„Auf den Rat von John Terry ge­be ich viel“

In sei­nem ers­ten gro­ßen Ex­klu­siv-Interview als Bo­rus­se spricht Glad­bachs 16. Dä­ne über sei­ne Tref­fen mit Chel­seas Star­trai­ner José Mour­in­ho, Te­le­fo­na­te mit John Terry, die ers­te ei­ge­ne Woh­nung, sei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und das Bay­ern­spiel.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT LOKAL - KARS­TEN KELLERMANN UND STE­FAN KLÜTTERMANN FÜHR­TEN DAS GE­SPRÄCH.

FUSSBALL Dä­nen ha­ben ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on in Glad­bach. Andre­as Chris­ten­sen ist schon der 16., der 19 Jah­re al­te Ab­wehr­mann kam im Som­mer auf Leih­ba­sis (bis 2017) vom FC Chel­sea. Vie­les war und ist neu für den 1,88-Me­ter-Mann. In En­g­land sind bei­spiels­wei­se die Fuß­bal­ler sehr ab­ge­schirmt, das Trai­nings­ge­län­de ist we­der für Fans noch für Jour­na­lis­ten zu­gäng­lich. Au­to­gram­me schrei­ben nach dem Trai­ning oder Kurzin­ter­views auf dem Weg in die Ka­bi­ne – das gab es beim FC Chel­sea nicht. Chris­ten­sen ist ein eher zu­rück­hal­ten­der jun­ger Mann, kei­ner, der gro­ße Re­den schwingt. Un­se­rer Re­dak­ti­on gab er nun sein ers­tes gro­ßes Ex­klu­siv-Interview. Herr Chris­ten­sen, Sie sind jetzt knapp fünf Mo­na­te in Glad­bach. Kön­nen Sie ei­gent­lich noch un­er­kannt durch die Stadt lau­fen? CHRIS­TEN­SEN Ich kann mich im All­tag im­mer noch ziem­lich an­onym be­we­gen. Es sind nur we­ni­ge, die mich er­ken­nen. Ge­nie­ßen sie die­se Un­sicht­bar­keit? CHRIS­TEN­SEN Mir ge­fällt es. Manch­mal ist es ja okay, wenn man er­kannt wird, aber manch­mal will ich auch eben nur ich selbst sein. War das zu­vor in Lon­don an­ders? CHRIS­TEN­SEN Ja, da wur­de ich öf­ter er­kannt. Wenn du als jun­ger Spie­ler auf dem Sprung aus dem Nach­wuchs zu den Pro­fis stehst, und das auch noch in Chel­sea, wo das seit John Terry nie­man­dem mehr ge­lun­gen ist, dann ru­hen vie­le Au­gen auf dir. Ist es als jun­ger Spie­ler in En­g­land schwe­rer, den Durch­bruch zu schaf­fen als in Deutsch­land? CHRIS­TEN­SEN Auf je­den Fall. Neh­men sie doch Bo­rus­sia. Ich spie­le, Mo [Dahoud, Anm. d. Red.] spielt, Mar­vin [Schulz, Anm. d. Red.] durf­te auch schon ran. So et­was ha­be ich in ei­ner Mann­schaft in En­g­land noch nicht ge­se­hen. Und ge­nau des­we­gen bin ich in die Bun­des­li­ga ge­wech­selt. Ha­ben Sie wäh­rend Ih­rer Zeit bei Chel­sea mal län­ger mit José Mour­in­ho spre­chen kön­nen? CHRIS­TEN­SEN Nicht wirk­lich län­ger. Er hat mir mal ein paar Tipps ge­ge­ben. Aber wenn er Tipps gibt, hörst du na­tür­lich auf­merk­sam zu, weil du da de­fi­ni­tiv et­was lernst. Ste­hen Sie und der FC Chel­sea denn per­ma­nent in Kon­takt? CHRIS­TEN­SEN Es gibt in Chel­sea ei­ne ei­ge­ne Ab­tei­lung, die sich um all die aus­ge­lie­he­nen Spie­ler küm­mert. Mit den Mit­ar­bei­tern te­le­fo­nie­re ich al­le zwei, drei Wo­chen. Und nach drei Spie­len schi­cken Sie mir im­mer ein Vi­deo, in dem sie mir sa­gen, was ich gut ma­che und was ich bes­ser ma­chen kann. Im Ge­gen­zug er­klä­re ich ih­nen dann, was der Trai­ner hier in Glad­bach mir vor die­sem oder je­nem Spiel kon­kret mit auf den Weg ge­ge­ben hat. Hat Chel­sea Ih­nen ei­ne kon­kre­te Ziel­vor­ga­be für die zwei Jah­re bei Bo­rus­sia mit­ge­ge­ben, mit dem Te­nor „Da wol­len wir dich nach ei­ner Sai­son se­hen, das Le­vel soll­test du am En­de der Aus­lei­he ha­ben“? CHRIS­TEN­SEN Wir be­wer­ten je­de Spiel­zeit für sich. Ich neh­me aus der lau­fen­den Sai­son das mit, was ich kann. Und nächs­tes Jahr will ich mich dann wie­der ein Stück­chen wei­ter­ent­wi­ckeln. Th­or­gan Ha­zard ist nach ei­nem Jahr Aus­lei­he von Chel­sea fest zur Bo­rus­sia ge­wech­selt. Wä­re das für den Som­mer 2017 auch ei­ne Op­ti­on für Sie? CHRIS­TEN­SEN Im Mo­ment kon­zen­trie­re ich mich auf die zwei Jah­re, die ich hier sein wer­de, und ich ge­nie­ße die­se Zeit ein­fach. Und dann wird man se­hen, ob die Mög­lich­keit be­steht, bei Chel­sea zu spie­len. Wenn ja, wer­de ich zu­rück­ge­hen. Wenn nicht, ist es auf je­den Fall ei­ne Op­ti­on, bei Bo­rus­sia zu blei­ben. In Lon­don sieht man in Ih­nen dem Ver­neh­men nach je­den­falls schon den neu­en John Terry. CHRIS­TEN­SEN Ich glau­be, man ver­gleicht mich eher vom Spiel­stil mit Ri­car­do Car­val­ho. Terry je­den­falls hat mich nach dem Pau­li-Spiel an­ge­ru­fen und mir gra­tu­liert. Er ist ei­ner der­je­ni­gen, auf des­sen Rat ich sehr viel ge­be. Ich ha­be in Lon­don oft mit ihm ge­re­det. Terry hat über Sie ge­sagt: „Ich ha­be ihm ge­sagt, dass er mich ja­gen und aus dem Team drän­gen soll. Er soll­te hung­rig sein und mei­nen Platz wol­len. Glaubt mir: Ich bin mir si­cher, dass aus ihm ein Topspie­ler und ei­ner der Män­ner wird, de­nen Chel­seas Zu­kunft ge­hört.“CHRIS­TEN­SEN Ja, das hat er mal ge­sagt, als er mit Kin­dern trai­nier­te und ein dä­ni­scher Re­por­ter ihn ge­fragt hat, wie er mich denn se­hen wür­de. Füh­len Sie sich durch ei­ne sol­che Aus­sa­ge un­ter Druck ge­setzt? CHRIS­TEN­SEN Es liegt ja an mir, ob ich mich da­von un­ter Druck set­zen las­se. Manch­mal kann Druck ja auch po­si­tiv sein, dann, wenn er dich an­treibt. Kön­nen Sie denn mit Druck um­ge­hen? CHRIS­TEN­SEN Das muss ich ja kön­nen. In je­dem Spiel. Ha­ben Sie auch Druck ge­spürt, als Sie ih­re Hei­mat, Ih­re Fa­mi­lie und Freun­de mit 16 Jah­ren ver­las­sen ha­ben und zu Chel­sea ge­wech­selt sind? CHRIS­TEN­SEN Druck we­ni­ger. Die ers­ten paar Wo­chen wa­ren ein­fach hart, weil du dein ge­wohn­tes Um­feld hin­ter dir lässt und al­les an­de­re erst ein­mal fremd ist. Aber Chel­sea küm­mert sich her­vor­ra­gend um die jun­gen Spie­ler. Ich ha­be mit zwei Mit­spie­lern bei ei­ner Gast­fa­mi­lie ge­lebt, das hat die Ein­ge­wöh­nung sehr ver­ein­facht. Hier in Mön­chen­glad­bach ha­ben Sie jetzt ei­ne ei­ge­ne Woh­nung. Das ist ein gro­ßer Schritt. CHRIS­TEN­SEN Ja, und das war schon ei­ne Um­stel­lung. Selbst ko­chen, selbst wa­schen... (grinst). Wenn Ih­nen vor der Sai­son je­mand ge­sagt hät­te, von den ers­ten 21 Glad­ba­cher Pflicht­spie­len wür­den Sie 17 über 90 Mi­nu­ten be­strei­ten... CHRIS­TEN­SEN ... dann hät­te ich wahr­schein­lich ge­sagt: Das hof­fe ich, das wä­re schön. Aber da­von aus­ge­hen, dass es so gut lau­fen wür­de, konn­te ich na­tür­lich nicht. Das kam dann auch für mich über­ra­schend. Sie stan­den zum Po­kal­auf­takt in St. Pau­li in der Start­elf, doch nach dem Bun­des­li­ga­start und dem 0:4 von Dort­mund sa­ßen sie vier Spie­le lang auf der Bank. Ha­ben Sie sich ein biss­chen als Sün­den­bock ge­fühlt? CHRIS­TEN­SEN Ich ha­be ver­sucht, über das ;War­um’ nicht nach­zu­den­ken und im Trai­ning mei­ne Ar­beit zu ma­chen. Aber na­tür­lich war ich ge­knickt, vor al­lem in den Ta­gen nach dem Spiel. Man­cher mein­te, zwei der vier Ge­gen­to­re sei­en auf Ihr Kon­to ge­gan­gen. CHRIS­TEN­SEN Na­tür­lich machst du als Ver­tei­di­ger et­was falsch, wenn der Geg­ner vier To­re er­zielt. Aber wer von uns war an die­sem Tag wirk­lich gut? Wenn wir heu­te ge­gen Dort­mund spie­len müss­ten, sä­he das ganz an­ders aus, da bin ich si­cher. Wir sind jetzt viel bes­ser or­ga­ni­siert als in den ers­ten Spie­len der Sai­son. In Lu­ci­en Fav­res letz­tem Spiel, dem 0:1 in Köln, kehr­ten Sie dann in die Start­elf zu­rück, konn­ten das Kopf­ball­tor von Mo­des­te zwar nicht ver­hin­dern, be­ka­men aber ins­ge­samt viel Lob für Ih­re Leis­tung. Was ist seit­dem pas­siert? CHRIS­TEN­SEN Ich ha­ben viel Selbst­ver­trau­en da­zu­ge­won­nen. Neh­men Sie un­ser 5:1 in Frankfurt, da hat­te ich auch vie­le Kopf­ball­du­el­le, aber ich ha­be al­le ge­won­nen. Die Mann­schaft hat sich ver­bes­sert, ich ha­be mich ver­bes­sert. Punkt. Wo kon­kret? CHRIS­TEN­SEN Ich ha­be mich an das Tem­po ge­wöhnt, ich den­ke in­zwi­schen schnel­ler auf dem Platz. Als jun­ger Spie­ler kannst du dich im Prin­zip in je­dem Bun­des­li­ga­spiel in je­der Ak­ti­on ver­bes­sern. Wer aus der Mann­schaft sind Ih­re An­sprech­part­ner? CHRIS­TEN­SEN Na­ja, ich ler­ne ja Deutsch, aber das ist eben schwie­rig, al­so bleibt mir oft nur das Eng­li­sche. Und am meis­ten re­de ich dann doch mit den an­de­ren Skan­di­na­vi­ern, al­so mit Os­car [Wendt, Anm. d. Red.], Ho­wie [Ha­vard Nordtveit, Anm. d. Red.] oder Bran­ne [Br­ani­mir Hr­go­ta, Anm. d. Red.]. Ge­ra­de, wenn es um De­tails geht, ist es doch in der ei­ge­nen Spra­che ein­fa­cher. Ist Bo­rus­sia gut ge­nug, um die Bay­ern heu­te zu stop­pen? CHRIS­TEN­SEN Das wä­re schön. Wird es Ihr größ­tes Spiel bis­her? CHRIS­TEN­SEN Man­ches­ter und Tu­rin sind ja auch gro­ße Teams, aber na klar, ge­gen die Bay­ern, das ist schon et­was Be­son­de­res.

FOTO: DPA

Den Ball im Blick, den Geg­ner im Griff: Andre­as Chris­ten­sen, hier mit Hof­fen­heims Stür­mer Ke­vin Vol­land.

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