Kind und Kar­rie­re ver­ein­ba­ren

Wer Fa­mi­lie und Be­ruf un­ter ei­nen Hut brin­gen will, muss gut or­ga­ni­sie­ren kön­nen. Er soll­te sich auch von den ak­tu­el­len Sach­bü­chern zu dem The­ma nicht ab­schre­cken las­sen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINDERSEITE - VON KRIS­TIN KRUTHAUP

Wer En­de Zwan­zig ist, will oft bei­des: Ei­nen Job und ein Kind. Jah­re­lang hat man die Aus­bil­dung ge­macht oder stu­diert, dann den Be­rufs­ein­stieg ge­schafft. Die Fa­mi­li­en­grün­dung wä­re für vie­le jetzt der nächs­te Schritt. Doch wenn der Tag im Job lang war, mel­den sich bei vie­len die Zwei­fel. Bei­des zu ver­ein­ba­ren, schafft man das über­haupt? Oder läuft man se­hen­den Au­ges in die Über­for­de­rung? Und wenn ja: Wel­che Schlüs­se zieht man dann dar­aus? Lässt sich die Über­for­de­rung von vor­ne­her­ein mit gu­ter Pla­nung um­ge­hen?

Im Ab­stand von we­ni­gen Mo­na­ten sind zu­letzt meh­re­re Sach­bü­cher auf den Markt ge­kom­men, in de­nen es um die Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Be­ruf geht. Bei al­len Un­ter­schie­den ha­ben die Bü­cher ei­ne ge­mein­sa­me Kern­aus­sa­ge: Fa­mi­lie und Kar­rie­re – so wie sie bis­her ge­dacht wer­den – sind un­ver­ein­bar.

Die „Zeit“-Re­dak­teu­re Marc Brost und Hein­rich We­fing ar­bei­ten in ih­rem Buch vier Ur­sa­chen her­aus, mit de­nen sie die Un­ver­ein­bar­keit be­grün­den. Da ist die Be­schleu­ni­gung des Ar­beits­le­bens. Durch neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Trans­port­we­ge ha­be sich die Ge­schwin­dig­keit im Job er­höht. Im Be­ruf müss­ten Mit­ar­bei­ter sich im­mer schnel­ler und häu­fi­ger in Neu­es ein­ar­bei­ten. Da­durch blei­be we­ni­ger Zeit für die Fa­mi­lie. Gleich­zei­tig bre­chen tra­di­tio­nel­le Ge­schlech­ter­rol­len weg. Frau­en wol­len und müs­sen heu­te be­rufs­tä­tig sein. Vä­ter wol­len sich in der Fa­mi­lie stär­ker ein­brin­gen. Neue Rol­len­vor­bil­der feh­len bis­lang. Wer heu­te Va­ter und Mut­ter ist, hat kei­ne Bei­spie­le da­für, wie Fa­mi­lie im be­schleu­nig­ten Ar­beits­all­tag funk­tio­nie­ren kann. Wer Kar­rie­re ma­chen will, muss lan­ge im Bü­ro blei­ben und Prä­senz zei­gen. Doch das geht wie­der­um von der Zeit mit der Fa­mi­lie ab. Und schließ­lich sind da die ei­ge­nen Er­war­tun­gen: Man woll­te doch et­was rei­ßen und er­folg­reich sein! Wo­her da noch die Zeit für ein Kind neh­men? Das Re­sü­mee zie­hen die Au­to­ren schon im Ti­tel: „Geht al­les gar nicht“.

Die Jour­na­lis­tin­nen Su­san­ne Gar­soff­ky und Britta Sembach kom­men in ih­rer Analyse zu ähn­li­chen Er­geb­nis­sen. In ih­rem Schluss sind sie noch dras­ti­scher. Jah­re­lang hät­ten sie ge­glaubt, dass bei­des, al­so Kind und Kar­rie­re, mög­lich ist. Be­reits kurz nach der Ge­burt sind sie in Voll­zeit in den Job zu­rück­ge­kehrt. Sie rei­ben sich auf zwi­schen Fa­mi­lie und Job. Als die Kin­der in der Grund­schu­le sind, kün­di­gen sie. Ihr Le­bens­kon­zept, Fa­mi­lie und Kar­rie­re ver­ein­ba­ren zu kön­nen, sei ge­schei­tert. Au­tor Mal- te Wel­ding schreibt, Kin­der zu be­kom­men, be­deu­te Mit­glied im Fight Club zu wer­den.

Ha­ben Be­rufs­tä­ti­ge noch kei­ne Kin­der und le­sen die­se drei Bü­cher dürf­ten vie­le min­des­tens ver­un­si­chert sein. Fight Club? War das nicht der Film, in dem sich Men­schen in ei­nem Kel­ler tref­fen und sich ge­gen­sei­tig kran­ken­haus­reif prü­geln? Da wol­len die meis­ten frei­wil­lig nicht hin­ein­ge­ra­ten. Al­so al­les Lü­ge, dass man bei­des ha­ben kann?

„Un­ser Buch ist ei­ne Be­stands­auf­nah­me, kei­ne Ka­pi­tu­la­ti­ons­er­klä­rung“, sagt We­fing. Es sei ei­ne Ver­ar­bei­tung ih­rer Si­tua­ti­on als be­rufs­tä­ti­ge Vä­ter. Sie hät­ten ih­ren Frust auf­ge­schrie­ben, dass die Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Be­ruf in der der­zei­ti­gen Form nicht funk­tio­niert. Ihr Buch sei der Ver­such, all den über­for­der­ten Vä­tern und Müt­tern ei­ne Stim­me zu ge­ben und zu sa­gen: Wir sto­ßen al­le an ei­ne Gren­ze. Brost er­gänzt: „Nie­mand weiß im Mo­ment, wie es ge­hen soll. Aber das be­deu­tet nicht, dass wir ver­zagt sind. Wir wol­len ein­fach nur, dass end­lich nach Lö­sun­gen ge­sucht wird.“

Gar­soff­ky und Sembach wol­len ihr Buch auch als Auf­for­de­rung an Po­li­tik und Wirt­schaft ver­stan­den wis­sen, Ver­ein­bar­keit von Be­ruf und Fa­mi­lie neu zu den­ken. Al­le Au­to­ren sa­gen klar: Um ei­ne bes­se­re Ver­ein­bar­keit zu er­rei­chen, reicht es nicht aus, dass sich die ein­zel­nen Fa­mi­li­en an­ders or­ga­ni­sie­ren. Viel­mehr müs­se es neue, ge­sell­schaft­li­che Kon­zep­te ge­ben. Doch der Ein­zel­ne kommt da­mit auf die Schnel­le nicht weit. Was bleibt den jun­gen Be­rufs­tä­ti­gen üb­rig, die sich viel­leicht jetzt für Kin­der ent­schei­den müs­sen oder den Zeit­punkt ver­pas­sen?

„Es gibt kei­nen Mas­ter­plan“, sagt Lena Schröder-Dön­ges. Sie coacht jun­ge Be­rufs­tä­ti­ge, die über­le­gen, ein Kind zu be­kom­men, so­wie jun­ge El­tern, die nach der Ba­by­pau­se in den Be­ruf wie­der ein­stei­gen wol­len. Be­rufs­tä­ti­ge, die Kin­der be­kom­men, tanz­ten auf zwei Hoch­zei­ten. „Das kann sich vor­her kei­ner vor­stel­len, was das be­deu­tet.“

Hilf­reich ist, bei der Ar­beit­ge­ber­wahl dar­auf zu ach­ten, wie der Be­trieb zum The­ma Ver­ein­bar­keit steht, sagt Kar­rie­re­coach Sil­ke Me­kat. Wirbt der Ar­beit­ge­ber zum Bei­spiel da­mit, fa­mi­li­en­freund­lich zu sein? Gleich im Be­wer­bungs­ge­spräch das The­ma an­zu­spre­chen, da­vor scheu­en sich zwar vie­le. Doch wenn ein Un­ter­neh­men da­mit wirbt, fa­mi­li­en­freund­lich zu sein, soll­ten Be­wer­ber ru­hig mu­tig sein und sich er­kun­di­gen, wie das kon­kret aus­sieht, rät Me­kat. Letzt­end­lich blei­be aber nur je­dem Paar üb­rig, sei­nen ei­ge­nen Weg zu fin­den.

FOTO: THINKSTOCK/IN­GRAM PU­BLIS­HING

Schon bei der Be­wer­bung soll­ten Ar­beit­neh­mer dar­auf ach­ten, wie fa­mi­li­en­freund­lich ein Un­ter­neh­men ist. Wirbt der Ar­beit­ge­ber so­gar of­fen da­mit, soll­te man nach­fra­gen, wie die Um­set­zung kon­kret aus­sieht.

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