Die un­wahr­schein­li­che Kar­rie­re der Saw­san Cheb­li

Sie ist als pa­läs­ti­nen­si­sches Flücht­lings­kind in Ber­lin auf­ge­wach­sen – jah­re­lang war sie nur ge­dul­det. Heu­te ist sie Spre­che­rin des Au­ßen­mi­nis­ters. Die Ge­schich­te ei­ner er­folg­rei­chen In­te­gra­ti­on.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON DOROTHEE KRINGS

Manch­mal wird sie noch für die Über­set­ze­rin ge­hal­ten. Dann wun­dern sich die Gast­ge­ber, wenn Saw­san Cheb­li am Ver­hand­lungs­tisch Platz nimmt, ne­ben Frank-Wal­ter St­ein­mei­er, dem deut­schen Au­ßen­mi­nis­ter, ih­rem Chef. Die zier­li­che jun­ge Frau ist zwei­te Spre­che­rin des höchs­ten deut­schen Di­plo­ma­ten. Und wenn er in an­de­ren Län­dern deut­sche In­ter­es­sen ver­tritt, wenn er im Ukrai­ne-Kon­flikt ver­mit­telt oder in den Kri­sen­re­gio­nen des Na­hen Os­tens nach Ver­hand­lungs­we­gen sucht, ist sie da­bei. Am Puls der Zeit – ein Traum­job für ei­ne jun­ge Po­li­to­lo­gin. Erst recht für ei­ne, die 15 Jah­re ih­res Le­bens staa­ten­los ge­we­sen ist.

Saw­san Cheb­li (35) ist als Flücht­lings­kind mit pa­läs­ti­nen­si­schen Wur­zeln im Ber­li­ner Ar­bei­ter­vier­tel Moabit auf­ge­wach­sen. Rau­es Pflas­ter. Im Ber­li­ner So­zi­al­be­richt läuft Moabit un­ter Pro­blem­kiez, ho­he Ar­beits­lo­sig­keit, ver­brei­te­te Kin­der­ar­mut, das be­kann­tes­te Ge­bäu­de des Stadt­teils ist das Ge­fäng­nis. Cheb­li hat sechs Brü­der und sechs Schwes­tern, die Fa­mi­lie kam aus ei­nem Flücht­lings­la­ger im Li­ba­non nach Deutsch­land, war jah­re­lang nur ge­dul­det. Ab­schie­bung je­der­zeit mög­lich. So muss­te sich die Groß­fa­mi­lie ein­rich­ten mit der Angst.

„Die Un­ge­wiss­heit war das Schlimms­te“, hat Cheb­li ein­mal ge­sagt. Dass sie es aus den pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen ei­ner we­nig will­kom­me­nen Flücht­lings­fa­mi­lie ins Au­ßen­mi­nis­te­ri­um ge­schafft hat, ist ein Wun­der – ein Er­eig­nis ge­gen al­le Wahr­schein­lich­keit. Dar­um wird sie manch­mal in Sen­dun­gen ein­ge­la- den, in de­nen es um In­te­gra­ti­on geht. Dann soll die Spre­che­rin über sich selbst spre­chen, über das, was ihr half auf ih­rem Weg. Sie tut das nicht gern, aber sie weiß, dass es wich­tig ist, ih­re Ge­schich­te zu er­zäh­len, weil das Land Frau­en wie sie braucht.

Sie selbst hat­te kein weib­li­ches Vor­bild für ih­re Kar­rie­re. Sie hat­te nur ih­ren Wil­len – und schon als Ju­gend­li­che die­se Neu­gier auf Po­li­tik. „Ich ha­be ja am ei­ge­nen Leib er­fah­ren, wie sehr Po­li­tik Ein­fluss auf das Le­ben neh­men kann.“Auch das hat sie mal ge­sagt. Und dass sie ehr­gei­zig sei, Ehr­geiz al­lein aber nicht rei­che. „Ich hat­te ein gu­tes Fun­da­ment zu Hau­se, El­tern und Ge­schwis­ter, die mich lie­ben, die mich im­mer ge­pusht ha­ben, weil sie woll­ten, dass ich mehr aus un­se­rem Le­ben ma­che – mei­ne Fa­mi­lie hat mir viel zu­ge­traut.“

Cheblis El­tern ha­ben Deutsch­land als An­alpha­be­ten er­reicht. In den 80er Jah­ren wur­de der Va­ter ein­mal ab­ge­scho­ben, muss­te zu­rück in den Li­ba­non. Ei­ne Zeit lang war das ein­bür­ge­rungs­po­li­ti­sche Pra­xis: Der Staat be­wil­lig­te die Asyl­an­trä­ge von Frau­en und Kin­dern, die der Vä­ter nicht. Da­hin­ter stand das Kal­kül, mit der Ab­schie­bung der Er­näh­rer ir­gend­wann die ge­sam­te Fa­mi­lie los­zu­wer­den. Doch die Cheblis hiel­ten auch oh­ne Va­ter durch, sechs Mo­na­te, dann hat­te er sich nach Ber­lin zu­rück­ge­kämpft. Und da­nach ging plötz­lich al­les ganz schnell: 1993 wur­de die Fa­mi­lie ein­ge­bür­gert. Und für Saw­san, die da­mals 15-Jäh­ri­ge, öff­ne­ten sich gera- de noch recht­zei­tig die To­re zu den hö­he­ren Bil­dungs­we­gen.

Schon in der Grund­schu­le war sie Klas­sen­bes­te, ob­wohl sie die Spra­che ih­rer Leh­rer erst ler­nen muss­te. Da­heim wur­de nur Ara­bisch ge­spro­chen. Spie­lend schaff­te sie es aufs Gym­na­si­um, und als sie in der Mit­tel­stu­fe an zwei Leh­rern zu schei­tern droh­te, die fan­den, dass ein Flücht­lings­mäd­chen nicht auf die „hö­he­re Schu­le“ge­hö­re, egal wie in­tel­li­gent es ist, be­schloss sie selbst, die Schu­le zu wech­seln. Ih­re El­tern bat sie nur um die Un­ter­schrift. So ei­ne wie Cheb­li ist früh er­wach­sen. Und so ei­ne hat das Selbst­be­wusst­sein, es ge­gen al­le Er­war­tun­gen bis ins Au­ßen­mi­nis­te­ri­um zu schaf­fen. „Ich bin in zwei Wel­ten zu Hau­se, ha­be in zwei Kul­tu­ren Wur­zeln, und das ist gut“, sagt Cheb­li. Aber das Pen­deln zwi­schen der pa­läs­ti­nen­si­schen Groß­fa­mi­li­en­wirk­lich­keit ih­rer El­tern, in der die Er­in­ne­run­gen an das Flücht­lings­la­ger im Li­ba­non noch wach sind, und der deut­schen Rea­li­tät, die sie ab der Schul­zeit ken­nen­lern­te, war auch schwie­rig. „Es hat mich stark ge­macht, es hat aber auch an mir ge­zehrt“, sagt sie.

Es gab ei­ne Zeit, da hat die prak­ti­zie­ren­de Mus­li­ma Saw­san Cheb­li mit Deutsch­land ge­frem­delt. Das wa­ren die Mo­na­te, als Thi­lo Sar­ra­zin sein Buch „Deutsch­land schafft sich ab“auf den Markt brach­te und das Land, in dem sie sich so zu Hau­se fühl­te, an­fing, über den ge­ne­ti­schen Zu­sam­men­hang von In­tel­li­genz und na­tio­na­ler Her­kunft zu strei­ten. Doch Cheb­li hat sich nicht brem­sen

Saw­san Cheb­li las­sen. Sie stu­dier­te Po­li­tik­wis­sen­schaft in Ber­lin, Schwer­punkt In­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen, wur­de Mit­ar­bei­te­rin im Bun­des­tag, bald auch Bü­ro­lei­te­rin, da war sie Mit­te 20.

2010 wech­sel­te sie in den Ber­li­ner Se­nat, wur­de die ers­te Grund­satz­re­fe­ren­tin für in­ter­kul­tu­rel­le An­ge­le­gen­hei­ten bei In­nen­se­na­tor Ehrhart Kör­ting (SPD). Erst da fing sie an, das Un­ge­wöhn­li­che ih­res Wer­de­gangs wahr­zu­neh­men, denn auf ein­mal traf sie an­de­re Ein­wan­de­rer, die wis­sen woll­ten, wie sie es so weit ge­schafft hat­te. Sie för­der­te Pro­jek­te wie den Ver­ein Ju­ma. Das steht für „Jung, mus­li­misch, ak­tiv“und ist ein Netz­werk für Mus­li­me, die als Leis­tungs­trä­ger die deut­sche Ge­sell­schaft mit­ge­stal­ten wol­len – und ih­ren Glau­ben prak­ti­zie­ren. Auch in der jun­gen Grup­pe der Deut­schen Ge­sell­schaft für Aus­wär­ti­ge Po­li­tik en­ga­gier­te sie sich. So lern­te sie Mit­ar­bei­ter des Aus­wär­ti­gen Am­tes ken­nen. Als die Chan­ce kam, in die Be­hör­de zu wech­seln, wa­ren ihr die Men­schen nicht fremd. Und so wag­te sie den Sprung.

Bei ih­rem An­tritt in der Re­gie­rungs­pres­se­kon­fe­renz vor zwei Jah­ren be­schrieb sie wie üb­lich ih­ren Wer­de­gang und füg­te dann noch et­was hin­zu: „Ich wür­de mir wün­schen, dass wir ir­gend­wann mal da­hin­kom­men, dass es total nor­mal ist, dass je­mand wie ich ei­nen sol­chen Pos­ten in­ne­hat, oh­ne dass der re­li­giö­se oder eth­ni­sche Hin­ter­grund so her­vor­ge­ho­ben wird. Ich hof­fe, dass ich da­zu ei­nen Bei­trag leis­ten kann, und freue mich, füh­le mich ge­ehrt, hier zu sit­zen.“Saw­san Cheb­li, die ers­te Mus­li­ma in der Rie­ge der Au­ßen­amts­spre­cher, ist ei­ne Pio­nie­rin. Sie ar­bei­tet dar­an, dass das nicht so bleibt.

„Ich ha­be am ei­ge­nen Leib er­fah­ren, wie sehr Po­li­tik Ein­fluss auf das Le­ben neh­men kann“

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