ne Frau und sein klei­ner Sohn ih­ren Be­sitz auf. Vie­les fiel den Flam­men Sy­ri­ens zum Op­fer. Na­tür­lich sei al­les der­zeit bes­ser als sein Hei­mat­land, sagt Moua­mar, aber das Le­ben in ei­ner Kir­che sei den­noch „very bad“, sehr schlimm.

Es ist ei­ne un­ge­wöhn­li­che Un­ter­kunft, gibt auch Pfar­rer Tho­mas Le­vin zu. Doch die Stadt Ober­hau­sen hat­te kei­ne Wahl. Die Zahl der Flücht­lin­ge über­stieg al­les bis­her Da­ge­we­se­ne. Un­ter­brin­gungs­plät­ze wur­den knapp, „al­so ha­ben wir der Stadt die­se Kir­che an­ge­bo­ten“, sagt Le­vin. Die Stadt zö­ger­te. Wo sol­len die Flücht­lin­ge es­sen, sich wa­schen? Man bräuch­te Con­tai­ner. Der Plan wur­de zu­nächst ver­wor­fen. Als im­mer mehr Bus­se aus den Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen ka­men, wil­lig­te die Stadt schließ­lich ein. Am 28. Ok­to­ber ver­öf­fent­lich­te die Pres­se­stel­le den Be­schluss. Da­mit fing der Är­ger für Le­vin an.

Ge­mein­de­mit­glie­der mel­de­ten sich bei ihm. Ei­ni­ge wa­ren er­bost. Wie­so wur­den wir nicht ge­fragt?, war­fen sie Le­vin vor. Was sol­le denn jetzt aus dem Vier­tel wer­den? Kli­schees und Vor­ur­tei­le wur­den raus­ge­kramt: Die Im­mo­bi­li­en­prei­se wür­den fal­len. „Die pis­sen und schei­ßen doch in die Ecke“, sag­te ein Ge­mein­de­mit­glied. Auch ein In­for­ma­ti­ons­abend am 16. No­vem­ber, ei­ne Wo­che nach­dem die Flücht­lin­ge ein­ge­zo­gen wa­ren, brach­te nicht die er­hoff­te ein­heit­li­che Zu­stim­mung. „Es gab wirk­lich Pro­test“, er­in­nert sich Le­vin. Und das we­ni­ge Ta­ge, nach­dem man deutsch­land­weit Sankt Mar­tin ge­fei­ert hat­te. Je- nes Fest, bei dem an ei­nen barm­her­zi­gen Rei­ter ge­dacht wird, der ei­nem Bett­ler Schutz vor der Käl­te ge­währ­te, in­dem er ihm ein Stück sei­nes Man­tels gab.

Doch al­le Über­zeu­gungs­kraft half nichts. Es gab Aus­trit­te. Vor al­lem je­ne, die in un­mit­tel­ba­rer Nä­he zur Kir­che leb­ten, ver­lo­ren das Ver­trau­en in ih­re Ge­mein­de. Da­bei ist die Kir­che Schmach­ten­dorf ein Aus­lauf­mo­dell. Nur noch we­ni­ge Men­schen fan­den sich in den ver­gan­ge­nen Wo­chen und Mo­na­ten, be­vor die Flücht­lin­ge ka­men, zu den Got­tes­diens­ten ein. Nicht sel­ten pre­dig­te Tho­mas Le­vin nur für we­ni­ge Zu­hö­rer. Weil das Geld knapp wur­de, gab die Ge­mein­de die Kir­che auf. Was mit ihr ge­sche­hen soll, ist un­ge­wiss. Ab­rei­ßen geht nicht. Das 1906 er­bau­te Got­tes­haus ist denk­mal­ge­schützt. Für die Ge­mein­de sei­en die Flücht­lin­ge ei­ne Chan­ce, sagt Le­vin. Er spricht von ei­ner Be­rei­che­rung, von Nächs­ten­lie­be.

In der Kir­che ist es an die­sem mil­den No­vem­ber­mor­gen tro­pisch. An den Fens­ter­schei­ben ha­ben sich klei­ne Was­ser­per­len ge­bil­det. Über Nacht kühl­te das Kir­chen­schiff in den ver­gan­ge­nen Ta­gen so stark aus, dass die Stadt ei­ne pro­vi­so­ri­sche Hei­zungs­an­la­ge in­stal­lier­te, die nun 24 St­un­den in Be­trieb ist. Ein Flücht­ling ist krank ge­wor­den. Ein Arzt ist be­reits in­for­miert. Nach sei­ner Sprech­stun­de will er sich den Pa­ti­en­ten an­se­hen. „Es gibt im­mer et­was zu tun, wenn ich hier bin“, sagt Tho­mas Le­vin. Er möch­te nach dem kran­ken Fa­mi­li­en­va­ter se­hen und führt auf die Em­po­re, auf der eben­falls Bet­ten auf­ge­stellt sind. An der Trep­pe fängt ihn Ba­schar Moua­mar ab. „Ich weiß, dass Sie Ihr Bes­tes tun“, sagt Moua­mar, „aber das hier ist kein Le­ben.“Le­vin nickt, er will Moua­mar Mut ma­chen. Le­vin sagt, es wer­de nicht mehr lan­ge dau­ern, bis sie an ei­nem bes­se­ren Ort un­ter­ge­bracht wer­den. Er weiß auch, dass es so schnell nicht pas­sie­ren wird, aber das sagt er nicht.

„Wir hof­fen, dass wir die Flücht­lin­ge bis En­de Fe­bru­ar, An­fang März neu ver­tei­len kön­nen“, sagt Stadt­spre­cher Uwe Spee. Bis da­hin soll der Bau ei­ni­ger Fer­tig­häu­ser an drei Stand­or­ten be­en­det sein. 400 Un- ter­brin­gungs­plät­ze sol­len so ent­ste­hen. Al­le Be­tei­lig­ten wis­sen: Je län­ger ei­ne Um­ver­tei­lung dau­ert, des­to ver­zwei­fel­ter wer­den die Flücht­lin­ge. Ei­ni­ge von ih­nen sit­zen an die­sem Mor­gen mit Win­ter­ja­cken auf Holz­stüh­len im Kir­chen­vor­raum. Sie rei­ben sich ih­re mü­den Au­gen und star­ren fast schon apa­thisch auf den kal­ten Kir­chen­bo­den oder auf ihr Smart­pho­ne, oh­ne es zu be­nut­zen. Im Hin­ter­grund läuft ein klei­ner Fern­se­her, ZDF, das „Mor­gen­ma­ga­zin“, nie­mand schaut hin. Lan­ge­wei­le und Per­spek­tiv­lo­sig­keit sind die Zu­ta­ten für ein Kon­glo­me­rat, das trau­rig macht. Zwar kön­nen sich Moua­mar und die an­de­ren frei be­we­gen, doch von Frei­zeit kann kei­ne Re­de sein. Wo­hin sol­len sie schon ge­hen?

Moua­mar will mit sei­ner Fa­mi­lie ein neu­es Le­ben be­gin­nen. 2008 war er schon ein­mal für ein Prak­ti­kum in Deutsch­land. Da­mals war er mit­ten in sei­ner Aus­bil­dung zum Me­di­zin­tech­ni­ker. Es war ei­ne kur­ze Zeit, doch sie reich­te, um Moua­mar zu be­wei­sen, dass es sich in Deutsch­land zu le­ben lohnt. Nach­dem in Sy­ri­en der Krieg aus­ge­bro­chen war, mach­te er sich wie vie­le an­de­re auf den Weg.

2600 Flücht­lin­ge le­ben der­zeit in Ober­hau­sen. Die Be­zirks­re­gie­rung hat mit­ge­teilt, dass sich die Stadt wö­chent­lich auf bis zu 100 wei­te­re ein­stel­len soll­te.

„Ei­ne Kir­che ist kein Ort zum Le­ben, son­dern

zum Be­ten“

Ba­schar Moua­mar (32)

Sy­ri­scher Flücht­ling

FOTO: HANS-JÜR­GEN BAUER

Meh­re­re Fa­mi­li­en sind in der evan­ge­li­schen Kir­che Schmach­ten­dorf in Ober­hau­sen un­ter­ge­bracht.

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