Die Re­ak­tio­nen un­se­rer Le­ser

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT LOKAL -

„Ex ex­pec­to re­sur­rec­tio­nem“, das pracht­voll-hym­ni­sche „Sanc­tus“und schließ­lich das dop­pel­chö­ri­ge „Os­an­na in ex­cel­sis“sin­gen – knapp 13 Mi­nu­ten oh­ne Un­ter­lass höchs­te An­for­de­rung an Wach­heit, Leucht­kraft, Aus­dau­er.

Und an Glau­bens­fes­tig­keit. Na­tür­lich kön­nen die­ses Opus auch in­tel­li­gen­te At­he­is­ten vor­tra­gen, aber ver­mut­lich ist es hilf­reich, wenn man von die­sen Tex­ten des Mes­sOr­di­na­ri­ums und ih­ren In­hal­ten mehr als nur in­tel­lek­tu­ell be­rührt ist. An­ders­her­um ver­mag ge­ra­de die h-Moll-Mes­se Hei­den zu From­men zu ma­chen: weil sie in die Kryp­ta des Glau­bens vor­dringt, dort das Licht der Er­kennt­nis ent­zün­det, aber kei­ne Ne­on­hel­lig­keit ver­brei­tet. Ja, die h-Moll-Mes­se lässt ei­nen stau­nend und stumm zu­rück; sie be­sitzt Mo­men­te des Halb­dun­kels, der Kon­tem­pla­ti­on – Stel­len, an de­nen man sich auf Ze­hen­spit­zen be­we­gen soll­te, um den Hei­li­gen Geist beim We­hen nicht zu stö­ren.

So ei­ne Stel­le ist das En­de des „Con­fi­te­or“, ei­ne Wan­de­rung an der Gren­ze der Har­mo­nik, die man bei ver­nünf­ti­ger Betrachtung fast 170 Jah­re spä­ter in der Mu­sik­ge­schich­te ver­or­ten könn­te. Die „Ver­ge­bung der Sün­den“, um die es dar­in geht, ist ei­ne Sa­che, auf die man bloß hof­fen kann, die aber am En­de al­lein in der Ent­schei­dung hö­he­rer Ge­richts­bar­keit steht. De­mut auf Er­den scheint al­so die an­ge­mes­se­ne Hal­tung, fin­det Bach und kom­po­niert ei­nen Bü­ßer­gang, der an die In­to­na­ti­ons­kunst ei­nes Cho­res höchs­te An­for­de­run­gen stellt. So sehr ge­krümmt hat Bach ei­ne Chor­stim­me sel­ten zu­vor.

Dass der Pro­tes­tant Bach ei­ne Mes­se mit „Cre­do“, „Sanc­tus“und „Ag­nus Dei“kom­po­niert und zwi­schen­durch der Bass­stim­me, die bei Bach im­mer die Stim­me Chris­ti ist, auch die Wor­te „et in unam sanctam ca­tho­li­cam et apos­to­li­cam eccle­si­am“an­ver­traut, ist kein Zu­fall. Bach leg­te sei­ne Kom­po­si­tio­nen nicht al- DÜSSELDORF Viel po­si­ti­ve Re­so­nanz be­kam die „Top 100“-Se­rie; vie­le Rät­sel­fans nah­men am Mu­si­k­quiz auf RP Online teil. Hier Aus­zü­ge aus den Kom­men­ta­ren zu Goertz’ Lis­te. Hans Rup­pelt: „Die Lis­te ist wun­der­bar. Dan­ke für die­se Ar­beit, die mich doch sehr an Mar­cel Reich-Ra­ni­cki er­in­nert.“ Her­mann Oeh­men: „Als aus­schließ­li­cher Vi­nyl-Hö­rer und Strea­m­in­gMei­der kann ich man­che Ent­schei­dung lei­der nicht nach­hö­ren und lein als All­tags­ge­schäft, son­dern als Ewig­keits­werk an. Mu­sik war ei­ne der Wis­sen­schaf­ten, ei­ne ge­lehr­te Dis­zi­plin, und Bach lieb­te es nun mal, sich kom­po­si­to­risch das Le­ben schwer zu ma­chen, da­mit hin­ter­her, bei er­folg­rei­cher Ab­nah­me im Him­mel, der Glanz von dort um­so hel­ler auf ihn schei­ne. Bach dach­te wirk­lich so, dass der lie­be Gott als fer­ner nach­voll­zie­hen. Trotz­dem ei­ne schö­ne Lis­te; et­wa 50 Pro­zent ha­be ich auch auf Vi­nyl (al­ler­dings mit an­de­ren In­ter­pre­ten). Am meis­ten ge­freut hat mich, dass Al­lan Pet­ters­son da­bei war.“ Er­win Bur­ges­meir: „Heu­te le­se ich ih­re wun­der­vol­le Be­schrei­bung der ,Win­ter­rei­se’ auf Platz 5. Mei­ne herz­li­che Gra­tu­la­ti­on zu die­sem be­ein­dru­cken­den Auf­satz, der in sei­ner sub­ti­len Be­schrei­bung die­ses Schu­bert’schen Kunst­werks kaum zu über­tref­fen ist. Tröst­lich, dass in Adres­sat sei­ner Mu­sik ein lie­ben­des Ohr be­sitzt und ei­nem Kom­po­nis­ten das ein­ge­reich­te from­me Werk ent­spre­chend ver­gilt. Nicht grund­los steht „So­li deo glo­ria“– Gott al­lein der Ruhm – un­ter man­chen Wer­ken Bachs. Gott las das im­mer, dach­te und hoff­te Bach.

Die h-Moll-Mes­se, für die es kei­nen Auf­trag­ge­ber gab, war für Bach un­se­rer Zeit der ,Äu­ßer­lich­kei­ten’ noch der­ar­ti­ges pu­bli­ziert wird“ Ko­ma­do­ri (Online-Spitz­na­me): „Wun­der­bar. Die Bil­der­stre­cke sieht ja bei­na­he so aus, als hät­ten Sie sich an mei­nem Plat­ten­schrank be­dient (bloß, dass mein ,Plat­ten­schrank’ in­zwi­schen nur noch in mei­ner iTu­nes-Me­dia­thek exis­tiert. Si­cher wür­de auch Ka­ra­jan heut­zu­ta­ge CDs als ,Gas­licht’ ver­spot­ten).“ Kom­plet­te Lis­te und Mu­si­k­quiz: www.rp-online.de/go­ertz100 al­so ein Mo­dell, das ihm Hin­ga­be ab­ver­lang­te, ähn­lich der „Kunst der Fu­ge“, den „Ka­no­ni­schen Ve­rän­de­run­gen“, dem „Mu­si­ka­li­schen Op­fer“. Da­bei trägt die h-Moll-Mes­se un­ver­kenn­bar Zü­ge des Spät­werks: Zwar ent­stan­den ei­ni­ge Sät­ze, näm­lich die lu­the­ri­sche Kurz­mes­se aus „Ky­rie“und „Glo­ria“, schon 1733, aber in den spä­ten 40er Jah­ren griff Bach wei­ter aus und schuf vor al­lem mit dem „Cre­do“ei­ne Art theo­lo­gisch-mu­si­ka­li­schen Denk- und And­achts­raum, in dem er die kar­di­na­len The­men des Glau­bens ex­em­pla­risch be­ar­bei­te­te. Die Au­fer­ste­hung. Das Le­ben der kom­men­den Welt. Die Ver­ge­bung der Sün­den. Die Au­f­er­we­ckung der To­ten. Sol­che The­men­kom­ple­xe fand Bach ex­trem reiz­voll; der pro­tes­tan­ti­sche Got­tes­dienst hielt ei­ne sol­che Ver­dich­tung wie im „Cre­do“-Text ja nicht be­reit. Al­so dach­te Bach, dar­in sei­ner Zeit vor­aus, öku­me­nisch. Aber auch öko­no­misch: Es blieb bei ei­ner Mes­se. Sie war ein ein­ma­li­ger Fremd­gang.

Na­tür­lich hät­te sich die­se „Top 100“-Lis­te der Klas­sik auch für die

FOTO: IMSLP

Jo­hann Se­bas­ti­an Bach, h-Moll-Mes­se, Be­ginn des „Cre­do“, des so­ge­nann­ten „Sym­bo­lum Ni­ce­num“. Der Satz ist kon­tra­punk­tisch sehr streng ge­hal­ten und wirkt wie ein archai­sches Por­tal in das Glau­bens­be­kennt­nis.

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