„Un­ser Welt­ver­band ist schlim­mer als die Fi­fa“

Dop­pel-Olym­pia­sie­ge­rin Ul­ri­ke Nas­se-Mey­farth kri­ti­siert den In­ter­na­tio­na­len Leicht­ath­le­tik­ver­band scharf.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON MAR­TIN BEILS

LEVERKUSEN Ein Pla­kat über­spannt den Weg zur Fritz-Ja­co­bi-Hal­le. Es grüßt Katharina Mo­li­tor, die Speer­wer­fe­rin, die im ver­gan­ge­nen Som­mer bei den Welt­meis­ter­schaf­ten in Pe­king Gold ge­holt hat. Im Ein­gangs­be­reich der Hal­le tau­schen sich Trai­ne­rin St­ef­fi Ne­ri­us und Mar­kus Rehm aus. Sie war Welt­meis­te­rin mit dem Speer, er ist ei­ner der meist­be­ach­te­ten Leicht­ath­le­ten, weil er mit sei­ner Pro­the­se auf olym­pi­ataug­li­che Wei­ten springt. Hin­ter den bei­den hän­gen Schwar­zWeiß-Fotos: Zehn­kämp­fer Wil­li Hol­dorf, Dis­kus­wer­fe­rin Lie­sel Wes­ter­mann, Weit­sprin­ge­rin Hei­de Ro­sen­dahl, Hoch­sprin­ge­rin Ul­ri­ke Mey­farth.

Die Ja­co­bi-Hal­le, be­nannt nach ei­nem frü­he­ren Ver­eins­vor­sit­zen­den, ist die Hei­mat der Leicht­ath­le­ten von Bay­er Leverkusen. Es gibt we­ni­ge Fle­cken auf dem Glo­bus, an de­nen Welt­klas­se­leis­tun­gen über mehr als fünf Jahr­zehn­te so selbst­ver­ständ­lich ge­wor­den sind wie im un­spek­ta­ku­lä­ren Stadt­teil Man­fort. „Aber es wird im­mer schwe­rer, sol­che Er­fol­ge zu er­rei­chen“, weiß Ul­ri­ke Nas­se-Mey­farth. Im­mer mehr Län­der drän­gen in der Leicht­ath­le­tik in die Welt­spit­ze.

Die frü­he­re Hoch­sprin­ge­rin ist ein Bin­de­glied zwi­schen den größ- ten Zei­ten der west­deut­schen Leicht­ath­le­tik in der Ver­gan­gen­heit, der Ge­gen­wart und der Zu­kunft. Als an­ge­stell­te Trai­ne­rin ge­hört sie zu dem Team, das die Kin­der in der Ab­tei­lung be­treut. Bis­wei­len sind 40 Jun­gen und Mäd­chen gleich­zei­tig in der Hal­le. Die El­tern sind be­geis­tert, wenn ih­re Kin­der der Dop­pel- Olym­pia­sie­ge­rin zu­ge­teilt wer­den. Denn so wie Bo­ris Becker, der ewig 17-jäh­ri­ge Wim­ble­don­sie­ger ist, ist sie die ewig 16-jäh­ri­ge Hoch­sprun­gOlym­pia­sie­ge­rin von München 1972. Nächs­tes Jahr wird sie 60. Die Kin­der in­ter­es­sie­ren die Er­fol­ge ih­rer Trai­ne­rin frei­lich kaum. „Nur manch­mal sa­gen sie, dass sie mich ir­gend­wo im Fern­se­hen ge­se­hen ha­ben.“

Am Ein­gang zur Sport­an­la­ge ver­zeich­net ei­ne Eh­ren­ta­fel die größ­ten Er­fol­ge der Le­ver­ku­se­ner Leicht­ath­le­ten. Mey­farths Olym­pia­sieg 1984 in Los Angeles fin­det Er­wäh­nung, EM-Gold 1982 in At­hen, WM-Sil­ber 1983 in Hel­sin­ki. Die Gold­me­dail­le von München wird dort nicht ge­nannt. Zu der Zeit star­te­te sie noch für den TuS Wes­se­ling, ih­ren Hei­mat­ver­ein. Die 36.000-Ein­woh­ner­Stadt zwi­schen Köln und Bonn hat ihr Kro­nen­busch­sta­di­on nach ih­rer größ­ten Toch­ter be­nannt.

Seit lan­gem wohnt Ul­ri­ke Nas­seMey­farth im ber­gi­schen Oden­thal. Sie ist mit dem Rechts­an­walt Ro­land Nas­se, ei­nem frü­he­ren Rhein­hau­se­ner Bun­des­li­ga-Hand­bal­ler, ver­hei­ra­tet, sie ha­ben zwei er­wach­se­ne Töch­ter. Zwei­mal pro Wo­che trai­niert sie mit ih­rem Mann auf der Leicht­ath­le­tik-An­la­ge. „Jog­gen, Kraft­trai­ning, Gym­nas­tik, al­les was wir ge­lernt ha­ben“, sagt die Di­plom­Sport­leh­re­rin. Über die Hoch- sprung-Lat­te ist sie nicht mehr ge­sprun­gen, seit sie ih­re Kar­rie­re als Leis­tungs­sport­le­rin be­en­det hat. 2,03 Me­ter hat sie mal über­quert. Schlank wie ehe­dem ist die 1,88 Me­ter gro­ße Frau im­mer noch.

Mey­farth gilt als ei­ne Person der deut­schen Sport­ge­schich­te und ei­ne der Welt-Leicht­ath­le­tik-His­to­rie. Ei­ne, die in die Hall of Fa­me, die Ruh­mes­hal­le, die­ser Sport­art ge­hört. An­fang No­vem­ber woll­te sie mit ih­rem Mann nach Mo­na­co rei­sen. Zur Ga­la des Leicht­ath­le­tik-Welt­ver­bands IAAF. Das Paar freu­te sich zu­nächst auf ein Wo­che­n­en­de in ei­nem Fün­fS­ter­ne-Ho­tel am Mit­tel­meer und auf das Wie­der­se­hen mit al­ten Weg­ge­fähr­ten. Die IAAF hat­te ge­plant, die Dop­pel-Olym­pia­sie­ge­rin in ih­re Hall of Fa­me auf­zu­neh­men. Doch Mey­farth und ihr Mann sag­ten die Rei­se – und da­mit auch die Eh­rung – ab.

Es wa­ren die Ta­ge, als klar wur­de, in wel­chem Ma­ße vor al­lem in Russ­land ge­dopt wor­den war und dass La­mi­ne Di­ack, der frü­he­re Welt­ver­bands­prä­si­dent, po­si­ti­ve Do­ping­tests ge­gen Ba­res hat­te un­ter­drü­cken las­sen. Die fran­zö­si­sche Jus­tiz hat den Se­ne­ga­le­sen we­gen Be- stech­lich­keit und Geld­wä­sche an­ge­klagt. „In die­ser Si­tua­ti­on kann man doch nicht fei­ern“, sag­te sich Mey­farth. Ein paar Ta­ge spä­ter blies die IAAF ih­re Ga­la ab.

„Der Leicht­ath­le­tik-Welt­ver­band ist noch schlim­mer als die Fi­fa“, sagt die Le­ver­ku­se­ne­rin. Ih­re Hoff­nung auf Bes­se­rung hält sich in Gren­zen. Sie er­war­tet kei­nen schnel­len Wan­del in der Zu­sam­men­set­zung der Funk­tio­närs­rie­ge: „Die lie­ben al­le ih­re Jobs und ih­re Fünf-Ster­neHo­tels.“Von Di­acks Nach­fol­ger Se­bas­ti­an Coe ist sie „sehr ent­täuscht“. Der En­g­län­der war als Mit­tel­streck­ler ein Ath­let von For­mat, als Chef­or­ga­ni­sa­tor der Spie­le 2012 in Lon­don hat­te er glän­zen­de Ar­beit ge­leis­tet. Doch seit er die IAAF führt, wer­de im­mer deut­li­cher, dass er tief ver­strickt ins Netz­werk aus Sport­po­li­tik und Bu­si­ness und nicht un­ab­hän­gig sei.

Am ver­gan­ge­nen Sonn­tag be­such­te Mey­farth Ham­burg. Die Olym­pia­sie­ge­rin war Zeu­gin der Olym­pia­ent­schei­dung: „Ich war schon skep­tisch, als wir hin­ge­fah­ren sind.“Die Ter­ror­an­schlä­ge, die Flücht­lings­pro­ble­ma­tik, die Skan­da­le rund um Fuß­ball und Leicht­ath­le­tik – es kam viel Ne­ga­ti­ves zu-

Ul­ri­ke Nas­se-Mey­farth sam­men. „Bei den Men­schen wa­ren Ängs­te ge­weckt wor­den“, stellt sie fest, „und ich weiß nicht, ob das Re­fe­ren­dum an­ders ge­lau­fen wä­re, wenn der Bund ei­ne Ga­ran­tie zur Kos­ten­über­nah­me ab­ge­ge­ben hät­te.“Nun blei­ben Pa­ris, Rom, Budapest und Los Angeles im Ren­nen um die Spie­le 2024. „Pa­ris wä­re schön“, sagt Mey­farth. Los Angeles hin­ge­gen, den Ort ih­res zwei­ten und här­ter er­ar­bei­te­ten Olym­pia­siegs, schätzt sie als Aus­tra­gungs­ort nicht. „In dem Rie­sen­mo­loch, weiß man im ei­nen Stadt­teil nicht, dass im an­de­ren Olym­pi­sche Spie­le sind. Das war schon da­mals bei uns so.“

Sie be­dau­ert na­tür­lich, dass Ham­burg aus dem Ren­nen ist. Viel­leicht hät­te ei­ne Olym­pia­be­wer­bung die Lob­by des Sports ver­bes­sert, mut­maßt Mey­fahrt. Ih­rer Ein­schät­zung nach man­gelt es in Deutsch­land an an­ge­mes­se­ner Wert­schät­zung für den Leis­tungs­sport, für die Ar­beit der Trai­ner im Be­son­de­ren. „Die Vo­ka­bel Eli­te ist fast ver­pönt, die will kei­ner in den Mund neh­men.“Oh­ne Zwei­fel ge­hört sie selbst zur Eli­te des deut­schen Sports. Weil sie ge­ar­bei­tet hat, an­fangs hart, spä­ter sehr hart. „Ich emp­fand das nie als Qu­al. Wir hat­ten Spaß an der Leis­tung und dar­an, Din­ge schaf­fen zu kön­nen, die Ot­tonor­mal­ver­brau­cher nicht mal eben aus der kal­ten Ho­se ma­chen.“

„Die Vo­ka­bel Eli­te ist fast ver­pönt, die will kei­ner in den Mund

neh­men“

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.