In St­ein ge­mei­ßelt

Mit Ham­mer und Mei­ßel trieb man auf dem in­di­schen Sub­kon­ti­nent et­wa 1000 Jah­re lang rie­si­ge Tem­pel­an­la­gen in mo­no­li­thi­sches Gestein. Die meis­ten An­la­gen be­fin­den sich im Bun­des­staat Ma­ha­rash­tra.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINDERSEITE - VON MICHA­EL JUHRAN

Et­wa 90 mal 60 Me­ter misst die Gr­und­flä­che des Kai­la­sa. Es ist der welt­weit größ­te mo­no­li­thi­sche Tem­pel in Ell­ora, 30 Ki­lo­me­ter vor den To­ren der in­di­schen Me­tro­po­le Aur­an­ga­bad. Wäh­rend der et­wa 150-jäh­ri­gen Bau­zeit muss­ten per Hand 200.000 Ton­nen Bas­alt aus ei­nem rie­si­gen Fels­mo­no­li­then her­aus­ge­schla­gen wer­den, bis ein fi­li­gran ge­ar­bei­te­ter Tem­pel­kom­plex mit un­ter­schied­li­chen Funk­ti­ons­räu­men und Hal­len ent­stand, reich­lich ver­ziert und in­nen ge­schmückt mit Skulp­tu­ren, die der hin­du­is­ti­schen Leh­re ent­stam­men. Man muss kein Hin­du sein, um von der Schön­heit und Ma­gie des Tem­pels ver­zau­bert zu wer­den. Und doch weist die Sta­tis­tik für 2014 nur 25.000 aus­län­di­sche Be­su­cher aus.

Im et­wa 100 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Ajan­ta sind 30 ähn­li­che Mo­no­lithtem­pel zu Eh­ren Bud­dhas zu be­wun­dern, in de­nen noch Wand­ma­le­rei­en in der ur­sprüng­li­chen Far­ben­pracht die Be­su­cher in Er­stau­nen ver­set­zen. In den vom 2. Jahr­hun­dert vor Chris­tus bis zum 7. Jahr­hun­dert ent­stan­de­nen Ge­bets­tem­peln und Mönchs­un­ter­künf­ten be­fin­den sich er­staun­lich de­tail­ge­treue und per­spek­ti­vi­sche Ma­le­rei­en auf Putz – Zeug­nis­se von ho­hem künst­le­ri­schem Aus­druck und wirt­schaft­li­cher Blü­te­zeit. „So­wohl Ajan­ta als auch Ell­ora la­gen einst an der Ge­würz­rou­te, die et­wa 50 Ki­lo­me­ter nörd­lich des heu­ti­gen Mum­bai bis tief ins Lan­des­in­ne­re führte“, er­klärt Gui­de Na­ra­yan Se­thi den eins­ti­gen Wohl­stand, mit dem Hun­der­te St­ein­met­ze, Ma­ler und Hand­wer­ker zahlt wer­den konn­ten.

Mit dem Auf­schwung des See­han­dels ent­stan­den wei­te­re Han­dels­rou­ten, die von der in­di­schen West­küs­te ins Lan­des­in­ne­re und bis nach Chi­na reich­ten. Im 16. Jahr­hun­dert ka­men die Por­tu­gie­sen und mach­ten aus der vor den To­ren Mum­bais lie­gen­den In­sel Ele­phan­ta kur­zer­hand ein Aus­bil­dungs­la­ger für Sol­da­ten. Da­bei

be- zer­stör­ten sie vie­le der Kunst­schät­ze in den Mo­no­lithtem­peln.

Für die 20 Mil­lio­nen Ein­woh­ner der Küs­ten­me­tro­po­le ist Ele­phan­ta den­noch ein äu­ßerst be­lieb­tes Frei­zeit­ziel, denn die hie­si­gen Shi­va-Skulp­tu­ren rech­nen Wis­sen­schaft­ler zu den wich­tigs­ten hin­du­is­ti­schen Kunst­schät­zen. Nicht ein­mal ei­ne St­un­de be­nö­ti­gen die Fäh­ren für die Über­fahrt vom „Ga­te­way of In­dia“im Ha­fen von Mum­bai bis zum Ei­land mit den aus schwar­zem Vul­kan­ge­stein ge­schla­ge­nen Höh­len­tem­peln, in de­nen Hin­dus täg­lich ih­rem Gott Shi­va mit Blu­men und Früch­ten hul­di­gen.

Da­heim vor dem Fern­seh­ge­rät oder in ei­nem der vie­len Mul­ti­plex­ki­nos Mum­bais wer­den al­ler­dings ganz an­de­re „Göt­ter“ver­ehrt. Bol­ly­wood pro­du­ziert welt­weit die meis­ten Fil­me. Selbst Ge­ring­ver­die­ner krat­zen je­de Wo­che 150 bis 500 Ru­pi­en (2,50 bis 7,50 Eu­ro)

Ein fi­li­gran ge­ar­bei­te­ter Tem­pel­kom­plex, reich­lich ver­ziert und ge­schmückt

zu­sam­men, um frei­tags ja nicht die Pre­mie­re des neu­es­ten Films zu ver­pas­sen.

In der 1977 ge­grün­de­ten Film­ci­ty er­hält man ei­nen Ein­blick ins Film­ge­schäft. „Et­wa 500 Pro­du­zen­ten nut­zen un­ser Ge­län­de jähr­lich“, weiß der stell­ver­tre­ten­de Ge­schäfts­füh­rer der Film­ci­ty Om­veer Sai­ni zu be­rich­ten. „Täg­lich wird hier an durch­schnitt­lich 50 Film­sets mit je 100 Leu­ten ge­ar­bei­tet.“

Fährt man über das 208 Hekt­ar gro­ße Ge­län­de, so trifft man tat­säch­lich an je­der Ecke auf Re­gis­seu­re, Schau­spie­ler und den zu­ge­hö­ri­gen Tross an Tech­ni­kern, Mas­ken­bild­nern und As­sis­ten­ten. Der 25 Jah­re al­te Schau­spie­ler Va­run To­or­key schaff­te vor an­dert­halb Jah­ren den Sprung vom Mo­del-Le­ben zum Fern­seh­star – seit über zwei Mo­na­ten läuft sei­ne Se­rie auf ei­nem der et­wa 100 in­di­schen Fern­seh­ka­nä­le. Doch der jun­ge Mann gibt sich be­schei­den: „Ge­ra­de in den länd­li­chen Re­gio­nen ei­fert man ger­ne sei­nen Fil­mido­len nach. Des­halb soll­ten wir Schau­spie­ler zei­gen, dass wir ganz nor­ma­le Men­schen sind und kei­ne Göt­zen.“Schlägt man al­ler­dings die Ta­ges­zei­tung „Ti­mes of In­dia“ auf, so neh­men die Klatsch­ge­schich­ten über Schau­spie­ler je­den Tag zwei bis drei Sei­ten in An­spruch. Und fährt man am Wohn­haus des Schau­spie­lers Sha Rukh Khan im no­blen Stadt­teil Ban­dra West vor­bei, so trifft man auf Hun­der­te Ju­gend­li­che, die auf ihr Idol war­ten. Das Wohn­haus ist scharf be­wacht und äh­nelt eher ei­nem Tem­pel – scheint so, als schlie­ße sich hier der Kreis zu den Göt­ter­tem­peln. Die Re­dak­ti­on wur­de von In­dia Tou­rism und Ma­ha­rash­tra Tou­rism zu der Rei­se ein­ge­la­den.

FOTO: THINKSTOCK/RATTHAM

Der Kai­la­sa Tem­pel in Ell­ora wur­de aus ei­nem Fels­mo­no­li­then her­aus­ge­schla­gen. Fer­tig­ge­stellt wur­de er um das Jahr 900.

Von den Fel­sen­tem­peln nach Bol­ly­wood: Nur ei­ne St­un­de dau­ert die Über­fahrt vom Ga­te­way of In­dia zur In­sel Ele­phan­ta.

Oh­ne Mas­ke kommt auch in Bol­ly­wood kein Schau­spie­ler aus.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.