Sa­lat aus dem Luft­schutz­bun­ker

In Lon­don wer­den Sa­la­te, Spros­sen und klei­ne Ge­mü­se in 33 Me­tern Tie­fe an­ge­pflanzt. Klingt nach Zu­kunfts­mu­sik.

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA - VON JES­SI­CA KUSCHNIK

LON­DON Der Lon­do­ner Un­ter­grund ist durch­zo­gen von ei­nem dich­ten Netz an Tun­neln, Bun­kern und al­ten Mi­li­tär­an­la­gen. Die meis­ten da­von wer­den noch ge­nutzt, et­wa für das weit­läu­fi­ge U-Bahn-Netz. Doch die Lon­do­ner zei­gen sich auch krea­tiv bei der Zwe­ck­ent­frem­dung still­ge­leg­ter An­la­gen – bei­spiels­wei­se, in­dem sie al­te Tun­nel zu Fahr­rad­we­gen um­bau­en. Dass in 33 Me­tern Tie­fe in ei­nem al­ten Luft­schutz­bun­ker ei­ne Farm mit Ge­mü­se, Sa­la­ten und Kräu­tern wie Ba­si­li­kum, Ru­co­la, Ko­ri­an­der oder Schnitt­lauch wächst, dürf­te auf den ers­ten Blick un­ge­wöhn­lich an­mu­ten. Doch Richard Ball­ard und Ste­ven Dring ha­ben die Idee des „Ur­ban far­ming“ein­fach ei­ne Eta­ge tie­fer ge­legt.

179 Stu­fen geht es hin­ab in den ehe­ma­li­gen Luft­schutz­bun­ker in der Nä­he der U-Bahn-Sta­ti­on Cla­pham North un­ter der Lon­do­ner Ring-Au­to­bahn M25. Hier un­ten riecht es et­was muf­fig, mit 16 Grad herr­schen da­für an­ge­neh­me Tem­pe­ra­tu­ren, von den De­cken strah­len pin­ke und blaue LED-Röh­ren, un­ter de­nen ver­schie­de­ne Ge­mü­se­sor­ten und Kräu­ter in Hoch­bee­ten wach­sen. Was vor fast vier Jah­ren als Schnaps­idee in ei­nem Pub be­gann, ist in­zwi­schen Rea­li­tät ge­wor­den. Erst seit ei­nem Jahr pflan­zen die Jung-Bau­ern Ball­ard und Dring ihr Grün­zeug in den Tun­neln des Bun­kers an, die von der Lon­do­ner Trans­port­ge­sell­schaft TFL nicht mehr ge­nutzt wur­den. Sie stan­den jahr­zehn­te­lang leer.

„Un­se­re Pflan­zen kön­nen das gan­ze Jahr über an­ge­pflanzt wer­den“, er­klä­ren die bei­den, „und das in ei­ner per­fek­ten, pes­ti­zid­frei­en Um­ge­bung, die die­se ver­ges­se­nen Tun­nel be­reit­stel­len.“Da die Be­din­gun­gen auf der un­ter­ir­di­schen Farm im­mer die glei­chen sind, gibt es kei­ne wit­te­rungs­be­ding­ten Qua­li­täts­schwan­kun­gen, ver­spre­chen die städ­ti­schen Far­mer. „Je­de klei­ne Pflan­ze schmeckt ge­nau­so gut wie die letz­te“, sa­gen Ball­ard und Dring. Auch mit Schäd­lin­gen ha­ben die un­ter­ir­di­schen Land­wir­te kei­ne Pro­ble­me.

Jo­sef Tum­brinck vom Na­tur­schutz­bund (Na­bu) NRW hält sol­che Ide­en für span­nen­de Chan­cen – auch wenn die Un­ter­grund-Land­wirt­schaft per se nichts Neu­es sei. „Bei Pil­zen wie Cham­pi­gnons ken­nen wir das. Die brau­chen zum Wach­sen dunk­le Räu­me, die nicht zu warm wer­den.“Glo­bal be­trach­tet sei die al­ter­na­ti­ve Land­wirt­schaft ein gro­ßes The­ma, vor al­lem weil mitt­ler­wei­le 50 Pro­zent al­ler Men­schen in Groß­städ­ten le­ben, sagt Tum­brinck. Da müs­se der Le­bens­raum ide­al ge­nutzt wer­den.

Die bei­den Lon­do­ner Far­mer ha­ben ih­rem Kind den Na­men „Ze­ro Car­bon Food“ge­ge­ben. Sie wol­len er­rei­chen, dass das Un­ter­neh­men mög­lichst CO2-arm pro­du­ziert und die Wa­re in­ner­halb von vier St­un­den nach der Ern­te in ei­nem klei­nen Ra­di­us an den Ver­brau­cher, lokale Re­stau­rants und Groß­märk­te aus­lie­fert. Oh­ne­hin soll al­les mög­lichst grün sein: „Un­se­re Be­wäs­se­rungs­an­la­ge be­nö­tigt nur 70 Pro­zent der Was­ser­men­ge, die die tra­di­tio­nel­le Land­wirt­schaft nutzt“, heißt es.

Ob das Gan­ze wirk­lich wirt­schaft­lich ist und auf Dau­er funk­tio­niert, wird sich zei­gen. Bern­hard Rüb, Spre­cher der Land­wirt­schafts­kam­mer NRW, sieht die­se Ent­wick­lung für Deutsch­land nicht. „Ge­nü­gend leer­ste­hen­de Bun­ker hät­ten wir hier­zu­lan­de, doch un­se­re High­tech­ge­wächs­bun­ker sind für die Lo­gis­tik bes­ser aus­ge­rüs­tet.“Zu­dem kom­men die Ge­wächs­häu­ser dank des na­tür­li­chen Lichts oh­ne zu­sätz­li­che Ener­gie für die LED-Röh­ren aus.

Na­bu-Ex­per­te Tum­brinck ist trotz­dem an­ge­tan von der Idee aus Lon­don. „Wir brau­chen pfif­fi­ge, krea­ti­ve Leu­te, die das The­ma Land­wirt­schaft in der Groß­stadt an­ge­hen. Al­les, was in die Rich­tung en­er­gie­ar­me und wohn­ort­na­he Pro­duk­ti­on geht, ist für uns wich­tig.“

179 Stu­fen geht es hin­ab, es riecht et­was muf­fig, da­für herr­schen

an­ge­neh­me 16 Grad

FOTO: ZCF

Wie in Stock­bet­ten wach­sen die Pflan­zen über­ein­an­der. Ih­re Wur­zeln ste­cken nicht in der Er­de, son­dern in ei­ner be­wäs­ser­ten Ge­we­be­schicht.

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