Schäu­b­le will jetzt rech­nen

Das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um wur­de von der Ei­ni­gung der Län­der über ih­re künf­ti­gen Fi­nanz­be­zie­hun­gen über­rascht. Län­der­fi­nanz­aus­gleich 2014

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON JAN DREBES, EVA QUADBECK UND THO­MAS REI­SE­NER

BER­LIN/DÜSSELDORF Das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um hat auf die Ei­ni­gung der Län­der über ih­re künf­ti­gen Fi­nanz­be­zie­hun­gen nüch­tern re­agiert. Man müs­se erst ein­mal rech­nen, hieß es. Im­mer­hin wol­len die Län­der künf­tig knapp 9,7 Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr un­ter sich auf­tei­len statt der von Fi­nanz­mi­nis­ter Schäu­b­le zu­ge­sag­ten 8,5 Mil­li­ar­den Eu­ro. War­um war die Ei­ni­gung der Län­der auf ei­ne Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Bun­dLän­der-Fi­nanz­aus­gleichs nö­tig? Die be­ste­hen­de Grund­la­ge für das kom­pli­zier­te Bund-Län­der-Fi­nanz­ge­flecht läuft En­de 2019 aus. Bis da­hin gilt der So­li­dar­pakt II, durch den die Ost­län­der be­son­de­re Zu­wen­dun­gen des Bun­des er­hal­ten. Fi­nan­ziert wer­den die Zu­wen­dun­gen aus dem So­li­da­ri­täts­zu­schlag, den die Steu­er­zah­ler ent­rich­ten. Künf­tig wol­len al­le 16 Bun­des­län­der von den Zu­wei­sun­gen des Bun­des pro­fi­tie­ren. Nun muss­ten sie sich auf ei­ne Ver­tei­lung ei­ni­gen und da­durch ihr Fi­nanz­ge­flecht grund­sätz­lich neu re­geln. War­um gibt es über­haupt ei­nen Bund-Län­der-Fi­nanz­aus­gleich? Die Ver­fas­sung schreibt für das Bun­des­ge­biet ei­ne Ver­gleich­bar­keit der Le­bens­ver­hält­nis­se vor. Der Län­der­fi­nanz­aus­gleich sorgt da­für, dass die un­ter­schied­li­che Fi­nanz­kraft der Län­der aus­ge­gli­chen wird. Da­her ha­ben auch chro­nisch klam­me Län­der und Stadt­staa­ten wie das Saar­land oder Bre­men ein An­recht auf ho­he Zah­lun­gen. Wie wol­len die Län­der die Ver­tei­lung in Zu­kunft re­geln? Künf­tig soll die Um­ver­tei­lung des Gel­des zwi­schen den Län­dern trans­pa­ren­ter wer­den. Ein be­son­de­res Är­ger­nis war für Län­der wie NRW mit ei­ner ho­hen An­zahl an Un­ter­neh­men der so­ge­nann­te Um­satz­steu­er­vor­weg­aus­gleich, die ers­te Stu­fe des gan­zen Aus­gleichs­ver­fah­rens. Da­bei wird ein Teil der Um­satz­steu­er­ein­nah­men in Hö­he von bun­des­weit 200 Mil­li­ar­den Eu­ro jähr­lich di­rekt an Län­der mit ge­rin­gem Steu­er­auf­kom­men ge­ge­ben – vor dem ei­gent­li­chen Län­der­aus­gleich. Die Um­satz- oder Mehr­wert­steu­er fällt bei Ge­schäfts­leis­tun­gen al­ler Art an. Län­der wie NRW zah­len da­durch an struk­tur­schwa­che Re­gio­nen wie den Os­ten. Künf­tig sol­len die Um­satz­steu­er­an­tei­le nach Maß­ga­be der Ein­woh­ner­zahl ver­teilt wer­den – und je nach Fi­nanz­kraft der Län­der mit Zu- oder Ab­schlä­gen ver­se­hen wer­den. Durch das neue Sys­tem wür­de NRW in den Kreis der vier Län­der (Bay­ern, Ba­den-Würt­tem­berg, Ham­burg und Hes­sen) auf­rü­cken, die im ei­gent­li­chen Län­der­fi­nanz­aus­gleich, der zwei­ten Stu­fe des Aus­gleichs­sys­tems, be­reits Ge­ber­län­der wa­ren (sie­he Grafik). Wie kom­men die Län­der auf die Sum­me von 9,7 Mil­li­ar­den Eu­ro? Bis­her hat­te Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) den Län­dern zur Neu­re­ge­lung des Sys­tems ei­ne zu­sätz­li­che Sum­me von 8,5Mil­li­ar­den Eu­ro an­ge­bo­ten. Die Län­der be­zie­hen die­se Sum­me aber auf das Jahr 2014. Um­ge­stellt wird erst 2019, al­so rech­ne­ten die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten nach ei­ge­nen An­ga­ben die Sum­me mit Fak­to­ren wie Preis­stei­ge­run­gen und Wirt­schafts­wachs­tum auf das Jahr 2019 hoch und ka­men so auf ei­ne Sum­me von knapp 9,7 Mil­li­ar­den Eu­ro. Aber: Be­ob­ach­ter wer­ten die­se Rech­nung als schön­ge­färbt im Sin­ne der Län­der. Wie re­agiert der Bund auf die Ei­ni­gung der Län­der? Von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) gab es ges­tern kei­ne Stel­lung­nah­me. Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le er­klär­te in­tern: „Das ist le­dig­lich ei­ne Grund­la­ge für wei­te­re Ver­hand­lun­gen.“Sein Staats­se­kre­tär Wer­ner Gat­zer sag­te bei ei­ner Ver­an­stal­tung in Ber­lin, es han­de­le sich um ei­nen „po­si­ti­ven Vor­schlag, der den Streit zwi­schen den Län­dern be­en­det“. Al­ler­dings wür­de der Bund den An­teil der Län­der an der Um­satz­steu­er nicht ein­fach er­hö­hen, wie es die Län­der wün­schen. Aus Schäu­bles Res­sort hieß es: „Ei­ne Ei­ni­gung zu­las­ten Drit­ter ist im­mer leicht.“Man sei nicht da­von aus­ge­gan­gen, dass die 8,5 Mil­li­ar­den Eu­ro dy­na­mi­siert wer­den. Über­rascht zeig­te sich die Re­gie­rung auch über neue Punk­te der Län­der wie die For­schungs­för­de­rung und die Leis­tun­gen an Kom­mu­nen. Nun müs­se man erst ein­mal rech­nen. Kri­tik an der Län­der­ei­ni­gung kam auch aus den Frak­tio­nen. SPD-Frak­ti­ons­vi­ze Cars­ten Schnei­der sag­te un­se­rer Re­dak­ti­on: „Er­neut war ei­ne Ei­ni­gung zwi­schen den Län­dern of­fen­bar nur auf Kos­ten des Bun­des mög­lich, oh­ne ihn da­bei zu be­tei­li­gen.“Die Sum­me, die da­zu die­nen sol­le, den bis­he­ri­gen Aus­gleich zwi­schen den Län­dern teil­wei­se zu kom­pen­sie­ren, sei „in der Hö­he und der Dy­na­mik nicht ak­zep­ta­bel“, sag­te Schnei­der. Auch Uni­ons-Frak­ti­ons­vi­ze Ralph Brink­haus (CDU) kri­ti­sier­te die Ei­ni­gung als in­ak­zep­ta­bel. Wird Fi­nanz­mi­nis­ter Schäu­b­le ei­ne Kom­pen­sa­ti­on von den Län­dern ha­ben wol­len, weil es nun teu­rer ge­wor­den ist als ge­plant? Aus­zu­schlie­ßen ist das nicht. Mög­lich wä­re zum Bei­spiel ei­ne Kür­zung von Mit­teln bei der Flücht­lings­hil­fe. Schließ­lich müs­sen nicht nur die Län­der die Schul­den­brem­se ein­hal­ten, auch Schäu­b­le plant fest mit ei­nem aus­ge­gli­che­nen Bun­des­haus­halt oh­ne Neu­ver­schul­dung. Kön­nen die Län­der nun leich­ter die Schul­den­brem­se ein­hal­ten? Wenn die zu­sätz­li­che Aus­schüt­tung des Bun­des an die Län­der nicht an an­de­rer Stel­le wie­der ein­ge­spart wird, ha­ben die Län­der un­ter dem Strich mehr Geld zur Ver­fü­gung. Das hilft ih­nen auf dem Weg zur Schul­den­brem­se. Aber ver­bes­ser­te Ein­nah­men al­lei­ne wer­den nicht rei­chen. Ins­be­son­de­re NRW wird zu­sätz­lich neue Spar­maß­nah­men er­grei­fen müs­sen, um die Vor­ga­be ei­nes mit­tel­fris­tig aus­ge­gli­che­nen Haus­hal­tes zu er­rei­chen. Wie kann es sein, dass NRW bald Ge­ber­land ist, aber mehr Geld er­hält? Un­ter dem Strich war NRW auch bis­lang schon oft Ge­ber­land (sie­he Grafik). We­gen der kom­pli­zier­ten Über­la­ge­rung meh­re­rer Aus­gleichs­sys­te­me ging die Ge­ber­rol­le von NRW aber bis­lang meis­tens un­ter. Wann war NRW zu­letzt of­fi­zi­ell Ge­ber­land? Im ei­gent­li­chen Län­der­fi­nanz­aus­gleich war NRW zu­letzt 2009 Ein­zah­ler: Da­mals flos­sen 59 Mil­lio­nen Eu­ro aus Düsseldorf in den Topf. Wie be­wer­tet die Op­po­si­ti­on in NRW die Ei­ni­gung der Län­der? CDU und FDP mei­nen, die rot-grüne Lan­des­re­gie­rung ha­be schlecht ver­han­delt. „Ab­so­lut ent­täu­schend, da un­ser Land von dem grö­ße­ren Ku­chen der Län­der­fi­nan­zen nur ei­nen un­ter­durch­schnitt­li­chen An­teil er­hält“, sagt FDP-Fi­nanz­ex­per­te Ralf Wit­zel. Mar­cus Op­tendrenk (CDU) rech­net vor, dass NRW pro Kopf 87 Eu­ro zu­sätz­lich vom Bund er­hält – we­ni­ger als die Ein­woh­ner al­ler an­de­ren Bun­des­län­der au­ßer Nie­der­sach­sen und Saar­land. Op­tendrenk: „Im Län­der­ver­gleich ste­hen wir wie­der ge­nau dort, wo wir auch vor­her stan­den.“

INTERVIEW TOBIAS HENT­ZE

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