Ri­ten, Bräu­che, Tra­di­tio­nen

Im Lau­fe der Jahr­hun­der­te hat sich ein rei­ches Brauch­tum um das Fest des Hei­li­gen Ni­ko­laus ent­wi­ckelt. Pfar­rer Klaus Hurtz er­klärt, war­um wir Ri­ten und Kon­stan­ten in un­se­rem Le­ben brau­chen und schät­zen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON KLAUS HURTZ DER AU­TOR IST PFAR­RER VON ST. MA­RI­EN RHE­YDT.

In zwei Ta­gen fei­ern wir den Hei­li­gen Ni­ko­laus, und wer ihn als Na­mens­pa­tron hat, be­sitzt gleich­sam die in­ne­re Ver­pflich­tung, von ihm zu er­zäh­len. Er war im 4. Jahr­hun­dert Bi­schof in der klei­nen Stadt My­ra, theo­lo­gi­sche Schrif­ten von ihm sind nicht über­lie­fert und sein Bis­tum ist längst in den Wir­ren der Welt­ge­schich­te un­ter­ge­gan­gen. Doch Ni­ko­laus leb­te so groß­her­zig, so un­kon­ven­tio­nell, so vor­bild­haft die Nächs­ten­lie­be, dass die Er­in­ne­rung an ihn von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben wur­de, und er bis zum heu­ti­gen Tag zu den be­kann­tes­ten und be­lieb­tes­ten Hei­li­gen zählt. Wo Er­in­ne­run­gen nicht nur den Kopf, son­dern das Herz er­fül­len, da blei­ben sie prä­sent!

Im Lau­fe der Jahr­hun­der­te hat sich ein rei­ches Brauch­tum um sein Fest ent­wi­ckelt, so war der Ni­ko­laus­abend der ur­sprüng­li­che Be­sche­rungs­tag, erst die Re­for­ma­ti­on ver­leg­te ihn in un­se­ren Brei­ten auf den Hei­lig­abend. Aber bis heu­te füllt der hl. Ni­ko­laus Strümp­fe, Stie­fel, Schu­he, Tel­ler mit Le­cke­rei­en und man­chen Über­ra­schun­gen. In frü­he­ren Zei­ten nah­men die Kin­der das Hei­sche­recht wahr und zo­gen an die­sem Tag von Hof zu Hof, um gu­te Ga­ben zu sam­meln. Er wur­de zum Pa­tron der Schü­ler, doch auch die Er­wach­se­nen schät­zen ihn als Hel­fer in der Not; be­son­ders die See­leu­te wis­sen sich bei ihm in gu­ten Hän­den. Dar­in liegt die ur­al­te Weis­heit: Wer im ir­di­schen Le­ben das Gu­te tut, der wird ge­wiss im Le­ben bei Gott da­mit nicht auf­hö­ren!

Doch nicht nur das Ni­ko­laus­fest schenkt uns in die­sen Wo­chen al­te Tra­di­tio­nen und Ri­ten, ei­gent­lich ist der gan­ze Ad­vent mit Bräu­chen an­ge­füllt. Selbst in un­se­rer weiß Gott sä­ku­la­ri­sier­ten Ge­sell­schaft ha­ben in die­sen Ta­gen un­se­re Back­öfen Hoch­be­trieb, wer­den wie je­des Jahr Woh­nun­gen und Häu­ser fest­lich de­ko­riert, be­su­chen wir tra­di­tio­nell die Weih­nachts­märk­te, ent­zün­den wir uns al­le Jah­re wie­der die Ker­zen der Ad­vents­krän­ze. Wir ma­chen es, weil wir (das Wort ver­rät es!) Bräu­che brau­chen, denn sie tun der See­le gut!

Aber war­um ist das so? Be­reits 1956 for­mu­lier­te kein Ge­rin­ge­rer als der Schöp­fer des „Klei­nen Prin­zen“, An­toi­ne de Saint-Exu­pé­ry, in sei­nem Buch „Die Stadt in der Wüs­te“: „Und die Ri­ten sind in der Zeit, was das Heim im Rau­me ist.“Da­mit lenkt er das Au­gen­merk auf ei­nen wich­ti­gen Um­stand in un­se­rem Le­ben; für ei­ne gu­te Ent­wick­lung be­nö­ti­gen wir nicht nur die Ge­bor­gen­heit, den Schutz und die Si­cher­heit ei­nes Hei­mes, son­dern auch die Er­fah­rung, dass in al­lem Wan­del und Wech­sel der Zeit Kon­stan­ten vor- han­den sind. Wir brau­chen den Rhyth­mus des Wie­der­keh­ren­den, der uns ver­traut ist und im­mer ver­trau­ter wird, da­mit wir Halt und Si­cher­heit er­fah­ren!

Zu­dem schafft je­des ge­leb­te Brauch­tum Ge­mein­schaft! Selbst wenn man ein­sam vor sei­nem Ad­vents­kranz sit­zen soll­te, so ist man nicht al­lein, denn man ist mit all je­nen ver­bun­den, die das­sel­be tun; das Licht der Ad­vents­ker­zen fällt im­mer auf ein Wir! Und die­ses Wir gilt nicht nur für das Hier und Jetzt, son­dern um­fasst auch frü­he­re Ge­ne­ra­tio­nen. Denn es liegt im Be­griff der Tra­di­ti­on, dass man et­was über­nom­men hat, was lan­ge vor uns un­se­re Ah­nen schon leb­ten. Auf die­se Wei­se reicht un­se­re Ver­bun­den­heit tief in die Ver­gan­gen­heit zu­rück, und lässt uns un­se­re Her­kunft wahr­neh­men. Da­mit wächst wie­der­um un­se­re Iden­ti­tät, denn nur wo wir um un­se­re Wur­zeln wis­sen, kön­nen wir dem ei­ge­nen Ich auf die Spur kom­men!

Doch das Zitat von Saint-Exu­pé­ry geht noch wei­ter: „Denn es ist gut, wenn uns die ver­rin­nen­de Zeit nicht als et­was er­scheint, das uns ver­braucht und zer­stört wie die Hand voll Sand, son­dern als et­was, das uns voll­endet.“Wir le­ben nicht, um ir­gend­wann zu ster­ben, son­dern um der Voll­en­dung zu­zu­stre­ben! Da­zu brau­chen wir Ri­ten, Bräu­che, Tra­di­tio­nen, sie hel­fen den Sinn un­se­res Seins zu er­schlie­ßen. Des­halb soll­ten wir uns durch nichts und nie­man­den be­ir­ren las­sen und un­ser Brauch­tum le­ben! Üb­ri­gens ist heu­te Bar­ba­ra-Tag, den­ken wir an die Bar­ba­ra­zwei­ge!

11.15 Kin­dergd.

Kin­dergd.

BILD: DPA

Der hei­li­ge Ni­ko­laus. Ein Fres­ko aus dem 13. Jahr­hun­dert.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.