Der Ad­vent kann uns nicht gleich­gül­tig las­sen

Wer wid­met sich in Zei­ten von Not, Krieg und Ver­trei­bung noch der Men­sch­wer­dung Got­tes? Der zwei­te Ad­vent kann uns ei­ne Ant­wort ge­ben: Er ist ein Zei­chen auch un­se­rer Ge­gen­wart.

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Es ist Krieg – oder auch: „‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg!“, wie es einst der Dich­ter Mat­thi­as Clau­di­us (1740–1815) in sei­ne un­fried­li­che, Welt hin­aus­ge­ru­fen hat. Un­se­re neu­er­li­che Kla­ge ist die glei­che und sie ist be­rech­tigt. Aber sie stimmt nicht ganz, weil der Krieg tat­säch­lich nie be­en­det war. Er hat sich in den zu­rück­lie­gen­den Jahr­zehn­ten nur im­mer sehr fern von uns und dann auch meist oh­ne uns er­eig­net. Krieg hat in der un­mit­tel­ba­ren Er­fah­rungs­welt der so­ge­nann­ten Nach­kriegs­ge­ne­ra­tio­nen bis­her nicht wirk­lich statt­ge­fun­den.

Wer mag in die­ser Zeit noch an Ad­vent den­ken? An die Wie­der­kunft Chris­ti, an die am zwei­ten Ad­vent er­in­nert wird – an den kom­men­den Er­lö­ser, wie es der Evan­ge­list Lukas er­zählt. Über 2000 Jah­re liegt das Er­eig­nis zu­rück, des­sen lan­ger nar­ra­ti­ver Schat­ten bis zu uns und in un­se­re Zeit hin­über­reicht. Schon das al- lein könn­te uns stau­nen ma­chen, dass näm­lich die Men­sch­wer­dung Got­tes nichts von ih­rer Fas­zi­na­ti­on ver­lo­ren hat. Bis heu­te sprengt das Er­eig­nis un­se­re nor­ma­len Vor­stel­lun­gen. Die über­lie­fer­te Wie­der­kunft Chris­ti bleibt ein Wun­der. Und fast scheint es so, als woll­ten wir auch mit dem Ad­vents­kranz und sei­nen Ker­zen von Wo­che zu Wo­che et­was mehr Licht ins mys­te­riö­se Ge­sche­hen brin­gen. Als woll­ten wir et­was sicht­bar ma­chen, was wir mit un­se­ren ei­ge­nen Au­gen nie zu fas­sen be­kom­men wer­den. Un­glaub­lich ist das so­gar für je­ne, die Gläu­bi­ge sind.

Die Ge­burt Je­su, so wun­der­bar sie sein mag, hat aber nichts An­rüh­ren­des. Weil sie kei­nes­wegs von ei­ner Will­kom­mens­kul­tur ge­tra­gen wird: Für den neu­ge­bo­re­nen Mes­si­as wird sich kein Platz fin­den – zu­min­dest nicht in der eta­blier­ten Welt. Ein Stall muss als Stät­te für die Ge­burt her­hal­ten, und ein­fa­che Hir­ten fun­gie­ren als Zeu­gen des Wun­der­ge­sche­hens.

So weit ist es jetzt am zwei­ten Ad­vent noch nicht. Doch der Tag rich­tet all­mäh­lich schon un­se­re Bli­cke auf den Stall. Und das in Zei­ten des Krie­ges? In Zei­ten al­so von Not, Elend und Ver­trei­bung? Ei­ne sprö­de Fra­ge, die sich je­den­falls auf den Weih­nachts­märk­ten all­über­all nie­mand stel­len mag. Vie­le Men­schen des 21. Jahr­hun­derts spü­ren, dass ih­nen das Jen­seits oder ei­ne Vor­stel­lung vom Jen­seits längst ab­han­den ge­kom­men ist. Mit all un­se­rer Um­trie­big­keit droht uns auch der Ver­lust des Dies­seits.

Der Ad­vent kann uns – was im­mer wir auch glau­ben – nicht gleich­gül­tig las­sen. Erst recht nicht in Zei­ten des Krie­ges.

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