Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Was ist denn an Ba­kers­field so toll?“„Dass ich dich da ab­ho­le – das reicht doch, oder?“, sag­te Ju­dy, und dann war es aus und vor­bei mit der un­per­sön­li­chen Art, und der wah­re John Tho­mas Finch for­der­te sein Recht ein, er er­klär­te, er kön­ne es nicht fas­sen, ein­fach nicht fas­sen, dass ihm et­was so Wun­der­ba­res pas­siert sei. Er ha­be das den gan­zen Tag im­mer wie­der ge­dacht, vol­ler De­mut.

„Ja, ich weiß“, sag­te Ju­dy sehr lei­se, „mir geht es ge­nau­so.“Ich konn­te mir vor­stel­len, wie sie sich erst im Zim­mer um­schau­te, um sich zu ver­ge­wis­sern, dass ich nicht zu­rück­ge­kom­men war, ehe sie et­was so In­ti­mes sag­te wie die­ses Ja, ich weiß.

Ich hat­te ge­nug ge­hört – ei­gent­lich konn­te ich jetzt auf­le­gen und sie die Rech­nung al­lein in die Hö­he trei­ben las­sen. Aber ich leg­te nicht auf, denn was Ju­dy als Nächs­tes sag­te, und auch wie sie es sag­te, ließ mich auf­hor­chen.

„Jack – Cass ist vor­hin ge­kom­men.“

„Ach ja? Ich dach­te, sie kommt erst mor­gen.“

„Das war der Plan, aber sie heu­te schon ge­kom­men.“

Ich war sehr froh, dass ich nicht auf­ge­legt hat­te. Sonst hät­te ich näm­lich nicht er­fah­ren, dass Ju­dith ihm nichts von ih­ren zahl­lo­sen Ver­su­chen er­zählt hat­te, mich te­le­fo­nisch zu er­rei­chen und mir zu sa­gen, ich sol­le frü­her nach Hau­se kom­men.

„Es war wirk­lich selt­sam“, sag­te Ju­dith in ei­nem fast tas­ten­den Ton, „nach­dem du ge­fah­ren warst, ha­be ich bei ihr in Ber­ke­ley an­ge­ru­fen, um sie zu fra­gen, ob sie nicht heu­te schon kom­men kön­ne. Ich dach­te, es wä­re doch nett, sie hier zu ha­ben,

ist wäh­rend ich auf dich war­te. Ein biss­chen Zeit zum Plau­dern zu ha­ben, ver­stehst du?“„Ja.“„Na ja, ich ha­be sie den gan­zen Tag nicht er­reicht, und vor­hin war sie plötz­lich da. Das ist doch ge­spens­tisch, oder?“

„Da ha­be ich schon Ge­spens­ti­sche­res ge­hört. Wie geht’s ihr denn?“„Sie sieht um­wer­fend aus.“„So wie du?“„Oh nein, über­haupt nicht. Wir äh­neln uns ei­gent­lich gar nicht, nur äu­ßer­lich. Zum Bei­spiel ist sie echt hel­le.“„Und du bist blitz­ge­scheit.“Ich nahm den Hö­rer in die an­de­re Hand und trank ei­nen Schluck, wäh­rend sie ver­han­del­ten, wer nun hel­le und wer blitz­ge­scheit war. Für mich klan­gen sie bei­de nicht son­der­lich ge­scheit – eher wie zwei Te­enager, die nicht auf­hö­ren wol­len zu te­le­fo­nie­ren. Al­ler­dings bei ei­nem Fern­ge­spräch, und das war nun al­les an­de­re als ge­scheit. Wo­bei ich na­tür­lich nicht wuss­te, ob John T.?Finch sich das leis­ten konn­te. Nie­mand hat­te es für nö­tig ge­hal­ten, mich dar­über auf­zu­klä­ren, ob er ein am Hun­ger­tuch na­gen­der oder ein gut si­tu­ier­ter Me­di­zin­stu­dent war; je­den­falls war sei­ne Ver­lob­te auf­rich­tig zu ihm – er soll­te nicht glau­ben, dass ich ein­fach so her­ein­ge­schneit war, ob­wohl ich ei­gent­lich ge­nau das ge­tan hat­te, und es wä­re ei­gent­lich auch nicht nö­tig ge­we­sen, die ge­nau­en Um­stän­de mei­nes frü­he­ren Nach­hau­se­kom­mens zu er­läu­tern, schon gar nicht so, wie sie es ge­tan hat­te, als zwän­ge sie sich, ihm die prä­zi­sen Fak­ten zu ver­mit­teln. Ich konn­te mir nicht vor­stel­len, war­um sie das tat, es sei denn, sie hat­ten sich, schon be­vor sie nach Hau­se ge­kom­men wa­ren oder mich zur Hoch­zeit ein­ge­la­den hat­ten, aus­führ­lich über mich un­ter­hal­ten und be­schlos­sen, wie sie mit mir um­ge­hen wür­den. Aber das glaub­te ich nicht. Ju­dith war ein­fach mehr als ehr­lich, wie ge­wohnt. Das wur­de mir im nächs­ten Mo­ment klar, als sie John Tho­mas Finch frag­te, ob er viel­leicht mit mir spre­chen wol­le, und er sag­te, sehr gern, sie sol­le mich ans Te­le­fon ho­len.

Da­mit hat­te ich nicht ge­rech­net, und ich ge­riet in ge­lin­de Pa­nik. Jetzt wür­de die Fra­ge sein: Wo war ich? Und da war ich mir selbst nicht so si­cher. Die gro­ße Her­aus­for­de­rung be­stand zu­nächst mal dar­in, oh­ne Kli­cken auf­zu­le­gen. Ich stell­te mein Glas auf den Nacht­tisch, wech­sel­te den Hö­rer wie­der in die rech­te Hand, stand auf und senk­te ihn sehr, sehr be­hut­sam hin­ab. Aber es lief nicht gut. Ich zit­ter­te et­was, al­so hob ich ihn wie­der hoch, ehe er auf­traf, und be­gann von Neu­em. Durch die Hör­mu­schel hör­te ich, wie Ju­dith nach mir rief, ich sol­le kom­men und mit Jack spre­chen, und dies­mal senk­te ich den Hö­rer auf die Ga­bel, soll­te es doch kli­cken, wenn es nicht an­ders ging, dann griff ich nach mei­nem Drink, ver­ließ Gran­nys Zim­mer und ging durch den Flur in ihr ge­gen­über­lie­gen­des Ba­de­zim­mer.

Ich mach­te die Tür hin­ter mir zu, lehn­te mich da­ge­gen und spür­te, wie Hit­ze­wel­len mei­nen Kör­per durch­lie­fen, von den Fer­sen zum Kopf und wie­der zu­rück – ein Ge­fühl, wie wenn es ei­nen kalt über­läuft, nur eben heiß. Das ein­zi­ge Licht im Bad kam von drau­ßen, durchs Fens­ter. Ich konn­te Gran­nys Hand­tü­cher und ih­ren Dusch­vor­hang er­ken­nen. Ich über­leg­te an­ge­strengt, oder ver­such­te es zu­min- dest, wo man mich wohl am bes­ten an­tref­fen soll­te. Nicht in Gran­nys Schlaf­zim­mer, wo das zwei­te Te­le­fon stand, so viel war klar, aber wo sonst? In un­se­rem Zim­mer, beim Aus­pa­cken. Doch um dort­hin zu ge­hen, blieb mir nicht ge­nug Zeit. Ich hat­te kei­ne an­de­re Wahl, als hier­zu­blei­ben, in Gran­nys dunk­lem Bad. Ich war im­mer noch bar­fuß, al­so stieg ich in die Ba­de­wan­ne und zog den Dusch­vor­hang zu, und da stand ich nun, mei­nen Drink in der Hand, die Fü­ße auf dem küh­len Email­le. Ich mein­te, mei­nen Na­men, Ju­diths Stim­me zu hö­ren, mal nä­her, mal fer­ner. Ich hör­te so­gar, wie die Tür zum Flur auf- und wie­der zu­ging, und dann nichts mehr, und nun kam ich mir doch et­was ex­zen­trisch vor, wie ich da voll­stän­dig be­klei­det in der Ba­de­wan­ne mei­ner Groß­mut­ter stand, mit ei­nem Drink in der Hand und nichts als ei­nem Dusch­vor­hang zwi­schen mir und mei­ner Ent­lar­vung. Aber­wit­zig, doch ich blieb dort ste­hen und be­dach­te mei­ne La­ge, bis mir vor Au­gen trat, wie ich dort über­haupt hin­ge­langt war, ein Flücht­ling in mei­nem ei­ge­nen Zu­hau­se, in die­ses Ver­steck ge­trie­ben durch ei­ne fern­münd­lich be­trie­be­ne Ver­schwö­rung; und als ich das Gan­ze so be­trach­te­te, er­schien es mir ge­recht­fer­tigt, mich auf je­de nur denk­ba­re Wei­se zu schüt­zen.

Ich wusch mir ge­ra­de das Ge­sicht, als es an der Tür klopf­te. Das Licht war an, der Dusch­vor­hang ans En­de der Stan­ge ge­scho­ben, mein Drink stand auf dem Wasch­tisch, und ich hat­te das Was­ser auf­ge­dreht und beug­te mich übers Be­cken.

(Fort­set­zung folgt)

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