Be­wusst­seins­er­wei­te­rung am Steu­er

Wer sich an ei­nen pro­fes­sio­nel­len Fahr­trai­ner wen­det, lernt Din­ge, die in der Fahr­schu­le nicht vor­ka­men. Be­darf se­hen Ex­per­ten vor al­lem bei jun­gen Fah­rern.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINDERSEITE - VON STE­FAN WEISSENBORN

Dicht ge­drängt wie Ei­sen­bahn­wag­gons schie­ben sich die Au­tos am Mor­gen in die Stadt. Si­cher­heits­ab­stand? Pah. Braucht kein Pend­ler. Selbst auf Au­to­bah­nen bei ho­hem Tem­po ge­hört dich­tes Auf­fah­ren zum gu­ten Ton. Es könn­te sich ja je­mand von rechts da­zwi­schen mo­geln und wich­ti­ge Se­kun­den rau­ben. Au­ßer­dem: Wo­zu gibt es Brem­sen?

Hier set­zen Fahr­si­cher­heits­trai­nings an, die ne­ben dem Kön­nen auch das Be­wusst­sein für Ge­fah­ren schär­fen sol­len. Wo­bei Dirk Mül­ler, Lei­ter des ADAC-Fahr­si­cher­heits­zen­trums Ko­blenz-Nür­burg­ring, ein Di­lem­ma ein­räumt. Oft er­schie­nen Au­to­fah­rer zu den Trai­nings, die oh­ne­hin ein ge­stei­ger­tes Si­cher­heits­be­wusst­sein hät­ten. Und die wah­ren Rü­pel wür­den nicht er­reicht.

Doch auch ein­sich­ti­gen Teil­neh­mern kön­nen Ri­si­ken auf­ge­zeigt und Tricks bei­ge­bracht wer­den, die sie noch nicht ken­nen. Ein Bei­spiel: „Der Sitz wird von vie­len Au­to­fah­rern nur als be­que­mes Bau­teil zum Nie­der­las­sen ge­se­hen“, sagt Mül­ler. Da­bei kön­ne ei­ne fal­sche Ein­stel­lung fa­tal sein, weil dem Fah­rer zum rich­ti­gen Brem­sen die an­ge­mes­se­ne He­bel­wir­kung feh­le. „Bei un­se­ren Teil­neh­mern stel­len wir im­mer wie­der fest, dass sie an­fangs nur 50 bis 60 Pro­zent der Brems­leis­tung ab­ru­fen, man lässt zu viel Brems­weg lie­gen.“

Rich­ti­ges Brem­sen, Len­ken und die Kom­bi­na­ti­on aus rich- ti­gem Brem­sen und Len­ken, das sind laut Mül­ler die Kern­the­men klas­si­scher Fahr­si­cher­heits­trai­nings. Wort­wört­lich lässt sich er­fah­ren, wie sich ei­ne Voll­brem­sung in der Kur­ve an­fühlt. Oder wie sich ein Au­to auf grif­fi­ger oder glat­ter Fahr­bahn ver­hält und was zu tun ist, wenn das Au­to aus­bricht. „Es geht um die­se Dy­na­mik und wie man sie ab­fe­dert, um Be­wusst­seins­er­wei­te­rung“, sagt Mül­ler.

Das be­trifft Ju­gend­li­che mit ih­rem sprich­wört­li­chen Leicht­sinn eben­so wie Se­nio­ren, die auf­grund ih­rer Er­fah­rung am Steu­er wo­mög­lich über­heb­lich wer­den: „Mir pas­siert doch nichts, ich fah­re den Weg im Schlaf“, gibt Han­ne­lo­re Her­lan von der Deut­schen Ver­kehrs­wacht ei­ne ty­pi­sche, aber ver­häng­nis­vol­le Ein­stel­lung er­fah­re­ner Kraft­fah­rer wie­der. Aber auch die Jun­gen ha­ben Be­darf an Ex­tra­schu­lun­gen, fin­det Mül­ler. Nur tau­chen die­se meist nicht aus Ei­gen­in­itia­ti­ve auf, son­dern auf An­stoß von El­tern oder Be­kann­ten.

Beim Fahr­si­cher­heits­trai­ning geht es um die rich­ti­ge Re­ak­ti­on in Si­tua­tio­nen, die man nicht all­täg­lich hin­term Steu­er erlebt, für die man kei­ne Rou­ti­ne aus­bil­den kann. „Es geht um rich­ti­ge Ver­hal­tens­wei­sen in Ge­fah­ren­si­tua­tio­nen, die im Ernst­fall un­über­legt ab­ge­ru­fen wer­den sol­len. Wenn ich erst nach­den­ken muss, ist es zu spät. Es geht nicht um Ge­schwin­dig­keit“, be­tont Mül­ler. In der ge­schütz­ten Um­ge­bung der Übungs­plät­ze wer­den die­se Knif­fe hin­term Steu­er si­mu­liert und Re­fle­xe trai­niert, auch Aus­weich­ma­nö­ver. „Das geht weit über das hin­aus, was man in der Fahr­schu­le ge­lernt hat“, er­gänzt Ver­kehrs­wach­tSpre­che­rin Her­lan.

Um das neu Er­lern­te frisch zu hal­ten, emp­fiehlt Mül­ler al­le zwei Jah­re ein Trai­ning zu

Dirk Mül­ler ADAC-Fahr­si­cher­heits­zen­trum be­su­chen. „Auch, wenn man ein neu­es Au­to mit mög­li­cher­wei­se vie­len tech­ni­schen In­no­va­tio­nen hat, ist ei­ne Teil­nah­me sinn­voll.“So ler­ne man zum Bei­spiel, dass man ei­ne An­tischlupf­re­ge­lung (ASR) aus­schal­ten muss, um sich im Schnee fest­ge­fah­ren wie­der frei­schau­keln zu kön­nen.

Das An­ge­bot an Fahr­si­cher­heits­trai­nings ist groß. Nicht nur die Ver­kehrs­clubs bie­ten sie an, auch Prüf­or­ga­ni­sa­tio­nen wie die Dekra oder der Tüv so­wie die Ver­kehrs­wach­ten. Und selbst Au­to­her­stel­ler und Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten mi­schen mit. Um ei­nen ge­wis­sen Qua­li­täts­stan­dard zu ge­währ­leis­ten, soll­ten In­ter­es­sier­te auf Zer­ti­fi­ka­te ach­ten. Ei­ne Lis­te von zer­ti­fi­zier­ten An­bie­tern pflegt der Deut­sche Ver­kehrs­si­cher­heits­rat (DVR) auf sei­ner Web­sei­te.

Da­bei er­reicht das hö­he­re Si­cher­heits­ni­veau of­fen­bar nicht je­den Au­to­fah­rer auf die glei­che Wei­se. Der ADAC hat ne­ben ei­nem „Ba­sis-Trai­ning“auch ein „Ge­ne­ra­ti­on-PlusTrai­ning“, ein „Jun­ge-Fah­rer­Trai­ning“oder ein „Frau­en­Trai­ning“im Pro­gramm. Im Grun­de wer­den aber im­mer die glei­chen Fer­tig­kei­ten ver­mit­telt, so ADAC-Trai­ner Mül­ler. Bei den ver­schie­de­nen Ziel­grup­pen ge­he es dar­um, dass sich die Teil­neh­mer wohl­füh­len und auch De­fi­zi­te ein­räu­men: „Tat­säch­lich wird in Frau­en­run­den im­mer wie­der nach der bes­ten Ein­park­tech­nik ge­fragt.“Ge­ne­rell könn­ten die Kurs­teil­neh­mer mit in­di­vi­du­el­len An­lie­gen auf den Trai­ner zu­kom­men, sagt Her­lan.

Klas­si­sche Fahr­si­cher­heits­trai­nings dau­ern in der Re­gel ei­nen Tag und kos­ten an­bie­ter­über­grei­fend um die 80 bis 100 Eu­ro. „Das ist ei­ne ge­winn­brin­gen­de In­ves­ti­ti­on“, sagt Mül­ler. Es emp­fiehlt sich laut den Ex­per­ten, mit dem ei­ge­nen Au­to an­zu­rei­sen, meis­tens ist auch nur dies vor­ge­se­hen: „Dar­um geht es doch – dass im All­tag Fah­rer und Wa­gen auf­ein­an­der ab­ge­stimmt sind.“

„Un­se­re Teil­neh­mer ru­fen an­fangs nur 50 bis 60 Pro­zent der Brems­leis­tung ab“

FOTOS: ADAC

Kon­trol­liert ge­schleu­dert: Die Her­aus­for­de­run­gen in ei­nem Fahr­trai­ning ge­hen weit über das hin­aus, was Au­to­fah­rer aus der Fahr­schu­le ken­nen.

Im Fahr­trai­ning geht es oft nicht nur um Ge­fah­ren­si­tua­tio­nen, son­dern auch um tech­ni­sche De­tails am Au­to – vom Rei­fen bis zum Sitz.

Ge­ra­de Füh­rer­schein­neu­lin­ge kön­nen noch viel ler­nen.

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