„Wir wol­len Ju­gend­li­che mit dem Ho­lo­caust kon­fron­tie­ren“

Der Lei­ter des Fanpro­jekts „De Kull“spricht über das Selbst­ver­ständ­nis des Fanpro­jekts und Bil­dungs­fahr­ten ins KZ Au­schwitz.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES -

Herr Hül­sen, was hat sich „De Kull“zur Auf­ga­be ge­macht? HÜL­SEN ,De Kull’ ist frei­er Trä­ger der Ju­gend­hil­fe. Wir küm­mern uns um Be­lan­ge Ju­gend­li­cher aus Mön­chen­glad­bach mit dem Haupt­in­ter­es­se Fuß­ball und Bo­rus­sia. Wir or­ga­ni­sie­ren Aus­wärts­fahr­ten, Fe­ri­en­camps, Bil­dungs­fahr­ten, es gibt ein Ju­gend­zen­trum. Das ist mon­tags bis frei­tags von 15 bis 20 Uhr ge­öff­net. Wir küm­mern uns aber auch um die Be­lan­ge der Ju­gend­sub­kul­tur Ul­tras und be­glei­ten die Ul­tras bei Spie­len. Hier tre­ten wir vor al­lem als Ver­mitt­ler zwi­schen den Ul­tras und an­de­ren In­sti­tu­tio­nen auf. Ins­ge­samt hat ,De Kull’ den An­spruch, sich um al­le so­zia­len Be­lan­ge der Bo­rus­sia-Fan­sze­ne zu küm­mern, und ver­sucht, in al­len Le­bens­la­gen Un­ter­stüt­zung und Be­glei­tung zu er­mög­li­chen. Was hat sich seit dem Um­zug vom Con­tai­ner am Fan­haus na­he des Sta­di­ons in das al­te Grund­schul­ge­bäu­de an der Heh­ner Stra­ße ver­än­dert? HÜL­SEN Die Ent­wick­lung ist groß­ar­tig. Als ich an­ge­fan­gen ha­be, hät­te ich nicht ge­dacht, dass un­ser Pro­jekt so groß wird. Das zeich­net aber auch die Ar­beit un­se­res Teams aus. Wir sind stets mo­ti­viert bei der Sa­che und of­fen für neue Ent­wick­lun­gen. Wir ge­hen hier­bei auch mal neue We­ge und ver­su­chen Me­tho­den der Old­school-So­zi­al­ar­beit auf­zu­bre­chen. Durch un­se­re stän­di­ge Prä­senz in der Le­bens­welt der jun­gen Fans sind wir ernst­zu­neh­men­de An­sprech­part­ner für al­le Be­tei­lig­ten ge­wor­den und konn­ten uns ins­be­son­de­re ein gut funk­tio­nie­ren­des Ver­trau­ens­ver­hält­nis zu der Ju­gend­fan­sze­ne auf­bau­en. Was ist Ih­nen spe­zi­ell im Um­gang mit den Ju­gend­li­chen wich­tig? Was möch­ten Sie den Ju­gend­li­chen mit auf den Weg ge­ben? HÜL­SEN Wir dür­fen nicht ver­ges­sen, dass Ju­gend­li­che in der schwie­rigs­ten Pha­se ih­res Le­bens sind. Da pas­sie­ren Feh­ler, viel­leicht auch im Ver­hal­ten – was in der Ge­sell­schaft nicht ak­zep­tiert wird. Ge­nau das ist aber der Knack­punkt – die Feh­ler müs­sen pas­sie­ren, und auch das Ver­hal­ten muss von dem der Ge­sell­schaft ab­wei­chen, um sich zu prä­gen und Grenz­er­fah­run­gen zu ma­chen. Nur so kön­nen sich die jun­gen Men­schen auf Hür­den und Ge­fah­ren des wei­te­ren Le­bens vor­be­rei­ten. Si­cher­lich schlägt auch mal je­mand über die Strän­ge, aber auch hier ist die In­ten­si­tät im­mer An­sichts­sa­che. Die Mei­nung der El­tern ist da nicht im­mer das Maß al­ler Din­ge. Mir ist wich­tig, dass wir Frei- räu­me für Ju­gend­li­che schaf­fen, in de­nen sie fern­ab von El­tern und Schu­le ih­re Zeit ver­brin­gen kön­nen und in uns Ver­trau­ens­per­so­nen se­hen, mit de­nen man über Din­ge spre­chen kann, die wo­an­ders nicht an­ge­spro­chen wer­den kön­nen. Sie ha­ben die Bil­dungs­fahr­ten von „De Kull“an­ge­spro­chen. Zu­letzt wur­den Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger be­sucht. War­um sind sol­che An­ge­bo­te wich­tig? HÜL­SEN Un­ser An­satz war im­mer: An­de­re re­den drü­ber, wir fah­ren hin. Wir wol­len die Ju­gend­li­chen mit der Ge­schich­te des Ho­lo­caust kon­fron­tie­ren und vor Ort zei­gen, was pas­siert ist. Ich den­ke, dass sol­che An­ge­bo­te er­gän­zend zur Bil­dung in der Schu­le enorm wich­tig sind. Wir bie­ten die Fahr­ten so güns­tig wie mög­lich an. Da­bei un­ter­stüt­zen uns Spon­so­ren. Wel­che Zie­le hat­te die Bil­dungs­fahrt? HÜL­SEN Zu­erst ging es nach Au­schwitz. Dort be­such­ten wir die Ge­denk­stät­ten der Ver­nich­tungs­la­ger Au­schwitz 1 und Au­schwitz-Bir­ken­au. Tags dar­auf sind wir nach Wei­mar ge­fah­ren. Dort tra­fen wir Stef­fen An­dritz­ke vom Ver­ein Halb­stark. Er ist seit vie­len Jah­ren Glad­bachFan und Au­tor des Bu­ches ,Kul­tur­stadt­ba­nau­se’. Stef­fen hat­te für uns ein Sport­pro­gramm zu­sam­men­ge­stellt. Der Ver­ein Halb­stark ver­sucht, an­hand von Kampf­sport und An­ti-Ag­gres­si­ons­trai­ning Ju­gend­li­chen zu hel­fen. Am Tag da­nach be­such­ten wir vor­mit­tags die Ge­denk­stät­te des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Bu­chen­wald. Dann ging es nach Frankfurt, wo wir Bo­rus­si­as 5:1-Er­folg fei­ern durf­ten. Auch in den Som­mer- und Win­ter­pau­sen bie­tet „De Kull“ein ab­wechs­lungs­rei­ches Pro­gramm an. War­um ist es so wich­tig, dass der Kon­takt zu den Ju­gend­li­chen auch in den Spiel­pau­sen nicht ab­reißt? HÜL­SEN Im Grun­de sind die­se An­ge­bo­te al­le in Ab­spra­che mit der Ju­gend­sze­ne ent­stan­den. Wir ha­ben den Be­darf ge­se­hen und dar­auf re­agiert. Die Fe­ri­en­ak­tio­nen und Fe­ri- en­camps sind enorm wich­tig, um ein ver­trau­tes Mit­ein­an­der zu schaf­fen. Wir ha­ben mitt­ler­wei­le die drit­te Ju­gend­ge­ne­ra­ti­on bei ,De Kull’ und wir mer­ken, dass die Äl­te­ren uns un­se­re Tä­tig­kei­ten mitt­ler­wei­le mehr als po­si­tiv zu­rück­spie­geln. Wie vie­le Kids sind re­gel­mä­ßig bei „De Kull“? Gibt es ei­ne Al­ters­gren­ze? HÜL­SEN Es gibt im Grun­de kei­ne Al­ters­gren­ze. Die Jün­ge­ren, das heißt, die Kids un­ter zwölf Jah­ren, wür­den wir wohl zu un­se­rem Nach­fol­ge­pro­jekt ,Fan­hausKids’ auf das ,De Kull’ Ge­län­de hin­ter dem Fan­haus schi­cken. Zu alt für ,De Kull’ wird man im Grun­de auch nicht. Wir küm­mern uns auch um äl­te­re Fans, die viel­leicht die ei­ne oder an­de­re Pro­blem­stel­lung in ih­rem Le­ben nicht al­lei­ne lö­sen kön­nen oder wol­len. Dirk Päffgen be­glei­te­te die Fahrt des Fanpro­jekts „De Kull“nach Po­len und führte das Ge­spräch mit Phi­lip Hül­sen. Wei­te­re Fotos vom Be­such der Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger gibt es un­ter www.rp-online.de/bo­rus­sia.

FOTO: PÄFFGEN

Vor Ort: Das Fan­pro­jekt „De Kull“be­such­te das KZ Au­schwitz.

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