Heu­te bin ich mal be­sorg­ter Bür­ger

Ges­tern Abend spa­zier­ten wie­der selbst er­nann­te be­sorg­te Bür­ger durch die Glad­ba­cher In­nen­stadt, die sich un­ter an­de­rem Sor­gen ma­chen, weil An­ge­la Mer­kel Kanz­le­rin ist. Das Ge­schäfts­mo­dell „be­sorg­ter Bür­ger“ist ja im Mo­ment ei­nes der er­folg­reichs­ten überh

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES -

Das schöns­te an Ängs­ten ist ja, dass es für je­de noch so ent­le­ge­ne ei­nen schö­nen latei­ni­schen Na­men gibt. Falls Sie mal von Gün­ther Jauch vor Fern­seh­ka­me­ras ge­fragt wer­den, was Al­bu­minu­ro­pho­bie ist, sa­gen Sie bit­te: Angst vor ei­ner Nie­ren­er­kran­kung. Wahr­schein­lich sind Sie da­nach Mil­lio­när und müs­sen erst mal kei­ne Angst mehr ha­ben, dass Ih­nen das nö­ti­ge Klein­geld aus­geht. Es gibt Ängs­te, trotz de­rer man sich in ei­ner Stadt wie Mön­chen­glad­bach gut durch­schla­gen kann (wie die Ana­ti­da­epho­bie, die Angst, von En­ten be­ob­ach­tet zu wer­den). Und dann gibt es Ängs­te, die sind wirk­lich ex­trem un­prak­tisch. Die Baro­pho­bie et­wa. Nein, dass ist nicht die Angst, nicht schnell ge­nug die nächs­te Bar zu fin­den. Son­dern die Angst vor der Schwer­kraft. Da muss man dann gleich ganz weit weg­zie­hen.

Die Stra­te­gen, die ges­tern mit den han­dels­üb­li­chen Pe­gi­da-Pa­ro­len durch die Glad­ba­cher Ci­ty ge­zo­gen sind, ha­ben in Wahr­heit ja die Angst zu kurz zu kom­men, nen­nen das aber lie­ber Sor­ge, weil das ver­nünf­ti­ger klingt. Mich als Bür­ger be­sorgt in dem Zu­sam­men­hang vor al­lem ei­nes: Dass die drei Pro­zent rechts­ra­di­ka­ler Voll­pfos­ten, die ei­ne sta­bi­le Ge­sell­schaft wie die un­se­re lo­cker ver­trägt, Bei­fall für ih­re The­sen von den viel­leicht 15 Pro­zent in der Be­völ­ke­rung be­kom­men, die we­nigs­tens für ei­nen Teil die­ser Wirr­kopfThe­sen emp­fäng­lich sind.

An­sons­ten bin ich be­sorgt, was aus dem Nör­gel-Glad­ba­cher wird. Für den wird es im­mer en­ger. Cham­pi­ons Le­ague, Snowboard-FISE­vent, No­bel­preis­trä­ger, Stars im Spar­kas­sen­park – der Ruf des Pup­kaffs ist nach­hal­tig rui­niert. Man kann nur hof­fen, dass we­nigs­tens das mit dem Sea­sons und dem Glad­bach-See in der Ci­ty Ost nichts wird. Sonst müs­sen Tau­sen­de weg­zie­hen, weil sie ein­fach nicht in ei­ner Stadt le­ben kön­nen, in der es gut läuft. (Lie­be Latein­leh­rer, kann mir da­zu mal bit­te je­mand das pas­sen­de la­tei­ni­sche Wort er­fin­den und mai­len? Dan­ke!)

Ich bin be­sorgt, dass man­che Po­li­ti­ker das ernst mei­nen, was sie da so von sich ge­ben. Die Grü­nen bei­spiels­wei­se ha­ben ges­tern erst auf der Krall’schen Wie­se Schim­mel ent­deckt und dann ein Loch im Haus­halt. Bei­des zeugt ent­we­der von Angst vor Fak­ten oder be­ruht auf der wah­ren Er­kennt­nis, dass sich Sor­ge in Wahl­ka­bi­nen ger­ne zu Stim­men ma­te­ria­li­siert.

Ich bin be­sorgt, dass mich je­mand fragt, ob ich nicht mal test­wei­se die 43-Me­ter-Snowboard-Ram­pe be­stei­gen möch­te. Ich ha­be kei­ne Hö­hen­angst (Akro­pho­bie), mag aber kei­nen schwan­ken­den Grund – wes­we­gen ich nie Mit­glied ei­ner Par­tei wer­den könn­te.

Ich bin be­sorgt, dass nie­mand nach­rech­net, wie teu­er so ein Han­dy-Park­ti­cket im Ver­gleich zu ei­nem stink­nor­ma­len ist. Ich bin be­sorgt, dass ganz Glad­bach zur Tem­po 30-Zo­ne wird. Ich bin be­sorgt, dass die­je­ni­gen, de­nen das in ihr po­li­ti­sches Süpp­chen passt, ver­su­chen, Au­to­fah­rer und Rad­fah­rer ge­gen­ein­an­der aus­zu­spie­len. Tat­säch­lich sind vie­le bei­des und lei­den nicht un­ter Per­sön­lich­keits­schwan­kun­gen. Ich bin be­sorgt über un­se­ren An­schluss ans Fern­bahn-Netz. Und ich bin auch im­mer wie­der be­sorgt, ob Sie das über­haupt in­ter­es­siert, was ich hier so fa­bu­lie­re.

Nur we­gen des Bay­ern-Spiels bin ich gänz­lich un­be­sorgt. Das wird schon.

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