Zwei Schwes­tern

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Ich sag­te „her­ein“, et­was gur­ge­lig durch das lau­fen­de Was­ser, und Ju­dith kam her­ein und er­zähl­te mir ei­ne Men­ge Din­ge, die ich schon wuss­te – dass John Tho­mas Finch am nächs­ten Tag um 14 Uhr 48 in Ba­kers­field sein wer­de etc. und dass sie ver­sucht ha­be, mich ans Te­le­fon zu ho­len, mich aber nir­gends ha­be fin­den kön­nen.

„Ach ja?“, frag­te ich. „Wo war ich denn?“

„Du hät­test dir das Ge­sicht ja auch ir­gend­wann an­ders wa­schen kön­nen“, sag­te sie. Sie klang auf­rich­tig ent­täuscht. „Du hät­test doch nicht weg­ren­nen müs­sen.“„Doch“, sag­te ich. „Aber war­um?“Ich dreh­te das Was­ser ab, zog ein Hand­tuch vom Hand­tuch­hal­ter und tupf­te mir das Ge­sicht ab.

„Ich kann Ein­sei­tig­keit nicht lei­den“, sag­te ich und sorg­te da­für, dass das Hand­tuch mein Ge­sicht mehr oder we­ni­ger be­deck­te.

„Was?“, hör­te ich Ju­dith in ei­nem Ton sa­gen, der nicht über­mä­ßig hel­le klang, auch wenn Jack Finch sie ge­ra­de erst als blitz­ge­scheit be­zeich­net hat­te.

Ich hielt mir das Hand­tuch mit bei­den Hän­den vor die Au­gen und er­klär­te ihr, was ich mein­te – dass ich kei­ne Se­kun­de zö­gern wür­de, mir ei­ne Un­ter­hal­tung zwi­schen ihr und ih­rem Zu­künf­ti­gen oder auch sonst­wem an­zu­hö­ren, so­fern ich bei­de Be­tei­lig­ten hö­ren konn­te, aber nur die ei­ne Sei­te ei­ner Un­ter­hal­tung oh­ne die an­de­re klin­ge ein­fach aus­ge­spro­chen ob­szön. Ein schlich­tes Wort wie Ja zum Bei­spiel kön­ne die aben­teu­er­lichs­ten Be­deu­tun­gen an­neh­men, wenn man durch ein­sei­ti­ges Zu­hö­ren ge­zwun­gen sei, die ihm vor­an­ge­gan­ge­ne Fra­ge zu er­fin­den.

Ich nahm das Hand­tuch von den Au­gen und schau­te kurz zu ihr hin­über. Sie run­zel­te nach­denk­lich die Stirn und war­te­te dann mit ei­ner ziem­lich gu­ten Ant­wort auf.

„Es kommt dar­auf an, wer die Fra­ge er­fin­det“, sag­te sie.

Mir blieb nur, ihr zu dan­ken, was ich auch tat, und zwar durch­aus lie­bens­wür­dig, wäh­rend sie mich mit ei­nem ge­ra­de­zu müt­ter­li­chen Ge­sichts­aus­druck be­trach­te­te, ei­nem von Gran­nys Ge­sichts­aus­drü­cken.

„Du hast ei­nen ganz schö­nen Son­nen­brand, weißt du das ei­gent­lich?“

Ich häng­te das Hand­tuch auf und schau­te in den Spie­gel. Sie hat­te recht, ich war viel zu rot. Ju­dys Ge­sicht über mei­ner Schul­ter sah aus wie das ei­ner voll­kom­men an­de­ren Person, ganz glatt und von der ru­hi­gen Far­be von San­del­holz. Aber es war nicht nur ein farb­li­cher Un­ter­schied; so wie sie ge­ra­de aus­sah, hat­te ich sie bis­her ein- oder zwei­mal ge­se­hen – je­den­falls nicht oft. Viel­leicht lag es dar­an, wie sie das Strand­tuch über Schul­tern und Na­cken dra­piert hat­te, oder viel­leicht war es ih­re be­sorg­te Mie­ne we­gen mei­nes Son­nen­bran­des; aber wenn ich wie ei­ne Drya­de aus­sah, dann sah sie aus wie ei­ne Ma­don­na.

„Willst du da nicht was drauf­tun?“, frag­te sie in den Spie­gel, und ich schau­te eben­falls hin­ein, sah aber nicht mich an, son­dern sie, und sag­te ihr, sie wer­de für ir­gend­je­man­den be­stimmt mal ei­ne wun­der­ba­re Mut­ter ab­ge­ben, aber sie sol­le bit­te nicht an mir üben.

Es war in­ter­es­sant, was sich in ih­rem Ge­sicht tat, als mei­ne Bot­schaft bei ihr an­kam. Die rein müt­ter­li­che Mie­ne fiel in sich zu­sam­men oder wich viel­mehr ei­ner Mie­ne, die im­mer noch mit dem dra­pier­ten Hand­tuch in Ver­bin­dung stand, sehr fromm und kum­mer­voll, der Mie­ne ei­ner Mut­ter, so mei­ne In­ter­pre­ta­ti­on, de­ren er­wach­se­nes Kind un­säg­li­che De­mü­ti­gun­gen von Män­nern hat hin­neh­men müs­sen.

(Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.