Mu­ham­mad war­tet auf sein neu­es Le­ben

Der 17-jäh­ri­ge Sy­rer ist oh­ne El­tern nach Deutsch­land ge­flo­hen. Er lebt der­zeit in ei­ner Turn­hal­le – und fragt sich, wann es für ihn end­lich wei­ter­geht. Die un­be­glei­te­ten Flücht­lin­ge wer­den jetzt auf al­le Kom­mu­nen in NRW ver­teilt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON AR­NE LIEB

DÜSSELDORF Mu­ham­mad traf auf sei­ner Flucht ei­nen gro­ßen Sol­da­ten mit blau­en Au­gen. Der be­wach­te ein La­ger in Ma­ze­do­ni­en, und er schlug so­fort zu, wenn Mu­ham­mad und die an­de­ren sich nicht auf dem Bo­den zu­sam­men­kau­er­ten. Das war nur ei­ne von vie­len dra­ma­ti­schen Si­tua­tio­nen, die der Ju­gend­li­che erlebt hat. Mit ei­nem Boot brach­ten ihn Schleu­ser il­le­gal über die Gren­ze nach Grie­chen­land. Dort wur­de er fest­ge­nom­men, irr­te nach sei­ner Frei­las­sung we­ni­ge St­un­den spä­ter ei­ne Nacht lang durch ei­nen Wald. Er hat auch vie­le chao­ti­sche Sze­nen auf über­füll­ten Bahn­hö­fen auf dem Bal­kan erlebt. Im Ge­drän­gel hat er

Mu­ham­mad sich fest­klam­mert, da­mit er die Fa­mi­lie nicht ver­liert, der er sich auf der Flucht an­ge­schlos­sen hat­te.

Der 17-jäh­ri­ge Sy­rer ist als un­be­glei­te­ter min­der­jäh­ri­ger Flücht­ling ge­kom­men. Das Fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um schätzt, dass in NRW in­zwi­schen 10.000 Kin­der und Ju­gend­li­che le­ben, die oh­ne ih­re El­tern ge­flo­hen sind. Sie sol­len laut Ge­setz so be­treut und ge­för­dert wer­den wie al­le an­de­ren Her­an­wach­sen­den. Erst wenn sie 18 Jah­re alt sind, stellt sich die Fra­ge, ob sie blei­ben dür­fen.

Mu­ham­mad sagt, er hat­te viel Angst. Aber wenn man ihn fragt, ob er die Ent­schei­dung be­reut, nach Deutsch­land ge­flo­hen zu sein, muss er kei­ne Se­kun­de über­le­gen. „Ich wür­de es so­fort wie­der tun.“

Der jun­ge Sy­rer hat es jetzt an sein Ziel ge­schafft – oder zu­min­dest ist er na­he dar­an. Er lebt mit 19 an­de­ren männ­li­chen Ju­gend­li­chen in ei­ner Turn­hal­le in Düsseldorf. Dort hat die Ar­bei­ter­wohl­fahrt ei­ne Not­un­ter­kunft ein­ge­rich­tet, weil die Ju­gend­ein­rich­tun­gen in­zwi­schen über­füllt sind. Er teilt sich mit ei­nem an­de­ren Sy­rer ei­nen Zelt­pa­vil­lon, der für et­was Pri­vat­sphä­re sor­gen soll. Nun war­tet er dar­auf, dass sein neu­es Le­ben in Deutsch­land rich­tig be­ginnt.

Bis­lang galt die Re­gel: Die Kom­mu­ne, in der ein ju­gend­li­cher Flücht­ling auf­ge­grif­fen wird, ist für sei­ne Be­treu­ung zu­stän­dig. Als Fol­ge küm­mer­ten sich die Ju­gend­äm­ter von sie­ben Städ­ten, dar­un­ter Köln, Dort­mund, Aa­chen und Düsseldorf, um 85 Pro­zent der Flücht­lin­ge – und sind völ­lig über­las­tet.

Um die La­ge zu ent­span­nen, sol­len die Kin­der und Ju­gend­li­chen nun auf al­le Kom­mu­nen ver­teilt wer­den. Der Land­tag hat ges­tern das Aus­füh­rungs­ge­setz be­schlos­sen. Seit 1. No­vem­ber gibt es da­für ei­nen „Pro­be­lauf“. Seit­dem ha­ben prak­tisch al­le Ju­gend­äm­ter in NRW un­be­glei­te­te Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men, nur noch rund die Hälf­te be­fin­det sich in den sie­ben be­son­ders ge­for­der­ten Städ­ten. Auch Mu­ham- mad könn­te al­so in den kom­men­den Wo­chen in ei­ne an­de­re Stadt um­zie­hen müs­sen.

Er er­zählt sei­ne Ge­schich­te auf Ara­bisch, denn er spricht bis­lang nur ein paar Bro­cken Deutsch. Mu­ham­mad ist freund­lich, lacht viel, die Be­treu­er schät­zen ihn. Manch­mal lacht er aber auch über Sa­chen, die gar nicht lus­tig sind, son­dern viel­leicht ein­fach so un­glaub­lich. Zum Bei­spiel, wie er an dem Bahn­hof in Grie­chen­land fest­ge­nom­men wur­de und in ei­ner en­gen Zel­le lan­de­te – und das, ob­wohl er sich ex­tra sei­ne schicks­ten Sa­chen an­ge­zo­gen hat­te, um nicht wie ein Flücht­ling zu wir­ken. Und manch­mal sagt er Sa­chen, die für ei­nen 17-Jäh­ri­gen sehr ernst sind: „Ich woll­te nach Deutsch­land ge­hen, weil ich für mein Le­ben ver­ant­wort­lich bin.“

Mu­ham­mad stammt aus Alep­po. Er ist der Sohn ei­nes Buch­hal­ters. Bis zur neun­ten Klas­se be­such­te er die Schu­le, sein Lieb­lings­fach war Ma­the­ma­tik. Dann kam der Krieg. Ei­ne Bom­be traf die Schu­le. Die Fa­mi­lie floh, erst in ihr Fe­ri­en­haus, dann wei­ter weg aufs Land. Vor rund zwei Jah­ren ent­schied die Fa­mi­lie, dass Mu­ham­mad Sy­ri­en ver­las­sen soll. Er soll­te ei­ne Per­spek­ti­ve ha­ben. Ein Bru­der wohn­te be­reits in Istanbul, Mu­ham­mad fuhr zu ihm. Er ar­bei­te­te für zwei Jah­re in ei­ner Tex­til­fa­brik, sie leb­ten zu fünft in ei­nem Zim­mer. „Das ist kei­ne Per­spek­ti­ve“, sagt Mu­ham­mad.

Ei­ne Per­spek­ti­ve will er nun in Deutsch­land fin­den. Er will die Spra­che ler­nen, ei­nen Schul­ab­schluss ma­chen, Me­di­zin stu­die­ren. Aber das neue Le­ben lässt auf sich war­ten. Seit zwei Mo­na­ten lebt er in der Not­un­ter­kunft. Zwei Mal in der Wo­che fährt er zum Deutsch­un­ter­richt. In der Schu­le ist er noch im­mer nicht, ob­wohl er ei­gent­lich ei­nen An­spruch dar­auf hät­te.

Nicht nur Mu­ham­mad hat ei­ne dra­ma­ti­sche Ge­schich­te mit Krieg und Flucht erlebt, son­dern auch die an­de­ren Ju­gend­li­chen in der Turn­hal­le. Ei­ner sei­ner Mit­be­woh­ner lei­det un­ter Bom­ben­ver­let­zun­gen, vie­le sind nach der Flucht ent­kräf­tet. Man­che sind schwer trau­ma­ti­siert und in psy­cho­lo­gi­scher Be­hand­lung. Deutsch zu ler­nen fällt Mu­ham­mad leich­ter als vie­len an­de­ren, denn das Schul­sys­tem in Sy­ri­en war mal gut. Mit den un­be­glei­te­ten Flücht­lin­gen kom­men vie­le Her­aus­for­de­run­gen auf die Kom­mu­nen zu. Beim Mi­nis­te­ri­um spricht man von „he­te­ro­ge­nen Be­dürf­nis­sen“, auf die man sich ein­stel­len müs­se.

Mu­ham­mad will sich aber ge­ra­de ei­gent­lich nicht mit Pro­ble­men be­schäf­ti­gen, hat man den Ein­druck. Nicht da­mit, dass er we­nig von der Fa­mi­lie in der Hei­mat hört. Auch nicht da­mit, dass es noch ein wei­ter Weg wer­den wird von den ers­ten Sät­zen in Deutsch bis zum Dok­tor­ti­tel. Er ist ent­schlos­sen, das bes­se­re Le­ben in Deutsch­land zu fin­den, von dem er träumt. Kürz­lich hat Mu­ham­mad sich bei sei­nem Vor­mund be­klagt, dass es nach all den Wo­chen in der Not­un­ter­kunft nicht vor­an geht. „Ich bin nicht zum Spaß hier“, hat er ihm ge­sagt.

„Ich woll­te nach Deutsch­land ge­hen, weil ich für mein Le­ben ver

ant­wort­lich bin“

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