Mö­ge die Macht mit ih­nen sein

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON DOROTHEE KRINGS

DÜSSELDORF Man muss nur die ers­ten Se­kun­den ei­ner „Star Wars“-Epi­so­de schau­en, um zu er­ken­nen, dass Ge­or­ge Lu­cas nicht ir­gend­ei­ne Sci­ence-Fic­tion-Se­rie ge­schaf­fen hat: „Es war ein­mal vor lan­ger Zeit in ei­ner weit, weit ent­fern­ten Ga­la­xis. . .“, heißt es erst mär­chen­haft. Dann zie­hen in schwe­ren Blö­cken gel­be Schrift­zei­chen ins Bild, als wür­den Text­ta­feln ins Uni­ver­sum ge­scho­ben. Im An­fang ist das Wort, dann erst fol­gen die Bil­der, die ei­nen schein­bar ur­al­ten My­thos, ei­ne ge­wich­ti­ge Über­lie­fe­rung in die Ge­gen­wart trans­por­tie­ren und sie auf­be­rei­ten für das di­gi­ta­le Zeit­al­ter.

„Star Wars“ist ein Sci­ence-Fic­tionE­pos, das aus vor­mo­der­nen Zei­ten zu stam­men scheint, ein post­mo­der­ner Hy­brid aus öst­li­chen Phi­lo­so­phi­en und west­li­cher Tech­nik­gläu­big­keit, er­zählt ent­lang des klas­si­schen Mus­ters ei­ner Hel­den­rei­se. Haupt­fi­gur Lu­ke Sky­wal­ker muss in der Ker­n­er­zäh­lung der Sa­ga die ver­trau­te Hei­mat ver­las­sen, ein ech­ter Je­di-Rit­ter wer­den, Aben­teu­er be­ste­hen und am En­de wie Ödi­pus den ei­ge­nen Va­ter tö­ten, um ganz er selbst zu wer­den. Das er­füllt Mus­ter der grie­chi­schen My­tho­lo­gie wie der Psy­cho­ana­ly­se, ist zu­gleich ei­ne ur­al­te Ge­schich­te und ein mo­der­ner Pro­zess der Selbst­fin­dung.

„Star Wars“er­zählt von au­ßer­ge­wöhn­li­chen Men­schen, die ih­re dunk­len Lei­den­schaf­ten zäh­men, die an ih­rem Selbst ar­bei­ten, da­mit die gu­te Kraft durch sie wir­ken kann. So wirkt die Ge­schich­te nicht wie fan­tas­ti­scher Ko­ko­lo­res, son­dern wie ge­schrie­ben für die Ge­gen­wart: „Star Wars“ist ein My­thos der Selbst­op­ti­mie­rung, ein Hym­nus auf das In­di­vi­du­um, das an sich ar­bei­ten, mit den Kräf­ten der Na­tur in Ver­bin­dung tre­ten und eben doch die Welt ver­än­dern kann. Dar­an glaubt man gern in Zei­ten tie­fer Ent­frem­dung zwi­schen Mensch und Na­tur; und in ei­ner so­zia­len Wirk­lich­keit, in der sich der Ein­zel­ne oft als ohn­mäch­ti­ger Winz­ling im Ge­trie­be emp­fin­det und im Über­an­ge­bot der Wel­t­an­schau­un­gen nach ver­läss­li­chen Re­geln sucht.

Die Je­di-Rit­ter le­ben in ei­nem Uni­ver­sum, in dem Gut und Bö­se klar ge­trennt sind. Das Schlech­te lässt sich so­gar lo­ka­li­sie­ren, es ballt sich auf dem To­des­stern. Da­zu sind die Re­geln ih­res Ver­hal­tens­ko­dex ein­deu­tig, nie wir­ken die Je­di ori­en­tie­rungs­los. Sie kämp­fen mit High­tech-Aus­rüs­tung und der Kraft ih­rer Kon­zen­tra­ti­on, sind Raum­fah­rer und bud­dhis­ti­sche Mön­che. Sie zäh­len zu ei­ner men­ta­len Eli­te, de­ren po­si­ti­ves Kar­ma ob­jek­tiv mess­bar ist, durch Par­ti­kel in ih­rem Blut. Und so wer­den sie zu mo­der­nen Gu­rus mit zeit­ge­mä­ßer Mis­si­on – zu Ver­tei­di­gern der Frei­heit, der Ver­nunft, der Auf­klä­rung.

Das al­les er­gibt ei­ne qua­si-re­li­giö­se Er­zäh­lung, die ei­ner total er­nüch­ter­ten, sä­ku­la­ri­sier­ten Welt ei­nen neu­en My­thos be­schert. In „Star Wars“gibt es kei­ne per­so­na­li­sier­te Gott­heit, an der die ra­tio­na­len Er­klä­run­gen der Wis­sen­schaft, der Tech­nik, der mo­der­nen Welt schei­tern müss­ten. Es gibt nur die „Force“, die Kraft des Geis­tes und des Wil­lens. Und selbst die soll kei­nen phy­si­ka­li­schen Ge­set­zen wi­der­spre­chen. Viel­mehr wird sie als mess­bar dar­ge­stellt durch „Midi-Chlo­ria­ner“, kleins­te Or­ga­nis­men, die sich in Blut­pro­ben nach­wei­sen las­sen und da­mit Bio­lo­gie, Phy­sik und New-AgeVor­stel­lun­gen von ei­ner gu­ten Macht in al­lem Le­ben­di­gen ver­ei­nen.

Und dann er­tö­nen die Fan­fa­ren. Das tri­um­pha­le Leit­mo­tiv der gu­ten Kräf­te sug­ge­riert, dass am En­de doch die Rich­ti­gen sie­gen wer­den, dass sich selbst in der von Ge­or­ge Lu­cas und sei­nen Mi­t­au­to­ren so bunt be­völ­ker­ten rie­si­gen Ga­la­xie al­les zum Gu­ten fü­gen wird. Mag der Schur­ke Darth Va­der noch so un­mensch­lich aus der schwar­zen Mas­ke at­men und sei­ne Krie­ger noch so mar­tia­lisch in Reih und Glied mar­schie­ren, der Grund­ton von „Star Wars“ist Op­ti­mis­mus.

Und so ist die Sehn­sucht nach den Ster­nen groß, über­schla­gen sich jetzt schon die Meldungen der Ki­no­be­trei­ber. Ob­wohl die sieb­te Epi­so­de der Rei­he erst am 17. De­zem­ber in die Ki­nos kommt, wer­den Kar­ten für die Mit­ter­nachtsp­re­mie­ren man­cher­orts be­reits knapp. Über 50 Mil­lio­nen Dol­lar wur­den al­lein in den USA mit Vor­re­ser­vie­run­gen für das ers­te Wo­che­n­en­de ein­ge­nom­men. Ex­per­ten er­war­ten, dass die­se Sum­me auf 100 Mil­lio­nen klet­tern wird. Die Fans wol­len wis­sen, wie es wei­ter­geht mit ei­ner Ge­schich­te, die im Kern, den Epi­so­den IV bis VI von der Er­we­ckung ei­nes jun­gen Hel­den be­rich­tet. Die im zwei­ten Schritt, den Epi­so­den I bis III, um die Ah­nen­ge­schich­te die­ses Hel­den aus­ge­baut wur­de und nun mit ei­ner wei­te­ren Tri­lo­gie fort­ge­spon­nen wird.

Das folgt dem Prin­zip des se­ri­el­len Er­zäh­lens, das auch die aus­la­den­den Ge­schich­ten von „Herr der Rin­ge“, „Har­ry Pot­ter“oder „Die Tri­bu­te von Pa­nem“er­folg­reich ge­macht hat. Das Se­ri­el­le be­dient das Ur­be­dürf­nis des Men­schen, Kau­sal­ket­ten zu bil­den und dem chao­ti­schen Da­sein er­zähl­ba­re Hand­lun­gen ab­zu­rin­gen, ein Da­vor und Da­nach zu kon­stru­ie­ren, das nicht will­kür­lich zu­sam­men­hängt – son­dern sinn­voll.

Es schenkt dem Ein­zel­nen ein Ge­fühl von Si­cher­heit, sich in gro­ße My­then zu stel­len, sich auf­ge­ho­ben zu wis­sen in ei­ner Tra­di­ti­on. Das funk­tio­niert so­gar mit jun­gen Gro­ßer­zäh­lun­gen des PopZeit­al­ters, wenn dar­in die Wer­te, Hoff­nun­gen und Ängs­te der Ge­gen­wart so bruch­los ein­ge­spon­nen wer­den, wie es Ge­or­ge Lu­cas ge­lun­gen ist. Im­mer­hin hat sei­ne Er­zäh­lung auch schon 1976 be­gon­nen, die Ge­ne­ra­ti­on der heu­te um die 40-Jäh­ri­gen ist mit ihr auf­ge­wach­sen, wird mit je­der Epi­so­de Er­eig­nis­se in der ei­ge­nen Bio­gra­fie ver­bin­den. Das macht Zu­schau­er zu Fans, zu „Star Wars“-Jün­gern, die jetzt schon ver­su­chen, aus den Trai­lern die Hand­lung von Epi­so­de VII ab­zu­le­sen. Sie deu­ten die ers­ten Schnip­sel der nächs­ten Über­lie­fe­rung und freu­en sich auf die Ki­no-Wei­he­stun­de des Jah­res. Mö­ge der Spaß mit ih­nen sein.

Die Je­di-Rit­ter sind ei­ne men­ta­le Eli­te, Raum­fah­rer und bud­dhis­ti­sche Mön­che zu­gleich

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