Vier Pre­mie­ren und ein To­des­fall

Erst­mals in der Ge­schich­te der „Lin­den­stra­ße“wur­de ei­ne Fol­ge li­ve ge­sen­det. Das ge­lang oh­ne grö­ße­re Pan­nen. Für Auf­re­gung sorg­te die Nach­richt, dass es ei­nen To­ten ge­ben wür­de: Erich Schil­ler (Mock­ridge) schei­det nach 24 Jah­ren aus.

Rheinische Post Moenchengladbach - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON LESLIE BROOK, STEFANI GEILHAUSEN UND LAU­RA IHME

KÖLN So ist das in der „Lin­den­stra­ße“: kei­ne Freu­de oh­ne Leid. Mil­lio­nen Fans hat­ten der Live­sen­dung zum 30. Se­ri­en­ge­burts­tag ent­ge­gen­ge­fie­bert, und aus­ge­rech­net in die­ser „Lin­den­stra­ßen“-Pre­mie­re muss­ten sie sich von ei­ner lieb­ge­won­ne­nen Fi­gur ver­ab­schie­den: Erich Schil­ler ist tot. Auch wenn der auf­ge­bahr­te Schau­spie­ler Bill Mock­ridge sicht­bar hef­tig at­me­te: Der zwei­te Mann von Mut­ter Bei­mer (Ma­rie-Lui­se Mar­jan) ist nach 24 Se­ri­en­jah­ren von ihr ge­gan­gen.

Pre­mie­re eins Zum ers­ten Mal in der 30-jäh­ri­gen Ge­schich­te der ARD-Se­rie ist ges­tern Abend ei­ne Fol­ge li­ve aus­ge­strahlt wor­den. Doch die Nach­richt, dass Bill Mock­ridge und sei­ne Fi­gur Erich Schil­ler aus­schei­den wür­den, stell­te den Rest der Li­ve-Fol­ge in den Schat­ten. Die Fans über­schlu­gen sich mit ih­ren Kom­men­ta­ren in den so­zia­len Netz­wer­ken. Schon vor der Aus­strah­lung hat­te es Wir­bel ge­ge­ben, weil be­kannt ge­wor­den war, dass es in der Fol­ge ei­nen To­ten ge­ben wür­de. Im­mer wenn ei­ne be­lieb­te Fi­gur ster­be, sei das mit Pro­tes­ten der Zu­schau­er ver­bun­den, sag­te Mo­de­ra­tor Thors­ten Schorn, be­vor klar war, um wen es sich han­deln soll­te.

So rich­tig über­ra­schend aber kam der To­des­fall für In­si­der nicht: Für sei­ne Art un­ge­wöhn­lich di­rekt und kämp­fe­risch hat­te er vo­ri­gen Sonn­tag Par­tei für die er­grif­fen, die sich ge­gen An­ge­li­nas Haus­ver­kaufs­plä­ne stel­len. Und un­will­kür­lich frag­te man sich da, ob so­viel Kamp­fes­lust sich mit sei­nem trans­plan­tier­ten Her­zen auf Dau­er ver­tra­gen wür­de. Dass nun an­schei­nend je­mand heim­tü­ckisch nach­ge­hol­fen hat, lässt Erich aber dann doch auf bis­lang ein­zig­ar­ti­ge Wei­se aus­schei­den: Nie zu­vor hat es ei­nen Mord an ei­ner ak­ti­ven Rol­le ge­ge­ben. (Ein­zi­ge Aus­nah­me: der ge­walt­sa­me Tod des klei­nen Max – der war da aber schon nur noch ge­le­gent­li­cher Gast in der „Lin­den­stra­ße“).

Der Ab­schied von Bill Mock­ridge ist aber of­fen­bar al­les an­de­re als frei­wil­lig: „Das hat die Pro­duk­ti­on ent­schie­den, und ich ge­he äu­ßerst un­gern. Ich wä­re sehr ger­ne bei mei­ner zwei­ten Fa­mi­lie ge­blie­ben“, sag­te der Schau­spie­ler spä­ter. Die „Lin­den­stra­ße“wer­de er jetzt je­den Sonn­tag um 18.50 Uhr – wie im Schnitt 2,5 Mil­lio­nen Men­schen – vor dem Fern­se­her ver­fol­gen.

Ei­ne Wo­che lang hat­te sich das Team auf die Epi­so­de 1559 vor­be­rei- tet, nor­ma­ler­wei­se wird ei­ne Fol­ge der „Lin­den­stra­ße“in­ner­halb von vier Ta­gen ab­ge­dreht. Aber: Das Dreh­buch muss­te um­ge­schrie­ben wer­den, denn es war zu­vor von den Au­to­ren Ire­ne Fi­scher und Micha­el Meis­heit für ei­ne „nor­ma­le“Sen­dung kon­zi­piert wor­den. An der Fol­ge wirk­ten in­klu­si­ve Kom­par­sen 180 Leu­te mit. In der ver­gan­ge­nen Wo­che war ei­ne Men­ge schief­ge­gan­gen: „Es gab kei­nen Durch­lauf, bei dem nicht je­mand im Hin­ter­grund durchs Bild ge­lau­fen ist oder ei­ne Ka­me­ra oder ein Mi­kro­fon zu se­hen war“, sag­te Pro­du­zen­tin Ha­na Gei­ßen­dör­fer. Al­le Schau­spie­ler – ak­tu­ell zäh­len 34 Er­wach­se­ne zum En­sem­ble – wa­ren in der Fol­ge zu se­hen. Die Kin­der spiel­ten we­gen der spä­ten Uhr­zeit nicht mit.

Be­spielt wur­den sechs Sets, zwölf Ka­me­ras wa­ren im Ein­satz. Teil­wei­se blie­ben den Schau­spie­lern nur zwei Mi­nu­ten Zeit, um von ei­nem Ort zum an­de­ren zu het­zen. Doch das merk­te der Zu­schau­er am Bild­schirm kaum. Hoch­pro­fes­sio­nell agier­ten die Darstel­ler – es gab kei­ne Text­hän­ger – und die Bild- und Ton- re­gie war gut ab­ge­stimmt. Zu Be­ginn ent­hüll­te Mo­de­ra­tor Thors­ten Schorn, dass am Set längst nicht al­les so ist, wie es dem Zu­schau­er sug­ge­riert wird. So gibt es hin­ter der Ein­gangs­tür von Haus­num­mer drei gar kein Trep­pen­haus, und wer aus den Zim­mern raus­geht, der steht nicht auf der Lin­den­stra­ße, son­dern in ei­nem lee­ren Raum.

Pre­mie­re zwei Die Ti­tel­me­lo­die und die kom­plet­te Film­mu­sik kam die­ses Mal nicht vom Band, son­dern wur­de li­ve auf der Mund­har­mo­ni­ka und dem Kla­vier ge­spielt vom Er­fin­der der Se­rie Hans W. Gei­ßen­dör­fer und dem Kom­po­nis­ten Jür­gen Knie­per. „Groß­ar­tig üben muss­te ich das nicht. Schon vor 35 Jah­ren war ich es näm­lich, der die Mund­har­mo­ni­ka für die Ti­tel­me­lo­die ein­ge­spielt hat“, sag­te Gei­ßen­dör­fer. Die Mund­har­mo­ni­ka ha­be er ge­wählt, weil es das volks­tüm­lichs­te Mu­sik­in­stru­ment sei und so­mit zum Te­nor der „Lin­den­stra­ße“pas­se.

Pre­mie­re drei Ak­tu­el­le Ta­ges­zei­tun­gen und Nach­rich­ten­sen­dun­gen wur­den ein­ge­bet­tet. Beim Früh­stück von If­fi, Mo­mo und Ni­co lief Ra­dio – doch der Mo­de­ra­tor sag­te pas­send zur Sen­de­zeit 19 Uhr – und igno­rier­te da­bei völ­lig, dass in der Lin­den­stra­ße ge­ra­de Früh­stücks­zeit war. Das war aber auch schon ei­ner von nur ganz we­ni­gen Feh­lern in den 40 Mi­nu­ten Sen­de­zeit. Ei­ne wei­te­re Pan­ne, die trotz al­ler Trau­er um die Fi­gur für viel Spott sorg­te, war, dass Erich Schil­ler als Lei­che auf dem Bett deut­lich at­me­te. Ei­ni­ge woll­ten es des­halb nicht recht glau­ben, dass Mut­ter Bei­mers Mann wirk­lich tot ist. Die Sen­dung war für Bill Mock­ridge „ein ech­ter Ma­ra­thon“, wie er spä­ter be­kann­te. Er muss­te sich vier­mal um­zie­hen. Schief ge­gan­gen sei nur ei­ne Klei­nig­keit: „Ich glau­be, ich ha­be ein­mal ge­blin­zelt, als ich tot war. Es ist un­glaub­lich schwer, ei­nen To­ten zu spie­len, ich ha­be ab jetzt gro­ßen Re­spekt vor je­der Lei­che im Tat­ort.“

Pre­mie­re vier In der Lin­den­stra­ße läuft die „Lin­den­stra­ße“(bei Dr. Dress­ler im Wohn­zim­mer guckt An­ge­li­na im Fern­se­hen, wie sie Fern­se­hen guckt). Beim ers­ten Ju­bi­lä­um hat El­se Kling an­ge­fan­gen, dar­über zu re­den, dass sie „mei Se­rie schaugn“muss – das war auch un­ge­wöhn­lich, aber da­ge­gen Pea­nuts. Sol­che klei­nen Gags mach­ten die Li­ve-Fol­ge un­ter­halt­sam. Ein wei­te­rer: Je­des Jahr lässt Mut­ter Bei­mer ih­re Weih­nachts­kek­se ver­bren­nen. Je­des Jahr. Sie macht im­mer klei­ne Vö­gel, die je­des Jahr zu schwar­zen Ra­ben wer­den. Das wur­de in der Li­ve-Fol­ge von Ni­co über­nom­men.

Nun gilt es zu klä­ren, wer Erich auf dem Ge­wis­sen hat. Klar, dass erst mal al­le An­ge­li­na in Ver­dacht ha­ben, die smar­te Mak­le­rin, die un­be­dingt das Haus ih­res Ad­op­tiv­va­ters ver­kau­fen will – und da­bei un­er­war­tet auf aus­ge­rech­net Erichs er­bit­ter­ten Wi­der­stand ge­sto­ßen war. Aber so ein­fach wer­den es sich die Lin­den­sträß­ler si­cher nicht ma­chen.

FOTOS: WDR

Schock für Mut­ter Bei­mer (Ma­rie-Lui­se Mar­jan): Aus­ge­rech­net in der Sen­dung zum 30-jäh­ri­gen Be­ste­hen der ARD-Se­rie lie­ßen die Ma­cher ih­ren Ehe­mann Erich Schil­ler (Bill Mock­ridge) ster­ben. Es ist der 47. To­des­fall in der Se­rie.

Erich Schil­ler (Bill Mock­ridge) geht nicht frei­wil­lig. Er war seit 1991 in der Se­rie prä­sent.

Die Darstel­ler, hier Ni­co Zen­ker (Jan­nik Scharm­we­ber), muss­ten sich teils bis zu vier Mal um­zie­hen.

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